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In seinem audio-visuell berauschenden Road Movie reflektiert der Regisseur Walter Salles die Studienjahre des großen Che Guevara und untersucht dessen Persönlichkeit anhand der siebenmonatigen Motorradreise des jungen Medizinstudenten. Hier wurde der Edelstein geschliffen, der wenige Jahre später seinen Namen in der Geschichte verewigen würde.
Das Time Magazin zählt ihn zu einer der einhundert einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts, einem Jahrhundert, in welchem er von den meisten Menschen als der Freiheitskämpfer schlechthin angesehen wird. Ernesto Guevara de la Serna ging gemeinsam mit seinem Freund Fidel Castro in die Geschichtsbücher ein, als Begründer der heutigen Republik Kuba. Alberto Kordas Guerrillero Heroico, ein Konterfei von Guevara, gilt seit Jahrzehnten als politisches Symbol unter Jugendlichen. Schon lange ist Guevara, von seinen Anhängern liebevoll "Che" genannt, zu einer Marke geworden, einer Legende, einem Märtyrer, einem Symbol. Um zu verstehen, wer "Che" Guevara wirklich war, muss man in seine Vergangenheit blicken.
Gut ein Dutzend Filme beschäftigen sich mit Guevara, einer der bekanntesten unter ihnen dürfte Steven Soderberghs siebenstündige Biographie sein, die in zwei Teilen im Kino erscheint (Che - Revolucion und Che - Guerrilla). Die ganze politische Ära des Guerillaführers wollte sich dagegen der brasilianische Regisseur Walter Salles nicht antun. Stattdessen konzentriert er sich in seinem Die Reise des jungen Che vielmehr auf ein besonderes Kapitel des jungen Argentiniers. Ende Dezember des Jahres 1951 machte sich der 23-jährige Ernesto (Gael García Bernal) gemeinsam mit seinem Freund Alberto Granado (Rodrigo de la Serna) auf einer reparierten 500er Norton namens "La Poderosa II" (dt. die Mächtige II) auf, eine siebenmonatige Reise anzutreten, die den Medizinabsolventen bis nach Miami, Florida treiben sollte.
Salles hält sich akribisch an die veröffentlichten Tagebücher von Guevara de la Serna und Granado und arbeitet die Reise der beiden jungen Männer Station für Station ab. Der lobenswerteste Faktor des Filmes ist sicherlich, dass der Brasilianer diesen einfach für sich selbst sprechen lässt, ohne ihn in ein größeres Ganzes einordnen zu wollen. Mit Die Reise des jungen Che analysiert er folglich das ganzheitliche System "Che" anhand des Teilsystems der 1952er Reise durch Südamerika. Und doch begeht der Regisseur den Fehler, seinen Ernesto Guevara mitunter durchaus als "Mini-Che" zu zelebrieren, als hätte der Freiheitskämpfer damals bereits in Guevara geschlummert und sei durch seine Reise aufgewacht. Dass der argentinische Mediziner sich durch die Reise persönlich verändert hat, steht außer Frage. Doch dies ist weniger als Prolog zu verstehen, als ein Frühstadium einer sich kurz darauf bildenden Persönlichkeit.
Guevara, der von seinen Freunden damals Fu-Ser (dt. der rasende Serna) gerufen wurde, hatte sich zu Beginn der fünfziger Jahre weniger mit dem Marxismus als vielmehr mit Gandhi beschäftigt. Im Film selbst schlägt jedoch lediglich mitunter sein "Raidismus" durch. Geographisch gesehen arbeitet Salles das Itinerar der beiden Argentinier jedoch punktgenau ab. Vom ersten Aufenthalt bei Ernestos Freundin Maria del Carmen Ferreyra, genannt "Chichina" (Mia Maestro), bis hin zu jenem alkoholträchtigen Abgang in Lautaro, Chile - es wird sich Zeit genommen, um jenes Abenteuer dieses jungen Mannes zu illustrieren. Eine gewisse Ernsthaftigkeit gewinnt der Film dann, als Ernesto und Alberto Zeugen der Bergbauarbeiterbedingungen in Antofagasta werden. Ohnehin ist es fraglos der Aufenthalt in Peru, der Guevara am eindringlichsten in Erinnerung bleiben wird.
Hier wird Fu-Ser mit der Vergänglichkeit des Lebens und dem Verhalten der Menschen untereinander konfrontiert, als er gemeinsam mit Alberto in San Pablo bei einer Leprakrankenstation angestellt ist. Die Erlebnisse in San Pablo werden Guevara formen und gemeinsam mit seinen anderen Erlebnissen, speziell dem Rassismus der Peruaner gegenüber den Ureinwohnern und der Diskriminierung der Kommunisten, sowie der gesellschaftlichen Schere von Arm und Reich, die Initialzündung für jenen Charakter bilden, der als "Che" in die Geschichte eingehen sollte. Leider zeigt Salles nicht allzu viel von diesen Punkten, abgesehen von der Leprastation, mit welcher er eventuell den Bruch Guevaras mit seiner medizinischen Karriere aufzeigen wollte.
Neben den wunderschönen Landschaftsaufnahmen beeindruckt zudem noch die musikalische Untermalung von Gustavo Santaollala und Jorge Drexler. In seiner Gesamtheit betrachtet ist Die Reise des jungen Che durchaus mehr Road Movie als tatsächliche Biographie. Der bisweilen starke Einschlag der biographischen Züge, die selbstverständlich aufgrund des herrschenden Vorwissens retrospektiv gesehen werden, wirkt dennoch mitunter als Störfaktor. Trotz alledem ist Salles' Film überzeugend in seiner Botschaft und weitestgehend glaubwürdig und authentisch von Bernal und de la Serna gespielt. Für alle Fans von Motorradreisen sollte dies ebenso ein Muss sein, wie für Fans und Interessierte von Ernesto "Che" Guevara. |