Stanley Kubricks berühmter Antikriegsfilm unterscheidet sich grundsätzlich von den meisten Filmen dieses Genres. Die größte Auffälligkeit ist dabei eine Zweiteilung der Story, wie sie in vielen Filmen des Großmeisters vorkommt. Dabei ist es der erste Teil, der Full Metal Jacket ausmacht und Kultstatus genießt, zeigt er doch die menschenverachtende Härte der Grundausbildung wie kein Anderer. Im Vergleich mit anderen Kriegsfilmen zeigt sich jedoch die Darstellung des Kampfes der Soldaten an der Front in der zweiten Hälfte als viel zu kurz und unspektakulär geraten, sodass der Film hier viel Potential vergibt und letztlich eben nicht der "Beste Anti-Kriegsfilm" ist, obwohl er es hätte werden können.
Eine Full Metal Jacket Bullet, im deutschen als Vollmantelgeschoss bezeichnet, ist eine Projektilart, die aufgrund ihrer Stabilität und Durchschlagskraft besonders beim Militär Verwendung findet. Das Geschoss war namensgebend für Stanley Kubricks (Uhrwerk Orange) filmische Auseinandersetzung mit dem Vietnamkrieg. Eben dieses Werk war es, welches schnell zu einem der bekanntesten Kriegsfilme wurde und mit Sicherheit seinen Teil dazu beitrug, dass der Ein oder Andere seinen Wehrdienst verweigerte und sich dem Zivildienst widmete, ganz ohne Grundausbildung, Drill und Vollmantelgeschosse.
Kubricks Film unterteilt sich in zwei Hälften. In der ersten, etwas kürzeren, dreht sich alles um die unmenschliche Grundausbildung der jungen Rekruten, der zweite Teil zeigt deren ersten Einsatz an der vietnamesischen Front. Die Darstellung der Grundausbildung ist im Grunde das wesentlichste Charakteristikum des Films. Gezeigt wird die systematische Entmenschlichung der Rekruten und wie sie mit unmenschlichen Methoden zu Killermaschinen formiert werden sollen. Damit unterscheidet sich Full Metal Jacket grundlegend von den beiden Anderen, ebenso populären Vietnamkriegsfilmen Platoon und Apocalypse Now. Kaum ein Kriegsfilm beschäftigt sich so intensiv und offensichtlich kritisch mit der Grundausbildung wie Kubricks Werk. Während die erste Hälfte ein schockierendes Meisterwerk ist, ist es die zweite Hälfte, die letztendlich auch dafür verantwortlich ist, dass Full Metal Jacket nicht, wie oftmals propagiert, der "Beste Antikriegsfilm" aller Zeiten ist.
Damit ein Kriegsfilm wirken kann, muss der Zuschauer sich in die Soldaten hineinversetzen und mitfühlen können. Während ersteres vorbildlich umgesetzt wurde, fehlt es leider an Zeit, um die einzelnen Charaktere des zweiten Teils, die größtenteils nicht aus der ersten Hälfte bekannt sind, kennen zu lernen. Sympathieträger gibt es, außer Private Joker, keine, was durchaus realitätsnah ist und die Story nicht konstruiert wirken lässt, aber dafür sorgt, dass einem das Ableben der Soldaten streckenweise ein wenig gleichgültig ist. Vom Kampfeinsatz bleibt am Ende wenig in Erinnerung, was aber natürlich auch daran liegt, dass die Gefechtsszenen auf ein Minimum reduziert wurden. Full Metal Jacket verzichtet in diesen auch auf unnötige Action, sondern funktioniert eher psychologisch als visuell.
Der Stil, den Kubrick wählte, ist ein beinahe dokumentarischer. Sehr sparsam eingestreut sind zwar Gedankengänge der Hauptfigur, Private Joker (Mathew Modine - An jedem verdammten Sonntag) zu hören, im Wesentlichen bleibt der Film aber unkommentiert. Der Zuschauer ist mitten im Krieg. Krieg ist Alltag und besteht nicht nur aus Gefecht. Auch das will Kubrick deutlich machen, was auch funktioniert. Doch um in seiner Gesamtheit vollkommen zu wirken, fehlt es Full Metal Jacket leider an einer dringend notwendigen längeren Spielzeit.
Besonders hervorzuheben ist das grandiose Spiel von Vincent D'Onofrio (Strange Days) der den ungeschickten Private Paula glaubhaft und mitleiderregend vom Anfang bis zum Ende souverän mimt. Um den übergewichtigen Soldaten zu spielen, legte er 30 Kilo zu und um seine isolierte Rolle glaubhaft zu machen, bestand der Perfektionist Kubrick darauf, dass D'Onofrio auch während der Dreharbeiten keinen Kontakt zu den Anderen Schauspielern hatte.
Full Metal Jacket gehört mit Recht zu den größten Kriegsfilmen aller Zeiten, auch wenn man sicherlich mehr aus ihm hätte herausholen können. Doch so wie er ist, bleibt er ein zeitloses Dokument eines menschenverachtenden Militärsystems und eines unsinnigen Krieges und ist zwangsläufig schlicht und ergreifend ein Film, den man Gesehen haben muss.