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Der moderne Klassiker von David Lynch schrammt nur nah am Meisterwerk vorbei, ist aber "nur" eine beeindruckende Psychostudie um den Zusammenprall zweier Welten. Liebe und Schönheit auf der einen Seite werden Gewalt und Schmerz auf der anderen Seite gegenüber gestellt und diese Gegensätze fusionieren zu einem seltsam faszinierenden, aber auch beklemmenden Ganzen.
Für die einen sind seine Filme faszinierende Meisterwerke, die mit dramaturgischen Konventionen des Mediums Film spielen, für die anderen cineastische Ärgernisse, die mit kaum nachvollziehbaren Wendungen in der Narration Verwirrung stiften. David Lynch lieferte neben eher unzugänglichen Werken wie Lost Highway und Mulholland Drive - Straße der Finsternis in seiner Karriere nur wenige Filme ab, die sich auch von den in klassischen Sehkonventionen verhafteten Zuschauern erschließen ließen. Der Elefantenmensch (1980) oder in jüngerer Vergangenheit The Straight Story - Eine wahre Geschichte (1999) sind an dieser Stelle zu nennen, und eben auch Blue Velvet. Dieser scheint auf den ersten Blick einen klassischen Thriller mit vagen Bezügen zu Hitchcocks Das Fenster zum Hof darzustellen, in dem ein zunächst scheinbar Unbeteiligter in eine gefährliche Situation hineinschlittert, die er nicht mehr kontrollieren kann.
Doch dieser erste Blick und die damit verbundene Oberflächlichkeit scheinen emblematisch für die Motivik dieses Films. Blue Velvet ist von den Dualismen geprägt, die aufeinander prallen und bei denen sich die glatte, schöne und saubere Oberfläche als bröckelnde Fassade erweist, unter der noch eine andere, verborgene und beängstigende Welt regelrecht zu lauern scheint, ohne die Schönheit offenbar nicht möglich ist. Gleich zu Beginn zeigt uns Lynch die leuchtende Vorstadtwelt mit winkenden Feuerwehrmännern, roten Rosen und dem kleinbürgerlichen Spießbürgeridyll. Tom Beaumont (Jack Harvey), der Vater von Jeffrey (Kyle MacLachlan), dem im weiteren Verlauf ebenso neugierigen wie umtriebenen Protagonisten, bekommt beim Bewässern seines Gartens einen Schlaganfall und sackt zu Boden. Der Blick der Kamera begibt sich durchs Gras und der Zuschauer bekommt die irgendwie abstoßende, aber gleichsam unbekannte und Neugier erweckende Welt der Insekten zu sehen. Unter dem perfekt gemähten Rasen gibt es, ebenso wie jenseits der Lincoln Street, vor der seine Mutter warnt, fernab der gepflegten Vorstadtidylle noch eine "fremde, seltsame Welt" - ein Motiv, welches nicht nur durch das zweimalige Wiederholen dieses Ausspruchs zum Tragen kommt.
Jeffrey findet auf dem Heimweg vom Krankenbesuch bei seinem Vater auf einer Wiese ein abgetrenntes Ohr und bringt es zur Polizei. Zusammen mit Sandy Williams (Laura Dern), der Tochter eines Polizeiinspektors, geht er der ganzen Sache nach und es stellt sich heraus, dass die Sängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) in die Sache verwickelt ist, deren Sohn und Ehemann von einem masochistisch anmutenden, gefährlichen Gangster namens Frank (Dennis Hopper) gekidnappt wurden. Jeffrey soll bald selbst die Auswirkungen vom Rumschnüffeln in den Dingen zu spüren bekommen, die ihn nichts angehen. Außerdem soll er, im Gegensatz zu seinem bisher behüteten Leben voller Liebe und Freundlichkeit, die Bekanntschaft einer Welt bestehend aus Kriminalität, Lust und Schmerz machen. Diese lässt ihn fernab seines naiv-sauberen, aber irgendwie auch bornierten Collegeboy-Images und letztendlich auch durch das Töten in Notwehr zum Mann reifen, wobei zwischen Gut und Böse stets nur ein schmaler Grat verläuft und sich beide Bereiche durchdringen.
Lynch irritiert dabei nicht damit, dass er sich nur wenig für die eigentliche Krimi-Geschichte zu interessieren scheint. Denn diese weist, trotz ihrer Nebensächlichkeit, eine beeindruckende Spannungskurve auf, an der auch Lynchs Hauskomponist Angelo Badalamenti mit seinen beklemmenden Klangteppichen nicht ganz unschuldig ist. Das psychologische, um nicht zu sagen pathologische Beziehungsdrama, was Blue Velvet mit jeder seiner Poren ist, irritiert durch einige fragwürdige und bedeutungsschwanger eingesetzte Symbole, wie die ausgepustete Kerze oder grotesk bis absurd anmutende Szenen, als Menschen in Räumen wie leblose Hüllen sitzen oder stehen. Auch das zu versöhnliche Ende, welches nur nah am Kitsch entlang führt, jedoch gleichsam einen Rahmen schafft, hinterlässt einige Fragezeichen. Und aus diesem Grunde ist Blue Velvet leider nicht ganz dieses großartige Meisterwerk, zu dem es hin und wieder verklärt wird. Lynch gelingt es in unaufgeregter Weise, einen verstörenden Psychothriller um Hörigkeit, Verführung und Schmerz zu erzählen, der mit eindrucksvollen Darstellerleistungen überzeugen kann. |