Vom Scheitern des Gefühlsmenschen an den starren Konventionen der preußischen Gesellschaft: die 17-jährige Effi Briest heiratet auf Geheiß ihrer Eltern den zwanzig Jahre älteren Landrat Baron Instetten. Doch das triste Leben auf einem Gut an der Ostsee und die emotionale Kälte ihres auf Karriere bedachten Mannes treiben das lebenslustige Mädchen in eine fatale Affäre mit einem Offizier. Hermine Huntgeburth verfilmt Theodor Fontanes Gesellschaftsporträt Effi Briest als blasses Kostümdrama mit Julia Jentsch, Barbara Auer und Sebastian Koch.
Auf gleich zwei Klassiker macht Hermine Huntgeburths Literaturverfilmung "Effi Briest" aufmerksam: auf den immer wieder unterschätzten Dramatiker und Dichter Theodor Fontane und den viel zu früh verstorbenen Filmemacher Rainer Werner Fassbinder. Mit ihrer Adaption des Meisterwerks des Fin de Siécle fordert sie den Vergleich zu Fassbinders genialischer Schwarzweißfassung von 1974 heraus, in der Hanna Schygulla, Wolfgang Schenk und Ulli Lommel neben anderen deutschen Stars die Hauptrollen übernahmen. Auch Frau Huntgeburth lässt sich nicht lumpen. Mit Julia Jentsch in der Titelrolle, Sebastian Koch (Baron von Instetten), Misel Maticevic (Major von Crampas) sowie Juliane Köhler, Thomas Thieme, Rüdiger Vogler, Barbara Auer und Sunnyi Melles ist ihre Fassung schlagkräftig besetzt. Dazu kommt das beachtliche Budget, das Dreharbeiten vor opulenten Kulissen ermöglichte, von weitläufigen Ostsee-Stränden bis zu imposanten preußischen Altberlin-Ansichten:
Mit lebhaften 17 Jahren willigt Effi Briest auf Geheiß ihrer Eltern in die Hochzeit mit dem 20 Jahre älteren Landrat Baron von Instetten ein. Das Landgut in der Ostsee-Provinz, ihr neues Zuhause, ist ein Ort der stillen Zurückhaltung, der ihr nicht geheuer vorkommt. Zumal ihr Instetten nach einem Alptraum die Schauermär' um einen Chinesen erzählt, der hier bei den früheren Besitzern lebte und dessen Grab am Strand liegt. Doch die ständige Abwesenheit ihres Mannes und die kühle Distanz der Haushälterin Johanna (Auer) sorgen dafür, dass ihr Leben trotz der Geburt einer Tochter eintönig und reglementiert ist.
Nur der sensible Apotheker Gieshübler (Rüdiger Vogler) und der schneidige Major von Crampas sorgen mit einem Theaterstück für Abwechslung und Aufmerksamkeit. Der draufgängerische Crampas hat gar noch mehr im Sinn. So kommt es zu einer Affäre, die Effi beendet, als Instetten als Ministerialrat nach Berlin berufen wird. Doch eines Tages findet Instetten Crampas' Liebesbriefe. In seiner Ehre gekränkt, lässt er sich von Effi scheiden und tötet den Major im Duell. Weil Instetten ihr das Kind entzieht und Effis Eltern ihre ehrlose Tochter nicht mehr aufnehmen, steht Effi Briest plötzlich ganz allein da...
Nach Die Buddenbrooks kommt mit Effi Briest erneut eine große deutsche Literaturverfilmung in unsere Kinos. Erneut stehen Konventionen und gesellschaftliche Regeln im Mittelpunkt eines Ehe- und Gesellschaftsdramas, diesmal die besonders strengen preußischen. Hermine Huntgeburth verfilmt Fontanes Musterbeispiel des Bürgerlichen Realismus als eine Art "Best Of Effi Briest"(Drehbuch: Volker Einrauch), in der zwar die Kernsätze Fontanes Platz finden, der Geist des Buches, wie der Chinese, aber nur eine Traumvorstellung der Macher und der Zuschauer bleibt, die mit dem Werk vertraut sind.
Huntgeburth und ihr Team haben das Werk dem Zeitgeschmack angepasst. Und im heutigen Unterhaltungszirkus kommt das Abdriften in die Tragödie nicht vor. Die moderne Effi Briest ist bei aller Naivität und bei all dem gesellschaftlichen Zwang der preußischen Gesellschaft eine unabhängige und starke Frau, die sich nach Erfüllung, Liebe und einem Partner sehnt, der ihr gerecht wird. Stellvertretend hierfür steht ihr Liebesleben. Das gerät bei der Instettenschen Entjungferung zum schmerzhaften Akt einer distanzierten Befremdung, während Liebhaber Crampas bei ihr doch immerhin die sexuelle Erfüllung in Form eines Orgasmus hervorruft. Liebe empfindet sie, wie sie später zugeben wird, dabei allerdings nicht. Nur angedeutet bleibt das Verhältnis zwischen Instetten und Johanna, das als Erklärung für die Spannungen zwischen Effi und der Haushälterin herhalten kann.
Allerdings läuft diese Modernisierung dem eigentlichen Ansinnen des Romans zuwider. Fontanes sensibles, chronistenhaftes Porträt der preußischen Gesellschaft, die der Frau nur an der Seite eines Mannes eine Daseinsberechtigung gibt, bildet die Mechanik der konservativen Konventionen mit einem unerhörten Detailreichtum ab. Sie gönnt dem lebhaften, gefühlsbetonten Menschen keine Chance zur Entfaltung und kämpft gegen die sich heraus schälende Selbstentdeckung der Frau als Individuum an. Fontanes Werk fasst die nordische Tradition der Naturalisten um Ibsen und Strindberg (Nora, Hedda Gabler) zusammen. Dies hat Fassbinder in seiner Version mit äußerster Präzision eingefangen, während Frau Huntgeburth es versäumt, den inhärenten Subtext in irgendeiner (relevanten) Weise herauszuarbeiten.
Ihre Inszenierungsstrategie schenkt zwar Effi moderne Sehnsüchte und Haltungen. Aber schon die tonlos vorgetragenen Dialoge, die dann und wann von flapsigen Modernitäten durchzogen sind, verweisen darauf, dass hier wie schon bei Die Buddenbrooks die bloße Abbildung des Roman-Images bemüht wird und nicht das Werk selbst. Große leere Bilder und Verbildlichungen machen noch keine große Literaturverfilmung. In dieser Leere kann Julia Jentsch ihrer Effi kein Leben einhauchen, und entsprechend wirkt auch der Druck auf ihre Haltung nicht zwingend nachvollziehbar.
So ist Effi Briest bestenfalls ein mundgerechtes kommerzielles Unterhaltungsgebot, die ihren Zuschauern nicht mit essentiellen Gedankengängen belästigen möchte. Fassbinders Meisterwerk bleibt nach wie vor einzigartig.