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Paris, Texas

(Paris, Texas, 1984)

Dt.Start: 11. Januar 1985 Premiere: 19. Mai 1984 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 6 Genre: Drama
Länge: 147 min Land: Frankreich, Deutschland
Darsteller: Harry Dean Stanton (Travis Henderson), Bernhard Wicki (Doctor Ulmer), Dean Stockwell (Walt Henderson), Aurore Clément (Anne Henderson), Hunter Carson (Hunter Henderson), Socorro Valdez (Carmelita), Justin Hogg (Hunter mit drei Jahren), Nastassja Kinski (Jane Henderson), John Lurie (Slater), Jeni Vici (Stretch)
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Sam Shepard


Inhalt

Wie aus dem Nichts taucht der tot geglaubte Travis, der scheinbar stumm ist und jegliche Erinnerung verloren hat, in einer Wüste nahe der mexikanischen Grenze auf. Sein Bruder Walt nimmt ihn bei sich zu Hause auf, wo auch Travis Sohn Hunter lebt, der seinen Vater seit seinem plötzlichen Verschwinden nicht mehr gesehen hat. Doch als Travis von seiner Vergangenheit eingeholt wird, beschließt er, nicht länger zu schweigen und macht sich zusammen mit Hunter auf die Suche nach seiner Frau Jane.
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Kritik

Paris, Texas hat eine Wertung von 97%
Paris, Texas gilt als eines der besten Werke des deutschen Regisseurs Wim Wenders und wurde im Jahre 1984 unter anderem mit der renommierten Goldenen Palme der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet. Das in den USA gedrehte Drama kann insbesondere durch eine stark gestaltete Farbdramaturgie, hervorragende Schauspielerleistungen sowie wunderschöne Bilder punkten und ist kurzum ein einzigartiges Meisterwerk, das sich niemand entgehen lassen sollte.

Bild aus Paris, Texas Paris liegt bekanntlich in Frankreich. Doch unter anderem auch im Osten von Texas, ca. 158 km nordöstlich von Dallas, gibt es einen Ort mit diesem Namen. Wenders' Film spielt zwar weder dort noch wurde irgendeine Szene in der Kleinstadt gedreht und trotzdem passt der Filmtitel Paris, Texas einfach wunderbar, denn Autorenfilmer Wenders versucht europäische Filmkunst - als Metapher dient hier Paris - auf amerikanischem Boden zu realisieren.

Es geht um einen anscheinend stummen Mann namens Travis (Harry Dean Stanton), der seit vier Jahren verschwunden ist und nun in einer Wüste nahe der mexikanischen Grenze auftaucht, wo er von einem ansässigen Doktor (Bernhard Wicky) aufgegabelt und betreut wird. Dieser ruft Walt (Dean Stockwell) an, den Bruder von Travis, der sich sofort auf den Weg macht und den Vermissten bei sich zu Hause aufnimmt. Dort wohnt der siebenjährige Hunter (Hunter Carson), der Sohn von Travis, der nach dem gleichzeitigen Verschwinden seines Vaters und seiner Mutter von Walt aufgenommen wurde und seine Eltern seit vier Jahren nicht mehr gesehen hat.

Eine große Stärke des Films liegt im Handlungsaufbau, denn durch den merkwürdigen Anfang, der einen Mann zeigt, der anscheinend ohne Erinnerung vier Jahre lang durch die Wüste geirrt ist, fragt sich der Zuschauer, warum er das tut. Doch Wenders arbeitet zunächst lieber die feine Charakterdarstellung der einzelnen Personen heraus, als sich dieser Frage zu widmen: Da ist zum Beispiel Hunter, der Sohn von Travis, der seinem leiblichen Vater anfänglich aus dem Weg geht, weil er genauso wie auch Travis nicht weiß, was er sagen soll. So entwickelt sich zunächst kein Verhältnis, denn Hunter sieht Walt als seinen Vater an. Ebenfalls stark ist die Darstellung von Travis, der lange Zeit undurchsichtig bleibt: Woher kommt er? Was ist damals passiert? Wo ist seine Frau? Doch Travis schweigt fast eine halbe Stunde des Films bis ihn langsam seine schlimme Vergangenheit einholt. Wenders lässt sich mit den einzelnen Figuren Zeit, doch hier kommt keine Langeweile auf, sondern vielmehr das Staunen über eine hochgradig präzise inhaltliche Arbeit.

Travis kann sich nach einiger Zeit mit Hunter anfreunden. Zusammen mit seinem Sohn begibt er sich auf die Suche nach seiner Frau Jane (Nastassja Kinski), die ebenfalls seit vier Jahren verschwunden ist, doch als er sie findet, bricht für ihn eine Welt zusammen...

Auch optisch kann der Film in jeglicher Hinsicht überzeugen, denn es sind nicht nur die tollen Kameraaufnahmen von Robby Müller, der die Schönheit der Freiheit in seinen Bildern perfekt einfängt, sondern auch die von Wenders eingesetzte Farbdramaturgie. In der Wüste trägt Travis eine rote Mütze, die durch ein rotes Hemd ersetzt wird, als er mit seinem Sohn, der auch ein rotes Hemd trägt, das rote Auto von Jane verfolgt. Jane hat ihrerseits bei ihrem ersten Treffen mit Travis einen roten Pullover an, auffallend rote Lippen und sitzt in einem Zimmer, das rot eingerichtet ist. Was bedeutet nun diese Farbe? Travis empfindet Liebe für Jane und Hunter, doch als er sieht, was aus Jane während der Jahre geworden ist, wird ihm klar, dass es zwischen den beiden keine Liebe mehr geben kann. Am Ende treten sich Jane und Hunter gegenüber, nachdem ihr Travis das Hotel, in dem sich ihr gemeinsamer Sohn aufhält, genannt hat. Diesmal sind beide in grün gekleidet, Travis wird auch von grünem Scheinwerferlicht umhüllt. Grün, das ist die Farbe der Hoffnung, denn die Liebe zwischen Jane und Travis ist unmöglich, aber für die Zukunft von Mutter und Sohn gibt es Hoffnung.

Präzise Charakterdarstellung, brillante Inszenierung, wunderschöne Bilder, sehr gute Schauspielerleistungen... was will man mehr? Paris, Texas gewann im Jahre 1984 zahlreiche Filmpreise, darunter auch die renommierte Goldene Palme der Filmfestspiele von Cannes. Doch ein kleiner Kritikpunkt bleibt, denn obwohl sich Wenders absichtlich Zeit lässt, um seine Figuren zu entwickeln, hätte man besonders die erste halbe Stunde etwas kürzen können und damit eine noch höhere Dichte erreicht.

Der bekannte Filmhistoriker Ulrich Gregor urteilte über Paris, Texas wie folgt: "Herausgekommen ist ein Werk, das so viel Ausstrahlung, so viel Schönheit und Dichte der Bilder, so viel Treffsicherheit besitzt, dass es einem des Öfteren den Atem verschlägt." Mehr braucht man an dieser Stelle nicht mehr hinzuzufügen.

von Jens Grimm


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