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Code 46

(Code 46, 2003)

Dt.Start: 03. März 2005
DVD: 14. September 2005
Premiere: 02. September 2003 (Venice Film Festival, Italien)
FSK: ab 12 Genre: Romanze, Sci-Fi
Länge: 93 min Land: UK
Darsteller: Tim Robbins (William), Togo Igawa (Driver), Nabil Elouhabi (Vendor), Samantha Morton (Maria), Sarah Backhouse (Weather Girl), Jonathan Ibbotson (Boxer), Natalie Jackson Mendoza (Sphinx Rezeptionistin), Om Puri (Backland), Emil Marwa (Mohan), Nina Fog (Wole), Bruno Lastra (Bikku), Christopher Simpson (Paul), Lien Nguyin (Sängerin), David Fahm (Damian Alekan), Jeanne Balibar (Sylvie)
Regie: Michael Winterbottom
Drehbuch: Frank Cottrell Boyce


Inhalt

In der nahen Zukunft wird das Reisen durch bestimmte Papiere legitimiert, die den Zutritt zu den streng bewachten Städten ermöglichen. Familienvater William arbeitet bei einer Sicherheitsgesellschaft, die ihn beauftragt einen Fälschungsdelikt in einer anderen Stadt aufzuklären. Bei seinen Ermittlungen verliebt er sich in die Übeltäterin Maria und beginnt mit ihr eine Affäre. Nach seiner Rückkehr lässt ihn die Erinnerung an Maria nicht mehr los und er macht sich auf die Suche nach ihr.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Code 46 hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 78%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Lutz Granert
Code 46 hat eine Wertung von 78%
In der Welt in naher Zukunft, der heutigen sehr ähnlich, ist die Anwendung der Gentechnik mit all ihren Facetten weit verbreitet. Ein Gesetz namens Code 46 zwingt deshalb Mann und Frau vor dem Eingehen einer sexuellen Beziehung dazu, sich genetisch untersuchen zu lassen. In dieser unterkühlt wirkenden SF-Romanze von Michael Winterbottom (Ein mutiger Weg, 2007) liefert dies den Ausgangspunkt für das Entspinnen einer faszinierenden Ödipus-Geschichte.

Bild aus Code 46 König Laios von Theben ging aufgrund der Kinderlosigkeit seiner Frau Iokaste zum Orakel von Delphi, um es über seine Zukunft zu befragen. Das Orakel prophezeite ihm, dass er - wenn es zu einer Zeugung käme - von seinem Sohn getötet werde und dieser Iokaste, seine Mutter, zur Frau nähme. Als Ödipus geboren wurde, ließ ihm Laios die Füße durchstechen und ein Hirte sollte ihn im Gebirge aussetzen. Doch durch eine unheilvolle Fügung erfüllte sich diese Prophezeiung dennoch.

Code 46 beinhaltet schon im Titel jene Verletzung des Inzest-Tabus, wie es durch König Ödipus vollzogen wurde. In der nahen Zukunft, in der die Anwendung der Klontechnologie und In-vitro-Fertilisation an der Tagesordnung sind, ist die Fortpflanzung zwischen Menschen mit mindestens 25%iger genetischer Übereinstimmung nicht gestattet. Als Ermittler William (Tim Robbins, Das geheime Leben der Worte) die in einem Betrugsfall verdächtige Maria (Samantha Morton, Elizabeth - Das goldene Königreich) kennenlernt, entflammt sofort eine Liebe ohne Zukunft: Maria ist ein genetischer Klon von Williams Mutter. William muss mit dem System brechen, dessen treuester Diener er bisher war, indem er dieses Mal nicht aufklärt, wer gefälschte Papeles (eine Art von Visa) herstellt und verbreitet. Diese aufgrund von genetischen Faktoren vergebenen Papeles bilden den Verbindungspunkt zwischen "innen", dem Zugang zur Stadt, und "außen", der Verbannung im unwirtlichen Ödland. Auch hier lässt sich wieder eine Verbindung zum ausgesetzten Ödipus erkennen, dem es aus Gründen des Schutzes (im Film an Papeles geknüpft) nicht gelingen soll, zu dem Ort vorzudringen, wo die unerwünschte Auslebung des Tabus vollzogen werden kann.

