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Nach langen Jahren Produktionszeit kommt endlich der Endzeitactioner I Am Legend von Francis Lawrence mit Will Smith in der Titelrolle in die Kinos und erschreckt all jene, denen die Romanvorlage von Richard Matheson etwas bedeutet: Nach einer viralen Seuche ist die Zivilisation weitgehend zerstört. Die Überlebenden lassen sich einteilen in infizierte Mutanten und Robert Neville. Der Militär und Wissenschaftler lebt in einem zur Festung umgebauten Haus am Washingont Square und versucht ein Gegenmittel gegen den von Menschen geschaffenen Virus zu finden.
In der Novelle "Ich bin Legende" (1954) erzählt Richard Matheson vom Untergang der Zivilisation, als eine Seuche die Menschheit in Vampire verwandelt. Der Wissenschaftler Robert Neville findet zwar ein Gegenmittel, doch bei einem Unfall wird dieses zerstört. Jahre später lebt der immune Neville in einer Festung und macht tagsüber Jagd auf die Vampire. Die können ihnen eines Tages überlisten und kreuzigen ihn, denn längst ist er der letzte Mensch auf der Welt, eine ausgestorbene Art und ein Hindernis beim Aufbau einer neuen Vampir-Zivilisation. Matheson, ein Meister im Vermischen von Science Fiction mit Horrorelementen, traf damit den Nerv der Zeit. Das blieb auch Hollywood nicht verborgen. Mit The Last Man on Earth (1964 mit Vincent Price), The Omega Man (1971 mit Charlton Heston) und Night of the Comet (1984) sowie Soy leyenda (1967) gab es nicht nur direkte Verfilmungen des Stoffes. George R. Romeros Zombies oder Alex Garlands 28 Days Later (2002) nutzen offen Elemente der wegweisenden und hochspannenden Dystopie.
Seit den Neunziger Jahren gab es große Anstrengungen für eine Neuverfilmung. Vor allem Arnold Schwarzenegger und Ridley Scott hatten bereits Vorbereitungen getroffen, doch die Studios bliesen das Projekt wegen des hohen Budgets wieder ab. Mit dem neuen Millenium forcierte Michael Bay die Neuverfimung und holte Will Smith ins Boot. Doch dann drehten sie zunächst das magere Bad Boys II (2003) und Regisseur Bay stieg aus. Seit dem war Will Smith gezwungen, die treibende Kraft seines neuen Blockbusters zu sein. Regisseur Francis Lawrence ist bislang nur durch Constantine aufgefallen. Smiths erste Wahl Guillermo del Toro (Pan's Labyrinth) hatte zuvor dankend abgelehnt und lieber Hellboy 2 - Die goldene Armee gedreht. Warum del Toro nicht auf das sichere, weil stark gehypte Blockbuster-Projekt aufsprang, zeigen die kleinen aber elementaren Änderungen der renommierten Drehbuch-Autoren Mark Protosevich und Akiva Goldsman:
Robert Neville (Smith) muss erleben, wie ein als Krebsheilmittel angepriesenes Medikament (Britin Emma Thompson) die Menschheit in wenigen Monaten in rasende Mutanten verwandelt oder überhaupt dahinrafft. Der Militär und Wissenschaftler selbst ist unerklärlicherweise immun gegen den gentechnisch veränderten Virus, verliert aber Frau und Kind bei der Evakuierung von New York. Er selbst bleibt auf Manhattan und fahndet fieberhaft nach einem Gegenmittel. Drei Jahre später gibt es keine Menschen mehr und nur noch lichtscheue Infizierte. Die bärenstarken Mutanten, die an wahnsinnig gewordene Zombies erinnern, sind eine ständige Gefahr, weshalb Neville und sein Hund nur schwer bewaffnet und bei Tageslicht ihre Streifzüge durch das menschenleere New York unternehmen.
Sein Zuhause hat Neville zur Festung ausgebaut und lebt nach einem strikten militärischen Zeitplan. Als eine Ratte in seinem Labor Anzeichen von Immunität zeigt, geht Neville zu Versuchen an Menschen über. Allerdings scheint die infizierte Frau, die in seine Falle tappt, scheint einem "Anführer" (Paradox Pollack) nahe zu stehen, auch wenn Neville menschliche Gefühle und Intelligenz bei den Infizierten negiert. Jedenfalls versuchen die Monster ein paar Tage später ebenfalls Neville in eine Falle zu locken. Doch im letzten Moment naht Rettung. Eine Frau (Salli Richardson) und ihr Sohn Ethan (Charlie Tahan) haben Nevilles regelmäßige Radiobotschaft gehört. Sie kommen aus dem Süden und wollen in den Norden, wo es ein großes Flüchtlingslager geben soll. Bevor sich Neville damit auseinandersetzen kann, geschehen zwei Dinge gleichzeitig: die Infizierte im Labor zeigt Anzeichen von Heilung und die Zombies greifen das Haus an...
