Vergeltung hat ein weibliches Gesicht im abschließenden Teil von Park Chan-wooks ebenso grausamer wie zärtlicher Rachetrilogie, die 2002 mit Sympathy for Mr. Vengeance ihren Anfang nahm und deren zweiter Teil Oldboy 2004 in Cannes zu Recht den Großen Preis der Jury gewann. Und wieder steht anders als in den meisten Hollywood-Produktionen bereits nach wenigen Szenen fest, dass hier niemand unversehrt oder triumphierend rauskommen wird.
"Ich wollte Rache als Mittel der Erlösung zeigen, durchgeführt von einem Menschen, der danach trachtet, seine Seele zu retten", kommentiert der südkoreanische Regisseur seine Motivation hinter Lady Vengeance. Während sich der erste Teil auf eine minimalistische, ruhige Art mit dem Thema Entführung und der zweite, ästhetisch exzessivere, mit dem der Gefangenschaft beschäftigt, beide um leicht entzündbare männliche Protagonisten kreisend, ist der dritte eine meditative Reflexion von düsterer, teils surreal bebilderter Schönheit über die Sühne einer äußerlich sanften und kontrollierten, innerlich aber zerrissenen und nicht minder gefährlichen Frau und Mutter.
Alle drei haben gemeinsam, dass die Grenze zwischen Gut und Böse fließend und nicht mehr auszumachen ist. Die körperlichen und seelischen Konsequenzen der Selbstjustiz für den Rächer und sein Hassobjekt, für zufällig Betroffene und die Gesellschaft, sind jenseits des Mess- und Aufhaltbaren. Eine Spirale der Gewalt und Schuld ist im Gang, die kein Anfang und kein Ende kennt. Familien und im besonderen Kinder spielen eine zentrale, auslösende Rolle. Und alle drei sind nicht zimperlich, wenn es darum geht, kreative Bestrafungs- und Foltermethoden aufzufahren. Lady Vengeance mag in dem, was explizit im Bildrahmen zu sehen ist, der Zurückhaltendste sein, in der Wirkung, die er hierbei hinterlässt, ist er aber nicht weniger einschneidend und nachhallend als seine Vorgänger.
Die erste Hälfte des Films wird von Seitenpfaden, Einschüben und Zeitsprüngen dominiert, die es teilweise schwer machen, der Handlung zu folgen und die vielen vorgestellten Figuren einzuordnen. Eine Technik, mit der auch Quentin Tarantino - bekennender Fan des Südkoreaners - immer wieder gerne spielt, zuletzt in Kill Bill - Volume 1 und Kill Bill - Volume 2. Diese haben ebenfalls den blutigen Rachefeldzug einer Frau und Mutter zum Thema, in ihrer stets augenzwinkernden Umsetzung und optimistischen Auflösung sind sie aber weit von der (a)moralischen Radikalität und tragischen Hoffnungslosigkeit ihres asiatischen Nachfolgers entfernt, der dabei auch nicht ohne Humor ist, allerdings eher staubtrocken als ironisch.
Später verlangsamt sich das Erzähltempo, im Mittelteil etwas zu sehr, doch die geforderte Geduld wird am Ende mit der unausweichlichen Konfrontation zwischen der Rächerin (Lee Young-ae) und ihrem ehemaligen Lehrer (Choi Min-sik, Titelheld aus Oldboy) belohnt, die in erster Linie aufgrund ihrer psychologischen Intensität fesselt, schockiert und lange nach dem Abspann verfolgt, nur an zweiter Stelle mittels der tatsächlich dargestellten Gewalt. Rache bei Park Chan-wook und in Lady Vengeance ist kein hohles Abschlachten, durch das die Welt der Involvierten und ihre Ordnung im Sinn einer amerikanischen Traumfabrik wieder hergestellt werden kann. Sie hinterlässt unauslöschliche Spuren, besitzt gleichzeitig eine enorme Brutalität und Menschlichkeit und schmeckt bitter statt süß.