Die Weissagung des Orakels von Delphi ist dabei dem jährlich zu ihrem Geburtstag wiederkehrenden, prophetischen Traum von Maria gewichen. In einer U-Bahnlinie muss sie eine bestimmte Person finden, die Anzahl der verbleibenden Stationen bis zum Ziel nimmt mit jedem Geburtstag ab. Als der Geburtstag ansteht, wo sie zur letzten Station gelangen soll, begegnet sie William. Beide verlieben sich ineinander und finden unausweichlich ihr Schicksal, welches Maria mit der letzen Station verknüpft. Doch ihr Schicksal hält die spätere Enthüllung von Marias genetischer Identität bereit. William, der in seiner Tätigkeit als Ermittler stets Suchende, hat seine ihm unbekannte Mutter (bzw. einen Klon von ihr) endlich gefunden. Doch seiner Liebe zu ihr tut dies keinen Abbruch. Die mythologische Geschichte um das Schicksal des Ödipus transformiert sich in der Psychologie der Figur des William zum Ödipus-Komplex: Dem sexuellen Begehren nach der eigenen Mutter geht eine Rebellion gegen den rivalisierenden Vater einher. Letzterer wird vergegenständlicht durch "die Sphinx", einer nicht näher definierten, übermächtigen Kontroll- und Überwachungseinheit der Gesellschaft, in deren Auftrag William tätig ist und auch in diesem Fall handeln soll. Doch die Handlungsmotive Liebe und Pflichtergebenheit sind miteinander unvereinbar.

So wird die Entfaltung der Liebe auch schlussendlich durch die Bedingungen und Gegebenheiten der modernen Gesellschaft entscheidend gestört und separiert die Liebenden. In dieser Gesellschaft hat die Medizintechnologie nicht nur in der Genetik ihre Vollendung erfahren, sondern auch bei Eingriffen ins Erinnerungszentrum des Gehirns. Unliebsame Informationen über bestimmte Personen können durch gezielte Operationen in entsprechende lokale Regionen gelöscht oder durch "Placebo-Erinnerungen" ersetzt werden. So ist es nicht mehr nötig, dass William sich im Sinne von König Ödipus die Augen aussticht: Das Verbrechen hat er nicht mehr begangen und er kann (von einer Seite aus) unbedarft in den Schoß seiner Familie zurückkehren. Die Schuld, die er auf sich geladen hat, wird durch einen Eingriff in seine Erinnerungen von ihm genommen. Der Wunsch, mit der begehrten Person zusammen zu sein, wird nicht erfüllt; das gefundene Liebesglück ist nicht von Dauer, sondern endet. Michael Winterbottoms Film 9 Songs, der vor allem durch grafische Sexszenen für Aufmerksamkeit sorgte, verläuft in der Konsequenz sehr ähnlich.

Sehr eindrucksvoll ist dabei, wie stimmig Winterbottoms Film es schafft, die Zukunft ins Heute zu transportieren. Gesprochen wird eine Art internationale Pidgin-Verkehrssprache, die sich u. a. aus Elementen des Englischen, Französischen, Italienischen und Spanischen zusammen setzt. Die tatsächlich modernen Architekturen Shanghais, welche futuristisch wirken und als Originalschauplätze für den Film verwendet wurden, wurden nur um einige Gimmicks erweitert: Ein digitaler Bilderrahmen wird zum digitalen Filmrahmen, personalisierte Terminplaner werden auf Displays sichtbar. Code 46 durchdringt dabei eine unterkühlte Distanz, die sich durch weitgehend in kalte Farben getauchte Innenräume ausdrückt. Dieser sachlich-nüchterne Stil, der auch das Potenzial an Spannung, welches die Geschichte beinhaltet, nicht ausschöpft, unterbindet trotz des Filmens mit einer agilen Handkamera auch die Lebhaftigkeit der beiden Hauptfiguren, mit denen nur sehr schwer eine Identifikation möglich ist. Winterbottom schien sich zuvörderst für die Illustration der kalten, technisierten und globalisierten Zukunftswelt anstatt für die dramatisch, aber nicht tragisch verlaufende Liebesgeschichte und die daraus entspringenden Emotionen zu interessieren. Damit steht er dem ähnlich gelagerten Film Gattaca nahe, in dem Menschen auch aufgrund ihrer genetischen Prädisposition die Partizipation am gesellschaftlichen Leben in bestimmten Bereichen eingeschränkt wird. Auch dort wird die nicht-architektonisch genutzte Außenwelt bisweilen in milchige Pastelltöne getaucht, die sie unwirklich erscheinen lässt. Die sich dort andeutende Liebesgeschichte bleibt entsprechend den Genre-Vorbildern wie THX 1138 ähnlich unterkühlt.

Schlussendlich lässt sich feststellen, dass Michael Winterbottom auch mit dieser Science-Fiction-Romanze seine Prinzipien des unabhängigen Filmemachens nicht verletzte. Er setzte in der Konstruktion seiner mit einem geschätzten Budget von 7,5 Mio. Dollar preisgünstigen Zukunftsvision weiterhin auf Realismus, drehte sehr viel an Originalschauplätzen. Doch während jene in London und Shanghai futuristisch-technisiert wirken, stellt er ihnen prekär-öde wirkende Orte in Dubai und Indien gegenüber. In der Gesellschaft der nahen Zukunft wird die Kluft zwischen "Innen" und "Außen", zwischen urbaner Metropole der Industrienation und ruraler Wüste der Schwellenländer noch größer. Das ist eine Entwicklung, die auch heute schon beklemmend real an morgen erinnert.



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