I Am Legend erspielte sich am Startwochenende mit unglaublichen $77 Mio. einen neuen Rekord für die Weihnachtssaison. Das spiegelt natürlich das starke Interesse für den Stoff wider und natürlich die Faszination für den heimlichen Star des Films: das menschenleere New York. Drei Monate lang, zur Weihnachtszeit, hatte man letztes Jahr ganze Straßenzüge in überwucherte Wildnis verwandelt, in der sich Hirsche und CGI-Löwen tummeln. Die öden Docks, die Autolandschaften und einsamen Straßenzüge, durch die Smith in einem nagelnauen 2008-Modell eines Ford Mustangs dröhnt (welch unauffällige Werbung), beeindrucken nachhaltig. Viele der 100 Minuten verwendet Regisseur Lawrence auf einsame Streifzüge seines Protagonisten, spartanisch, ohne Musik fast meditativ - das Ende der Welt eben. Dazwischen finden sich wohlgezielte Schockmomente, die demonstrieren, dass hier Fachleute des Eventkinos am Werk sind. Action und Horror sollen beklemmen und erstaunen. So wird nervenaufreibende Spannung in einer Szene erzeugt, in der Neville durch eine dunkle Lagerhalle voller Infizierter schleicht, die da zum ersten Mal präsentiert werden. Dieses an Zombies erinnernde Bild wird bei der finalen Erstürmung des Hauses konterkariert, bei der die Infizierten als wildgewordene Affen oder X-Men-Zitate schwerelos die Wände ersteigen.
Die Stadt, Horror und Schockmomente dürfen fast als 28 Days Later-Zitate verstanden werden. Die inhaltliche Nähe ist frappierend, doch nicht unbedingt absurd, speisen sich beide Werke doch letztlich aus derselben Quelle. Den Unterschied liegt vornehmlich in der Gestaltung der Infizierten. Statt blutiger Zombies findet man graue CGI-Geschöpfe, entfernte "Gollum"-Verwandte, deren Kleidung genau dieselbe Farbe wie ihre empfindliche Haut hat. Graue Uniformität, die metaphorisch gemeint ist.
In kurzen Rückblenden erleben die Zuschauer schmerzliche Familienerinnerung und Vorgeschichte. Daraus resultieren viele weitere Motive des Werkes. Hier entsteht das Bild des Helden und seines Charakters. Ein Gutmensch, der auf schreckliche Art und Weise Tom Cruises Ray aus Krieg der Welten ähnelt. Allerdings preist sich Neville als noch größeres amerikanisches Ideal an, wenn er außer bodenständigem Familienmensch auch noch Patriot, Offizier und Wissenschaftler in Personalunion ist.
In nur drei, vier Einstellungen schafft es Lawrence, das gesamte Ansinnen der Vorlage zu zerbrechen und I Am Legend in geradezu perverser Weise eine diametral entgegengesetzte Lesart einzupflegen. Das Schlüsselelement ist hierbei die Religion. Einmal mehr biedert sich das Werk bei den nationalkonservativen und christlich-fundamentalistischen US-Kinogängern an, in dem es den infizierten Sündern zu den "Anderen" (wahlweise Ungläubigen, Ausländer, Sünder, Neider, etc.) macht, die imWahn alles zerstören und die es unter allen Umständen zu heilen gilt. Der gottesfürchtige Patriot Neville ist der opferbereite Arzt, der sein Leben für den "American Way" gibt, in dem er, wie er mehrfach betont, "seinen Ground Zero" verteidigt. Was dieser repräsentiert, zeigt die Schlusseinstellung, als die überlebende Ginny mit ihrem Sohn das trutzburgartige Flüchtlingslager im Norden erreicht - eine idyllische, neuenglische Dorfgemeinde, in deren Zentrum und für den Ankömmling sofort sichtbar eine eindrucksvolle Kirche steht.
Die mit dem Holzhammer eingebleute "Metapher" widerspricht nicht einmal dem Vorangegangenen. Experimente an "Zombies" (eine Einstellung verrät, dass Neville für seine Arbeit zahllose Mutanten umgebracht hat) werden als notwendige Opfer angesehen, wobei sich Neville bewußt ist, was er da tut. Es dient eben der größeren Sache und ist damit gerechtfertigt. Auf diese Weise wurden bereits Guantanamo oder geheimdienstliche Folterzentren mit Sinn gefüllt. Wenn Ginny am Ende das Wort ergreift und Neville zur Legende und zum Retter der Zivilisation (wenn nicht sogar mehr) stilisiert, frönt Lawrence ein letztes Mal unheimlichen Religionsmythen und verschmilzt sie mit anderen Genremythen wie der Gesetzeshüter, Joe Jedermann oder der treue Soldat. |