|
Wenige zeitgenössische Regisseure können dem Mexikaner Guillermo Del Toro (Hellboy) das Wasser reichen, wenn es darum geht, fantastische und reale Welten zu verbinden. Sein neuestes Werk ist eine "Alice im Wunderland" zur Zeit der spanischen Franco-Diktatur. Ein ebenso brutales wie sinnliches Märchen für Erwachsene, bevölkert von unvergesslich furchteinflößenden und bezaubernden Wesen.
Die herausragendste Qualität von Pan's Labyrinth ist die, in naives Staunen zu versetzen. Von der ersten Einstellung an wird man von unsichtbarer Hand gepackt, nicht wieder losgelassen und direkt zurück in die Kindheit katapultiert, in der man mit offenem Mund und aufgerissenen Augen Geschichten über gemeine Stiefmütter und den bösen Wolf gelauscht hat, die einem wohlige Schauer über den Rücken jagten und von denen man nicht genug bekommen konnte, selbst wenn man dafür Alpträume in Kauf nehmen musste.
Hier ist es der Stiefvater, der Angst und Schrecken verbreitet und die einzigartigen, hochkreativen Gestalten, die Autor und Regisseur Del Toro erschaffen hat, stellen jeden Wolf in den Schatten: darunter eine lebendige, sich windende Wurzel, die einer großen Ingwerknolle ähnelt, in einer Schale Milch badet und entzückend glucksende Babylaute von sich gibt; oder eine geisterhafte, mannähnliche Kreatur mit leichenblasser Haut, die faltig über seinem knochigen Körper hängt und dessen blutunterlaufende Augen statt im Gesicht in seinen Handflächen sitzen.
Einige sondern komische, bizarre Geräusche ab, die mindestens so einlullend und effektvoll sind wie ihr außerordentlich organisches Aussehen, das immer konkret und greifbar ist, nie künstlich wirkt. Wie Ofélia wird man von ihrer dunklen, schmutzigen und schleimigen Unterwelt magisch angezogen und möchte eigentlich nicht mehr in die ebenso düstere, aber eben auch nüchterne Realität auftauchen, obwohl Del Toro die Übergänge zwischen beiden flüssig und ohne Sprünge gestaltet.
Die Wirklichkeit des Faschismus und speziell deren Auswirkungen auf das Leben von Kindern hat der Regisseur schon einmal 2001 in The Devil's Backbone thematisiert, in dem der Geist eines kleinen Jungen während des spanischen Bürgerkrieges in einem abgelegenen Waisenhaus umgeht. "This is not a ghost story. It is a story with a ghost", betonte Del Toro damals den feinen Unterschied, der deutlich macht, welcher Funktion die Fantasy-Elemente auch in Pan's Labyrinth dienen. Sie gehen anders als im reinen Horror- und Mystery-Genre über den Selbstzweck hinaus, können als politische Symbole gelesen werden und testen vor allem Charakter und Seele der Hauptfigur, die in Zeiten kollektiver Gleichschaltung und Unterordnung auf ihr ganz persönliches Gewissen hören muss, um sich nicht in ein menschliches Gespenst oder Monster zu verwandeln. |