Der Schweizer Film befindet sich seit ein paar Jahren im Aufwind und inzwischen kann man sagen, dass diese Produktionen einem internationalen Vergleich immer besser standhalten können. Der aktuellste Beweis dafür ist Cannabis von Regisseur und Drehbuchautor Niklaus Hilber. Trotz des eindeutigen Titels handelt es sich jedoch nicht um einen "Drogenfilm", sondern vielmehr um eine liebevolle Komödie über einen Politiker, welcher einsehen muss, dass er in seinem Leben vieles falsch gemacht hat. Der Film überzeugt durch seine Realitätsnähe, die soliden Darsteller, die Seitenhiebe auf die Politik der heutigen Zeit, den erfrischenden Humor und seiner grossen Portion Herz.
Nach jahrelangem politischen hin und her in der Schweizer Drogenpolitik hat sich Niklaus Hilber mal vorgestellt wie es wäre, wenn ein biederer Bundesrat aus gesundheitlichen Gründen plötzlich gezwungen ist etwas zu sich zu nehmen, was er selbst in seiner gesamten Karriere verteufelt und bekämpft hat. Dieser Stoff kann natürlich nur Cannabis sein, und an diesem scheiden sich die Geister: für die einen als "Einstiegsdroge" extrem gefährlich, ist es für andere doch eher das "grüne Pendant" zu Alkohol. Der Film begnügt sich somit auch damit nur einmal darauf hinzuweisen, dass es ähnliche negative Nebenwirkungen gibt, wie beim übermässigen Genuss von allgemein akzeptierten alkoholischen Getränken... schliesslich kommt es immer auf die Menge an, egal worum es geht.
Gleich zu Beginn von Cannabis lernen wir Bundesrat Mumentaler (hervorragend gespielt von Hanspeter Müller-Drossaart) kennen, welcher gerade eine neue Anti-Drogen-Kampagne mit dem Namen "No Drugs But Rock'n'Roll" propagiert. Natürlich interessiert dies in der Schule wo der Vortrag stattfindet mehrere Schüler überhaupt nicht, weswegen Sie zum Protest gleich mal einen Joint anzünden. Doch abgesehen davon, dass seine Ideen auf nur wenig Interesse stossen, hat Mumentaler noch viele andere Probleme: die neue Partei-Präsidentin hält nicht viel von seinen veralteten Handlungsweisen und will Ihn loswerden, seinen Sohn kennt er kaum, seine Frau will sich von Ihrem arbeitssüchtigen Mann scheiden lassen und zu allem Überfluss diagnostiziert ein Augenarzt auch noch den Grünen Star bei ihm: entweder Mumentalers Augendruck kann gesenkt werden, um eine Operation zu ermöglichen, oder er sieht einer blinden Zukunft entgegen. Als wäre das nicht genug, reagiert unser Bundesrat auf die verschriebenen Augentropfen nicht wunschgemäss, weshalb es für Ihn nur noch einen Ausweg gibt: er muss Cannabis konsumieren, damit die Operation doch noch stattfinden kann! Leider, leider hat er sich aber selbst so stark gegen eine Legalisierung eingesetzt, dass er - natürlich nach anfänglichen Bedenken - sich in die Illegalität begeben muss, um an das "Wundermittel" heran zu kommen. Dies bekommt er von seiner Zufallsbekanntschaft Remo (Joel Basman) - seines Zeichens bekennender Kiffer und genau derjenige, welcher bei Mumentalers Vortrag einen "J" in Umlauf brachte - mit welchem sich in der Folge eine herzliche und tiefe Freundschaft entwickelt. Hierbei lernt der inzwischen aufgelockerte und plötzlich sehr beliebte Politiker, dass er seine Prioritäten bisher nie so gesetzt hat, wie es eigentlich sinnvoll gewesen wäre. Was folgt sind witzige und zum Teil sogar sehr niedliche Situationen, welche den Zuschauer einfach immer wieder zum Schmunzeln und Lachen bringen können, und auch immer wieder direkt ins Herz treffen... auf angenehme Art und Weise. Die Gangart des Filmes ist sehr gemütlich - halt eben typisch "Schweizerisch". Dass dies auch perfekt zum Klischee des ewig umhergammelnden Kiffers passt, rundet das Gesamtbild ab. Und dennoch bekommt man hier einmal eine andere Sicht auf die ganze Thematik geboten, welche erfrischend und unterhaltend zugleich ist - sofern man sich mit der Idee anfreunden kann, dass es sich bei Cannabis um eine "leichte Droge" handelt. Wer dies nicht so sehen kann oder will (egal, ob aus Überzeugung, Erfahrung oder sonst einem Grund), wird diesen Film wohl kaum gutheissen. Doch genau darum geht es hier: der Film zeigt in verschiedenen Situationen immer wieder, warum es manchmal sinnvoll ist, wenn man offen für andere Meinungen als die Eigene ist. Aufgrund des sensitiven Themas werden aber wohl genau diejenigen, welche diesen Tipp gut gebrauchen könnten, nicht ins Kino gehen. Schade eigentlich, denn einen ähnlich guten, kritischen, lustigen und nicht zuletzt mutigen "Feelgood-Film" hat man lange nicht mehr gesehen!
Darsteller, Score und Regie erfüllen allesamt Ihren Zweck und es gibt immer wieder sogar ein paar überzeugende Glanzpunkte (vor allem die sehr gelungenen Kommentare zur Politik und in Bezug auf zwischenmenschliches Verhalten). Ansonsten bekommen wir eine solide Handlung, viel Situationskomik, einen immer wieder auftauchenden Sidekick aus dem Balkan (welcher einfach bei jeder seiner Szenen einen Lacher landet), ein paar tiefgehende Lebensweisheiten und ein klassisches Happy-End geboten. Abgerundet wird das Ganze mit einer gehörigen Portion Mut des Regisseurs, welcher hier klar Stellung bezieht und keine Hand vor den Mund nimmt. Dennoch kann man nur mit Einschränkung von einer Verharmlosung sprechen, was den einzigen grösseren Kritikpunkt darstellen könnte. Ansonsten ist die Handlung ab und zu ein wenig vorhersehbar (vor allem gegen Ende) und Joel Basman wirkt punktuell etwas hölzern, was aber - bedenkt man seine Rolle - durchaus auch gewollt sein könnte.
Wer nach Reefer Madness und V wie Vendetta noch nicht genug von Satiren und Dramen über staatliche Angstmacherei hat (und sich mit dem Thema anfreunden kann), dem sei dieser herzlich-amüsante Film wärmstens empfohlen. Der Schweizer Film beweist nun nicht mehr nur, dass auch Eidgenossen gute Filme machen können, sondern auch dass die hiesige Filmszene auch gelernt hat Risiken einzugehen: es hat sich gelohnt!