Von der "Perle der Karibik" zur "Abbruchhalde der Revolution" - Florian Borchmeyer entwirft in Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen seine ganz eigene Kuba-Hommage und jongliert mit Bildern und Thesen, ohne sich über die ganze Breite des Themas klar zu sein. Ein brachial-philosophische Doku, die George W. Bush gefallen könnte.
Von der einstigen "Perle der Karibik" ist nicht viel übrig geblieben. Die stolzen Kolonialhäuser von einst verfallen und es besteht keine Aussicht auf Rettung. Hispano-Fan Florian Borchmeyer, Doku-Regisseur und Lateinamerika-Betreuer auf dem Münchner Filmfest, verbindet diesen Zerfall mit den gesellschaftlichen Zuständen Kubas unter Fidel Castro. So besucht er die Bewohner düster-romantischer Zeugen vergangener Epochen und läßt sie erzählen. Da ist der Klempner Totico, der hinauf zu den Tauben aufs Dach flüchtet, um dem Lärm des Mietshauses zu entgehen. Wie der obdachlose Reinaldo, der auf Betonschollen seine Kampfkunst vorführt, die frühere Millionärsgattin Misleidys oder der enteignete Großgrundbesitzer Nicanor leidet er unter dem Verfall der Stadt. Sie alle sind müde und mögen nicht mehr dem Aufruf der Revolution folgen. Poetisch, lautstark und eindringlich weisen sie auf die steinernen Zeugen eines schleichenden Untergangs hin.
Untermalt werden die eindrucksvollen Bilder von den Ausführungen eines "Ruinologen", eines Schriftstellers, der von den Ruinen auf den Zustand eines ganzen Volkes schliesst. Borchmeyer und sein Produzent Matthias Hentschler, die zum Teil in bester Guerilla-Manier illegal filmten, horchen aufmerksam zu. Bei allem Lament fangen sie allerdings kaum wirklich systemkritische Sätze auf, sondern hören immer wieder trotz der buchstäblich ruinösen Umgebung einen zarten Optimismus heraus.
Das verhindert jedoch nicht, dass sie den Stab über Castros Kuba brechen. Der ironische Titel Havanna - Die neue Kunst, Ruinen zu bauen zeigt, dass die Filmemacher dem greisen Revolutoinär die Schuld für die Lage zuweisen. Allerdings verschweigen sie das über 40-jährige totale US-Embargo, das jede größere ökonomische Entwicklung bis heute verhindert und wohl eher für die Ressourcen-Knappheit der Insel verantwortlich zu machen ist.
So entdecken die Zuschauer in dieser Doku zwar ein unbekanntes und morbides Kuba jenseits der Badestrände und Kaffeehäuser, das mit einer fast zärtlichen Poesie beschrieben wird. Doch die unreflektierte Sichtweise der sozialen und politischen Zustände entpuppt sich als großer Wermutstropfen.