Eine ukrainische Krankenschwester verlässt ihr Kind und ihren Porno-Job, um in Wien ihr Glück zu versuchen. Im Gegenzug muss der gescheiterte Security-Mann Paul mit seinem Stiefvater in die Ukraine reisen, um für ein paar Mäuse Spielautomaten auszuliefern. Knallharter sozialer Realismus im Zeichen globaler Vernetzung trifft auf Sozialdarwinismus, Ausbeutung und menschliche Kälte. Ulrich Seidl bleibt in dem hochgelobten Drama Import/Export seinem knallharten, dokumentarischen Erzählstil treu und stürzt seine Zuschauer von einem Schock in die nächste Beklemmung.
Neben Antonin Svobodas Immer nie am Meer startet auch das neue Werk von Filmemacher Ulrich Seidl fast zeitgleich in den deutschen Kinos. Sein beinhartes Drama Import/Export demonstriert wie jenes des Kollegen einmal mehr den Mut und die Klasse des österreichischen Kinos. Während Svoboda allerdings die Nerven der Zuschauer weitgehend schont, zeigt Seidl wie schon in Hundstage, dass sein Interesse an Realismus und Authentizität ohne Skrupel auskommt. Die beiden parallel montierten Geschichten handeln von den erfolglosen Versuchen zweier Menschen, aus ihrer Situation zu entkommen und ein besseres Leben aufzubauen.
Krankenschwester Olga (Ekateryna Rak) findet in der Trostlosigkeit ukrainischer Gegebenheiten keinen anderen Job als im Pornomilieu. Also läßt sie ihr Baby in der Obhut der Großmutter zurück und reist nach Wien, um sich als Putzfrau zu verdingen. Dort wird sie erst in einem Privathaushalt nach Strich und Faden ausgenutzt. Danach arbeitet sie in der Putzkolonne in der Klinik für Geriartrie (Altersheilkunde), wo ihr ein Patient ein überraschendes Angebot macht...
Paul (Paul Hofmann) muss dagegen mit seinem Stiefvater (Michael Thomas) in Richtung Osteuropa aufbrechen. Im Laderaum ihres Transporters befinden sich ausrangierte Spielautomaten, die für die konsumhungrigen "Neueuropäer" gerade gut genug sind. Paul hat überall Schulden und seinen Job als Securitymann verloren. Deshalb kommt ihm der "Russentrip" recht. Doch der Stiefvater, der sich als großes Vorbild für den schlaffen Loser-Sohn aufspielt, ist ihm verhasst und geht ihm sofort auf den Senkel. Als der Alte die Fahrt auch noch zum echten Männer-Trip mit Saufen und Nuttenabschleppen umfunktioniert, haut Paul ab. Überall ist es besser als gerade hier...
Dank seiner Expertise als Dokumentarfilmer versteht es Filmemacher Ulrich Seidl wie schon in Hundstage mit kalter Präzision durch sämtliche bürgerlichen Schichten zu schneiden und jenen moralischen Bodensatz zu isolieren, der die Zuschauer in Schock und Beklemmung versetzt. Besonders die gesitteten Bürger (oder zumindest die, die sich dafür halten) erweisen sich in Seidls Universum als die fiesesten, skrupellosesten und amoralischsten Subjekte. Umgeben von Armut, Gewalt, sozialer Kälte, körperlicher und sexueller Ausbeutung gelingt den beiden Hauptfiguren mangels finanzieller Kompetenz nicht der erhoffte Ausbruch aus ihrer Situation. Drastisch illustriert Seidl einmal mehr die Macht des Geldes, wenn sich der Stiefvater im Hotelzimmer an einer blutjungen Nutte vergeht und sie wie ein Hund dressiert. Olga hingegen erlebt andere Unterwerfungsriten, wenn die Hausherrin sie erst triezt, dann wegen Ehemann und Kinder eifersüchtig wird und sie hochkant wie benutzte Ware rauswirft, weil sie die Zähne des ausgestopften Fuchses falsch geputzt hat.
Der Titel Import/Export zielt deshalb nicht nur auf die Reisebewegungen von und nach Wien, sondern auch auf den ökonomischen Wert der Ware Mensch und damit der grassierenden Globalisierung. Zweifelsohne ist die Präsentation sozialer Wirklichkeit nicht nur ein Schlag ins Gesicht von Globalisierungsbefürwortern und Anhängern des Neoliberalismus. Sie ist, dramaturgisch gesehen, ein fürchterlicher Tritt in die intimsten Teile. Wie in Hundstage ist Seidls Blick in den menschlich-moralischen Abgrund geprägt von einer unbedingten Authentizität, die aus der dänischen Dogma-Idee eine affektierte Bühnenshow macht und engagierten Dokumentationen wie Der Große Ausverkauf Konkurrenz macht.
Dabei ist die Inszenierung der Filmrealität zu keinem Zeitpunkt Zufall, sondern mit skrupelloser, manipulativer Kraft immerzu gewollt. Dieser verstörende und beklemmende Erzählstil fasziniert, unterhält und erschreckt gleichermaßen. Vorsicht, wenn Seidl scheinbar Späße macht und sich ein Lachen in der Kehle der Zuschauer bemerkbar macht! Mit eiserner Hand läßt er nämlich dieses Lachen mit der nächsten Wendung ersterben und im Halse stecken! Die dramatische Klasse von Seidl macht die 135 kurze Minuten erneut zu einem Kleinod des deutschsprachigen Kinos. Danach ist man zwar völlig gerädert ob der Unmenschlichkeiten und Trostlosigkeiten. Aber man ist sich auch sicher, mit Import/Export ein kleines Meisterwerk gesehen zu haben.