|
Die "Slums" von Wien, Tschechien und Indonesien sind Schauplätze eines herausragend besetzten, geschriebenen und inszenierten Films des österreichischen Autors und Regisseurs Michael Glawogger, in dem die ebenso schützende wie einengende Grenze des Bekannten - das Ghetto des Vertrauten - überschritten wird, Arm und Reich gleichermaßen bei Null anfangen und daran wachsen oder scheitern.
Slumming ist eine schwarzhumorige, philosophische Studie von Menschen, die nur auf den ersten Blick aus konträren Welten zu stammen scheinen, aufeinander treffen und aus ihrer Umgebung gerissen werden: Was mit ihnen passiert, wenn sie ihren fest abgesteckten äußeren und inneren Kosmos verlassen, an fremde Schauplätze oder Leute geraten, die etwas ihn ihnen auslösen, neue Wege aufzeigen und ein Zurück ins Altbekannte schwierig bis fast unmöglich machen. Dabei geht es nicht bierernst und belehrend, sondern bissig und rotzig zu. Ein Film, der anfangs in einem schnellen, von Elektro-Musik unterlegten Rhythmus pulsiert, der mitreißt und auch aufgrund seiner Frechheit und Respektlosigkeit Spaß macht, um später mehr ins Nachdenkliche zu driften.
August Diehl (Ich bin die Andere) als Sebastian erinnert in Aussehen und Präsenz an den jungen Christopher Walken. Schmal, blass und mit dunklen Augenringen, immer an der Kante zum emotionalen Ausbruch oder körperlichen Angriff, strahlt er gleichzeitig Weichheit und Härte mit Tendenz zum leichten, unterschwelligen Wahnsinn aus. Seine Figur - treibende und amoralische Kraft des Männerduos und weit davon entfernt, ein Sympathieträger zu sein - ist so spannend zu beobachten, weil sie wenig an Motivation oder Rechtfertigung offenbart und ihr alles zuzutrauen ist. Erst durch die Begegnung mit Pia (Pia Hierzegger) zahlt Sebastian zum ersten Mal einen persönlichen, für ihn unerwartet schmerzlichen Preis für sein bis dahin konsequenzloses Handeln.
Mindestens so stark agiert der gebürtige Österreicher Paulus Manker (Schlafes Bruder) als Obdachloser Kallmann. Der Alkoholiker besitzt anders als Sebastian kein Geld, dafür aber einen ähnlichen Hang zu plötzlichen Wutausbrüchen, die sich in seinem Fall wahllos gegen Passanten auf der Straße richten, die ihm seine selbst verfassten Gedichte nicht zu überteuerten Preisen abkaufen wollen. Wie alle Figuren wird auch Kallmann eine Katharsis durchleben, in der verschneiten Einöde und Wildnis Tschechiens, durch die Begegnung und Mitwirkung eines waschechten "Bambis", des Abbildes der heiligen Maria - die sich von ihm als "Du Luder, du" anreden lassen muss - und mehrerer Gartenzwerge, die aus einem zugefrorenen Teich hartnäckig an die Oberfläche drängen.
Das neueste Werk des Autors und Regisseurs Michael Glawogger, der in den letzten Jahren überwiegend durch seine mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilme (darunter Workingman's Death) auf sich aufmerksam machte, ist nur schwer einzuordnen und gerade deswegen so besonders sehenswert. Es ragt aus der Masse heraus, weil es sich traut, genreübergreifende Kurven einzuschlagen, die mit ihren Abstechern ins Märchenhafte, Mystische und Moralische zwar nicht hundertprozentig überzeugen, aber durchweg fesseln und faszinieren, weil sie bis zum Schluss ins Ungeahnte und Überraschende führen. Sowohl Lebensgefühl und Sprache des Yuppies als auch des Penners - beides Gestrandete und Gefangene ihrer selbst und ihrer Umstände - fängt es in hochgradig unterhaltsamen und originellen Situationen und Dialogen ein. Sie zeugen von einer scharfen Beobachtungsgabe und einem speziellen, sehr wirkungsvollen - vielleicht typisch österreichischen - Humor. Ein Film mit einem ganz individuellen, eigentümlichen Ton und erstaunlich viel Verve. |