Nicholas Hytners (Center Stage) Leinwandversion des vielfach ausgezeichneten tragischkomischen Bühnenhits von Alan Bennett ist streng genommen kein Film, sondern ein abgefilmtes Theaterstück mit Musicaleinlagen. Was bei den überdurchschnittlich witzigen Dialogen und der hervorragenden, weitgehend ursprünglichen Besetzung allerdings kaum ins Gewicht fällt.
"How would you define history?" "It's just one fucking thing after another." Für acht Schüler, die von ihren Geschichtslehrern für ein Stipendium an den Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge vorbereitet werden, stellt sich die Frage: Antworte ich vor der Prüfungskommission möglichst eloquent und Erfolgs versprechend oder wie in diesem Fall einfach ehrlich? Außerdem: Ist Bildung lediglich Mittel zum Zweck, oder dient sie nicht vor allem der Persönlichkeitsentwicklung? Derartige Fragen wurden natürlich bereits in zahlreichen Lehrer-Schüler-Dramen und -Komödien behandelt - unter anderem in Club der toten Dichter - allerdings selten so geistreich und scharfsichtig, pointiert und wortwitzig wie hier.
Für den alten Hector (ein zwischen Albernheit und Traurigkeit schwankender Richard Griffiths, Per Anhalter durch die Galaxis), der unorthodoxe Lehrmethoden bevorzugt und deshalb dem konservativen Schuldirektor ein Dorn im Auge ist, steht eindeutig die Menschwerdung und Freude am Lernen im Vordergrund. Er lässt seine Schüler Literaturzitate raten und Filmszenen nachstellen und -singen, die auch gerne mal im Bordell spielen dürfen. Die lieben ihn dafür, respektieren ihn aber nur begrenzt als Autorität und Vorbild. Das liegt auch daran, dass der schwule Hector seine ausschließlich männlichen Schüler nach dem Unterricht gerne auf dem Rücksitz seines Motorrades mitfahren lässt, um sie dann an der nächsten Straßenkreuzung "abzutasten".
Eine der Besonderheiten von Bennetts Stück und Hytners Adaption ist, dass Hector trotz seiner Übergriffe, obwohl er streng genommen ein Päderast ist, eine dreidimensionale, überwiegend sympathische Figur bleibt. Während das Thema der sexuellen Belästigung in den meisten Filmen eindeutig verurteilt und nicht selten mit erhobenem Zeigefinger behandelt wird, ist dies hier nicht der Fall. Hectors Verhalten wird von niemandem entschuldigt oder gerechtfertigt, allerdings erscheint es verhältnismäßig unverwerflich und -dramatisch, da die von ihm begehrten Jungs keine Opfer sind. Sie wissen genau, worauf sie sich einlassen und bleiben stets Herr der Lage.
Überhaupt wird Homosexualität außergewöhnlich freigeistig und selbstverständlich thematisiert und nicht problematisiert. Drei wichtige Charaktere sind schwul, werden aber nicht darauf reduziert oder alle in einen Topf geworfen. Von den typischen, häufig amerikanischen Coming-of-Age-Geschichten ist man oftmals mehr Phobie und Panik gewohnt. Hier treten die Jugendlichen für ihr Alter außergewöhnlich tolerant, reif und erwachsen auf. Und urkomisch. Die Dialoge sind so durchdacht, punktgenau und treffsicher geschrieben, dass man sie wenn möglich in der Originalfassung genießen sollte.
Vorgetragen werden sie von einem eingespielten Ensemble, das in dieser Zusammenstellung bereits in der Bühnenversion zu sehen war und dem man die Vertrautheit und Routine anmerkt. Hinzu kommt eine herrlich lakonische Frances de la Tour (Harry Potter und der Feuerkelch) als einzige Lehrerin unter männlichen Kollegen, die ihre erste Pizza besser erinnert, als ihren ersten Sex und es satt hat, eine patriarchalische Weltgeschichte zu unterrichten, in denen die Frauen lediglich als Wasserträgerinnen auftauchen. Außer ihr und Richard Griffith sticht besonders der junge Samuel Barnett (Lady Henderson Präsentiert) als unglücklich, da einseitig Verliebter heraus. "I'm a Jew. I'm small. I'm homosexual. And I live in Sheffield. I'm fucked", fasst er sein Dilemma zusammen.
Neben dem ausgelassenen Spaß, den Hytners musikalische Tragikkomödie verbreitet, finden sich auch immer wieder anrührende Momente. Wenn Hector vor seiner Klasse plötzlich in Tränen ausbricht, weil ihm aufgrund seiner sexuellen Fehltritte die Entlassung droht, dann ist die Betroffenheit und Bestürzung der Klasse darüber, dass ihr Lehrer auch ein Mensch mit Gefühlen ist, deutlich spürbar und nahe gehend. Denn diese Feststellung, so heißt es in einer früheren Szene, ist mit die härteste, die ein Schüler machen kann.