Als einziger Überlebender eines Zugunglückes bricht Ashoke Ganguli von Indien nach Amerika auf, um sein Glück zu machen. Doch dem Erfolg als Geschäftsmann steht das Versagen als Vater entgegen. Sohn Gogol versteht erst nach dem Tod des Vaters, warum sein Name eine so gewichtige Bedeutung hat. Mira Nair porträtiert in The Namesake - Zwei Welten, eine Reise das Verschmelzen der Kulturen als gefühlvolles Familiendrama und feiert die Toleranz als Schlüssel zum Glück.
Die Popularität des indischen Film ist schneller und stärker angewachsen, als viele gedacht haben. Den Erfolg in Europa verdanken die bunten Gefühlsdramen made in Bollywood nicht nur dem gestiegenen Interesse am Weltkino sondern modernen Pionieren wie Mira Nair, deren Filme Salaam Bombay (1988), Kama Sutra (1996) oder Monsoon Wedding (2001) das entfernte Bollywood im Westen überhaupt erst bekannt gemacht haben. Immer wieder kehrt die Inderin mit Wohnsitz New York zum Thema "Zusammenprall der Kulturen" zurück wie in in ihrem neuesten Werk The Namesake - Zwei Welten, eine Reise. Darin reflektiert sie einmal mehr über ihre eigene Situation als Inderin in Amerika, wenn sie die Geschichte einer Immigrantenfamilie in den USA erzählt.
Oberhaupt Ashoke Ganguli (Irfan Khan) bricht aus dem beengten, traditionellen Indien der Siebziger Jahre auf, um in Amerika sein Glück zu suchen. Eigentlich hatte er mit der Fremde nichts am Hut, doch nun, nach einer arrangierten Hochzeit, steht er mit seiner konservativen Frau Ashima (Tabu) vor dem Neuanfang im nasskalten New York. Als Hypothek hat Ashoke die schmerzhaften Erinnerungen an ein Zugunglück im Gepäck, das er als einziger überlebte. Seit dieser zweiten Chance will der Fan des russischen Dichters Nikolai Gogol die Welt nicht mehr aus zweiter Hand und Büchern erleben, sondern selbst entdecken. Und weil ihm diese Neuanfang so viel bedeutet, nennt er seinen Sohn Gogol Ganguli (Kal Penn). Doch Gogol hasst seinen Namen und tauscht ihn lieber gegen einen amerikanisierten ein. Überhaupt ist das Verhältnis zum Vater gespannt, weil dieser trotz seiner Sympathien für das Leben im Westen an den mitgebrachten indischen Traditionen festhält und weder seine Gefühle noch seine Gedanken mit den Kindern teilt. Als Gogol in Yale studiert und eine amerikanische Freundin hat, ist neben großer Distanz auch eine Mauer des Scwheigens und Missverstehens entstanden. Sogar die Schwester sucht ganz unindisch ein Leben abseits der Familie. Doch dann stirbt Ashoke plötzlich und die Familie bricht zum Begräbnis nach Indien auf. Dort sind der verwestlichte Gogol und seine Schwester selbst Fremde, weshalb er gezwungen ist, sich erstmals wirklich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen...
The Namesake - Zwei Welten, eine Reise erzählt vom Verlust. Ashoke und Ashima verlieren ihre Wurzeln, verlieren ihre Kinder an eine andere Kultur und oftmals fragen sie sich, ob sie sich nicht schon selbst, ihre Identität verloren haben. Gleichzeitig porträtiert das Drama die Suche nach einem Platz im Leben und in der Gesellschaft. Identität, Geborgenheit in Familie und Partnerschaft fallen schwer in einer Umgebung voller Gegensätze, die man nicht auflöst. Doch dank des Titelgebenden Namensvetters, des tragisch-romantischen Dichters Gogol, erzählt Mira Nair in den zwei Stunden Unterhaltung auch vom Finden und Vervollständigen. Der stille Ashoke, der in seiner Frau unerwartet eine starke Partnerin findet, findet bei einem russischen Dichter jenen Anstoß, der ihm die Welt öffnet. Und auch sein Sohn kann trotz Yale-Bildung nur über das Idol des Vaters die eigenen Wurzeln entdecken.
Drama und Komödie geben sich in der sensiblen Romanverfilmung nach Jhumpa Lahiri die Hand. Nair demonstriert, dass beim Zusammenprall der Kulturen Scherben oder Glück eng beieinanderliegen. Die Menschen haben es selbst in der Hand, was sie aus der Situation machen wollen. Zwischen dem grauen und kalten New York und dem brütendheißem Kalkutta liegt eine bunte, westliche wie exotische Welt, die entdeckt werden will. Gefühlvoll und ohne den ausgeprägten Pathos von Bollywood-Schmachtfetzen kreiert Nair ein ambivalentes Bild der indischen Immigranten stellvertretend für alle Fremden in fremden Ländern. Der inneren Zerrissenheit setzt Nair nicht die Anpassung sondern die Akzeptanz und die Toleranz entgegen. Aus dieser Grundhaltung kann der Frieden mit der anderen Kultur und das Abbauen von Barrieren Erfolg zeitigen. The Namesake - Zwei Welten, eine Reise ist sehenswertes modernes Erzählkino, das lieber differenziert als gleichmacht.