Vincente Minellis Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft (1956) wird allgemein unterschätzt und von Filmhistorikern oft als Kitsch bezeichnet, insbesondere auch von Kunsthistorikern, die Vincent van Gogh-Biographien schreiben. Man mokierte sich über Minellis Stil der pathetischen Überhöhung, die allzu bunten Bilder und nicht zuletzt über die stereotypen Hollywood-Erklärungsmuster: das Künstler-Genie scheitert am bürgerlichen Status Quo und findet demzufolge kein Glück. In Wirklichkeit jedoch ist Lust of Life ein Meisterwerk des amerikanischen Rebellionskinos der 1950er Jahre.
Die zuweilen sarkastische Ablehnung von Lust of Life unter Intellektuellen mag vielleicht daran liegen, dass Minelli eher für Verfilmungen von knallbonbonbunten Broadway-Musicals (Brigadoon, 1954 und Ein Amerikaner in Paris, 1951) bekannt wurde, und die waren zugegebenermaßen geradezu triefend vor Kitsch. Andererseits galt Minelli aber auch als anerkannter Theaterregisseur, bevor er in den 1940er Jahren nach Hollywood kam, um - so Filmhistoriker - das "Hollywood-Musical neu zu erfinden". So wagte sich der Sohn sizilianischer Migranten auch hin und wieder an anspruchsvolle Literaturverfilmungen (z.B. Madame Bovary, 1949). Auch Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft basiert auf einer gleichnamigen Roman-Biographie von Irving Stone aus dem Jahr 1934.
Die hollywoodsche Filmbiographie des holländischen Malers orientiert sich im Großen und Ganzen an den bekannten Eckdaten seines Lebens. Irving Stone erklärte in einem Nachwort, dass die Hauptquelle für Buch und Drehbuch die geradezu ausufernde briefliche Korrespondenz zwischen Vincent und seinem Bruder, dem Pariser Kunsthändler Theo van Gogh, war. So kommentieren Vincents geschriebene Zeilen aus dem Off immer wieder die Handlung, die anfänglich vom steinigen Weg zur Selbstfindung als Künstler erzählt. Der Film konzentriert sich vor allem auf die zahlreichen privaten und beruflichen Enttäuschungen, die der junge van Gogh in seiner Sturm und Drang-Phase erlebt: die Ablehnung durch den streng protestantischen Vater, der den jungen Vincent schlicht für unbeherrscht und faul hält; das Scheitern als Theologe und Priester aufgrund einer eher gnostischen Interpretation des neuen Testaments, die für das Establishment des holländischen Klerus selbstverständlich völlig unverständlich bleibt. Die Demütigungen und Herabsetzungen erreichen schließlich ihren Höhepunkt, als er auch von einem Mädchen aus gutem Hause abgelehnt wird, aufgrund seines allzu stürmischen und unangepassten Temperaments.
Mitte der 1950er Jahre erlebte das klassische Hollywood Erzählkino einen zuvor nie gekannten Höhenflug, in der geradezu fließbandartig bildgewaltige Historienschinken, kitschige Melodramen oder zuckersüße Musicals verfilmt wurden - leicht bekömmliche Kost eben. Zur selben Zeit aber entstanden auch sozialkritischere Filme wie Die Faust im Nacken (1954), Endstation Sehnsucht (1951), Jenseits von Eden, (1955) und ...denn sie wissen nicht was sie tun (1955). Marlon Brando und James Dean verkörperten den ewig scheiternden Rebellen gegen den Status Quo. Sie spielten raue, gequälte, unangepasste, sexy "Misfits", die die Fantasiewelten von Millionen Teenager-Mädchen bevölkerten. Begeistern konnte diese neue Schauspieler-Generation vor allem mit ihrem am "Method Acting" geschulten leidenschaftlichen und authentischem Stil. Auch Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft ist einer dieser Rebellionsfilme aus den 1950ern. Kirk Douglas' Interpretation von Vincent van Gogh kann man sogar getrost als einen der Höhepunkte des leidenschaftszerfressenen Method Acting aus dieser Ära bezeichnen - eine Darstellung die kein bisschen weniger wild, unkontrolliert und gefährlich war als Brandos und Deans Charaktere.
Kirk Douglas' Vincent ist ein Mann, der etwas leisten, beitragen und vor allem kreieren will, immer aber wieder an der Gesellschaft scheitert. Schließlich lehnt er alle bürgerlichen Glücksvorstellungen und Familienwerte ab, um sich ganz einem Eigenbrötler-Dasein als Künstler in der französischen Provence zu verschreiben. Ob aus eigenem Antrieb oder als Resultat der zuvor erlittenen Enttäuschungen, lässt der Film mehr oder weniger offen, zumal sich Vincents psychische Leiden im Verlauf des Films zunehmend verstärken. Sein Leben scheint ganz nach dem Motto "Leidenschaft schafft Leiden" zu verlaufen, doch diese Leidenschaft ist auch Quelle einer geradezu unvorstellbar enormen kreativen Schöpfungswut. Diese Provence-Phase ist zugleich auch einer der Höhepunkte in Minellis Film. Die zunehmende Psychose van Goghs vereint sich fast unsichtbar mit einer zunehmenden Ähnlichkeit, oder vielleicht besser ausgedrückt, Verliebtheit der filmischen Bilder mit dem expressionistischen Spätwerk des Holländers. Plötzlich verschwimmen Ölbild und Celluloid miteinander. Van Goghs Bilder werden Ausdruck des inneren Zustands seines Schöpfers, und die filmische "Untermalung" unterstreicht dieses schicksalhafte und zunehmend bedrohliche Narrativ.
Vincent scheint die Ideale, die er sucht, nur in der Malerei finden zu können, doch teils aufgrund seiner Unfähigkeit sinnvoll am sozialen Leben teilhaben zu können, teils auch, weil ihm seine Malerei weder die Bestätigung durch Kollegen, noch den Lebensunterhalt einbringt, erschießt er sich zum Schluss, in einer der wohl irritierendsten Schlussszenen des Hollywoodfilms der 1950er Jahre. Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft ist ein vollkommen unterschätzer Schlüsselfilm des amerikanischen Kinos und ist nicht nur Vorbild aller Filmbiographien, die nach ihm erschienen sind: der Film ist vor allem auf einer für jene Zeit geradezu irritierende Art und Weise aggressiv, gefährlich und psychotisch und nahm Vieles vorweg, dass man sich erst in den späten 1960er und 1970er Jahren zu thematisieren traute.