|
Das hat aber lange gedauert, bis endlich mal jemand ein Beatles-Musical auf die Beine stellt. In über 30 Beatles-Songs erzählt Julie Taymor von der transkontinentalen Liebe eines Liverpoolers mit einer Amerikanerin in den Sechzigern und schreibt dabei lässig ein paar Kapitel amerikanischer Musikgeschichte mit um. Trotz unglücklicher Produktionbedingungen überzeugt Julie Taymors bildgewaltige Fab Four-Hommage Across the Universe. Was die Story nicht hergibt, machen die wunderbaren Bilder und nicht zuletzt die Beatles locker wieder wett!
Keiner besingt die ewig einfache Geschichte von dem Jungen, der sich in ein Mädchen verliebt, so schön wie die Beatles. Die niemals zu Oldies oder Evergreens herabgewürdigten Songs der Fab Four sind auch bald 40 Jahre nach der Trennung der Band noch immer frisch und mindestens Pop. Das könnte einer der Gründe dafür sein, warum sich so lange niemand an ein Beatles-Musical gewagt hat. Aber natürlich trällerten die Beatles weit mehr als nur Liebeslieder, wie Dick Clement und Ian La Frenais beweisen. Sie haben für ihr Drehbuch über 30 Songs verarbeitet und fast ausschliesslich auf Material nach 1965 zurückgriffen, als John, Paul, George und Ringo längst nicht mehr nach Chartplatzierungen schielten und aus ihren genialen Popsongs echte Musikkunst machten.
Clement und La Frenais verflochten das Liedgut kunstvoll zu einer Spielfilm-, respektive Musicalhandlung, in der Arbeitersohn Jude (Jim Sturgess) aus dem tristen Liverpool aufbricht, um seinen Vater in den USA zu suchen. Der entpuppt sich als Hausmeister an einer Universität, wo Jude auch gleich Freundschaft mit High Society-Lümmel Max (Joe Anderson). Bald verliebt er sich dessen Schwester Lucy (Evan Rachel Wood) und gemeinsam flüchten sie vor dem Establishment ins liberale Greenwich-Village und in die Musiker-WG von Sadie (Dana Fuchs) und Jo-Jo (Martin Luther). Das Village ermöglicht ihnen eine illustre Existenz als Politaktivisten, Graphiker, Hippies und Liebende. Das geht solange gut, bis aus der Flowerpower eines Dr. Robert (Bono) im Summer of Love eine massive Protestbewegung gegen Vietnam und für Bürgerrechte wird. Lucy radikalisiert sich, während der herzensgebrochene Jude in die Heimat abgeschoben wird...
Selten war MTV so schön wie in diesem mutigen, kunterbunten und überlangen Wohlfühl-Clip von Julie Taymor. Mit psychedelischen Bilderblumen zwischen kurzen Spielhandlungen bebildert die Regisseurin die mitunter grandiosen Gesangseinlagen und bietet neben dem starken Hauptdarstellertrio (Woods, Sturgess, Anderson) Gastauftritte diverser Stars wie Bono und Joe Cocker. Die mitreißende Musik findet in den einfallsreichen Choreographien (Daniel Ezralow), Übergängen, sensitiven Effekteinsätzen und der eleganten Kamera von Bruno Delbonnel eine kongeniale visuelle Entsprechung.
Natürlich gibt es zahllose Reminiszenzen an andere Musicals/Musikfilme wie Hair, Grease oder The Blues Brothers, werden bekannte Bilder der Zeit lebendig wie das illegale Dach-Konzert der Beatles. Das Auge findet beständig Neues und kompensiert so die wenig überraschende Grundhandlung. Natürlich bietet Frau Taymor auch noch etwas Nachhilfe für Zeitgeschichte, die allerdings weniger mit Fakten als mit Stimmungen zu tun hat. Selten wurden die emotionalen Zustände zwischen Aufbruch, Zusammenbruch und Resignation einer Generation so anschaulich zusammengestellt wie hier.
Überhaupt sind die Emotionen in Across the Universe das Maß aller Dinge. Gesang, Tanz und Bilderwelten sind emotionale Petitfours - fein, süß und geschmackvoll. Vor allem von Freude, Überschwang und natürlich Liebe gibt es reichlich, auch wenn den ernsten Tönen durchaus Rechnung getragen wird. Das augenzwinkernde Spektakel funktioniert zwar nicht als bewußtseinserweiternde, aber immerhin als wohlgefühlverstärkende Droge. Nicht umsonst heißt es auch hier "All You need is Love".
Dafür nimmt man auch in Kauf, dass die Hommagen an Janis Joplin und Jimi Hendrix in den analogen Charakteren von Sadie und Jo-Jo nicht so ganz gelungen sind. Wer die Produktionsgeschichte von Julie Taymors Across the Universe verfolgt hat, trägt dem Werk ohnehin nur gedämpfte Erwartungen entgegen. Die Skandale und Skandälchen um den seit zwei Jahren bereits fertiggestellten Film sind ausreichend Stoff für ein eigenes Werk. Doch schon die ersten Minuten wischen alle Bedenken zur Seite.
Wer sich von der Magie der Clip-Bilder und der wunderbaren Beatles-Musik einfangen läßt, verläßt nach 131 Minuten mit viel Wohlbehagen und Schwung das Kino. Und für die Stimme hat man auch etwas getan, denn es ist unmöglich, nicht beständig mitzusingen. Dazu bedarf es eben nur ein wenig Hilfe von den Beatles. |