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Die letzten Monate des letzten Outlaws: Andrew Dominik begeistert mit seinem Porträt Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford und legt einen Abgesang auf den historischen Wilden Westen sowie das ganze Filmgenre mit seinen Konventionen vor. Brad Pitt spielt einen in der Bevölkerung verehrten, von den Behörden gejagten und von den Medien kommerzialisierten Banditen, der den Verrat bis zur Paranoia fürchtet und das Ende seines Versteckspiels gleichzeitig herbeisehnt. Großes Kino, cineastisches Meilenstein und garantiert ein Favorit für die Oscars 2008.
Angesichts teuerer und Effektbeladener Eventfilme mit Rekordambitionen und gigantischen Marketinganstrengungen mag so mancher Kinogänger Hollywood verfluchen. Doch dann kommt wieder wie aus dem Nichts ein Film, der alle Stärken der Traumfabrik auf sich vereinigt, weil es nicht umsonst die besten Filmleute an sich bindet.
Der Australier Andrew Dominik hatte mit Chopper sein Talent angekündigt und sich nach Kalifornien verabschiedet. Mit Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford meldet er sich nun zurück und schliesst ein heiß ersehntes und medial breit gewälztes Projekt ab, dessen Wirkung wohl mindestens bis zu den Oscars reichen wird.
Unter der Ägide von Ridley Scott und dem persönlichen Engagement von Hauptdarsteller / Produzent Brad Pitt ist ein eindrucksvolles Epos entstanden, wie man es in diesem Jahr noch nicht gesehen hat. Auf der Grundlage von Ron Hansens gleichnamigem biografischem Roman erschuf Dominik das Porträt des letzten klassischen Outlaws, eine packende sozialpsychologische Studie und ein Gesellschaftsporträt an der Schnittstelle zwischen Westernromantik und dem Aufbruch in die Moderne.
Im Jahre 1881 ist der 34-jährige Jesse James (Brad Pitt) ein Mythos, dem seit einem Jahrzehnt Zeitungen und Heftromane huldigen, und den Behörden und Angehörige der Opfer verfluchen. Doch nun will sein Bruder Frank (Sam Shepard) ein bürgerliches Leben beginnen, weshalb sich die Gang nach einem nächtlichen Zugüberfall in alle Winde zerstreut. Nur die Brüder Charley und Robert Ford (Sam Rockwell, Casey Affleck), zwei Neue in der Gang, bleiben an James kleben, wohl auch weil der ehrgeizige 19-jährige Robert als großer Fan des übermächtigen Revolverhelden ist. Der erweist sich allerdings als unberechenbar, unnahbar und misstrauisch. Als auch noch einer der ihren gefangen wird, vermutetet der geradezu paranoide James einen Verräter innerhalb der Gang (u.a. Garret Dillahunt, Paul Schneider, Jeremy Renner). Schliesslich ist das Kopfgeld auf ihn höher als alle Beute, die sie je gemacht haben.
Und nur die Ford-Brüder mit ihrer Mischung aus unwürfiger Kleingeistigkeit, naiver Loyalität, offener Verehrung und scharfer Antizipation verstehen es, sich sein Vertrauen weiterhin zu erhalten. Allerdings macht Robert durch die vielen Demütigungen innerhalb der Gruppe und dem hautnahen, obsessiven Studium seines Idols eine verhängnisvolle Wandlung durch...
Kühl und nüchtern berichtet Regisseur Dominik über die letzten Monate im Leben des berühmten Gangsters, und kreist dabei immer stärker die Ambivalenz der beiden Hauptakteure bis zu den tödlichen Schüssen im Wohnzimmer des Privathauses von James ein. Die kraftvollen Charakterporträts und das Verhalten der Gangmitglieder erinnern dabei an Michael Manns Thrillerklassiker Heat. Nur geht Dominik mit seinen Figuren sehr viel fürsorglicher und präziser um, wie überhaupt das ganze detailreiche Werk ausdruck äußerster Sorgfalt und Reflexion ist.
Die fiktive Erzählung der realen Ereignisses fesselt des detailgenauen, dokumentarischen Stils, der wie die Kostüme, Locations und Sets bis hin zum unüblichen Winterwetter eine Authentizität suggeriert, wie sie gerne bei Werken wie Gangs of New York gesehen hätte. Kameralegende Roger Deakins findet da bei eine Bildsprache, die zwischen hartem Realismus, traumesken Erscheinungen, surrealen Totalen und intimen Nahen pendelt. In einfachen Bildern spiegeln sich die Widersprüchlichkeiten der Figuren und ihrer medialen Images und machen Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford zu einem großartigen Kinoereignis.
Pitt, in Venedig bereits als Bester Darsteller ausgezeichnet, und Casey Affleck spielen Helden, denen die Western-Attitüden abhanden gekommen sind. Sie machen das Epos zu einem berührenden menschlichen Drama. Ein Meilenstein der amerikanischen Filmgeschichte. |