Ein Minenarbeiter kehrt nach 16 Jahren in der Fremde in seine Heimat Fengjie zurück, um seine Frau und die gemeinsame Tochter zu finden. Er betritt eine zerstörte Stadt, die dem Drei-Schluchten-Staussee zum Opfer fällt. Während die gewaltigen Abrissarbeiten voranschreiten und sich der Wasserspiegel stetig erhöht, kommt auch Krankenschwester Guo Shen-hong auf der Suche nach ihrem Mann auf der gigantischen Schutthalde an. Nach Platform erzählt Jia Zhang-ke in seinem preisgekrönten Drama Still Life erneut vom massiven Umbruch in China anhand des prominenten Energieprojektes.
Seit einigen Jahren beliefern Dokumentarfilmer die Kinos in aller Welt mit Bildern von den radikalen Umwälzungen beim rücksichtslosen und ehrgeizigen Projekt des "Drei-Schluchten-Staudammes" am Yangtse-Fluss. Auch so mancher Spielfilm streifte bereits die gigantische Wunde in der chinesischen Gesellschaft, aus der angeblich soviel Gutes entstehen soll. Doch erst Jia Zhang-ke nimmt die monströse Zerstörung von Landschaft und gewachsener Gesellschaft so direkt ins Visier.
Nach seinem starken Erstling Platform und dem zwischenzeitlichen Shi jie durfte man gespannt sein auf Still Life, das zur Überraschung vieler im letzten Jahr den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig gewann. Das Drama erzählt von zwei Suchenden in der Trümmerlandschaft der Millionenstadt Fengjie, die stetig abgerissen wird und in den steigenden Fluten des Stausees versinkt. Sie suchen nach ihren Ehepartnern, die sie beide vor langer Zeit verloren haben.
Minenarbeiter Han Sanming (Han Sanming) kehrt nach 16 Jahren im Untertagebau aus Fengyang in der Provinz Shanxi in seine alte Heimat Fengjie zurück und ist bestürzt über die radikalen Änderungen, die er vorfindet. Damals war er fortgegangen, weil seine gekaufte Frau ihn mit der Tochter verliess. Nun möchte er zumindest seine Tochter kennenlernen, doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Der Ortsteil der letzten Adresse liegt längst unterhalb des Wasserspiegels und auch die lokalen Behörden können nichts über ihren Aufenthaltsort sagen. Er quartiert sich bei einer Köchin ein, die nebenher als Kupplerin die Arbeiter mit Dirnen versorgt. Dort lernt er den großmäuligen Möchtegern-Gauner und Chow Yun-fat-Fan Bing kennen und schätzen. Er verdingt sich als Abrissarbeiter und trifft auf den älteren Bruder von Missy Ma. Der hat was zu verbergen und ist entsprechend mürrisch. Irgendwann erfährt Han Sanming, dass seine Frau als Leibeigene bei einem Schiffer die Schulden ihres Bruders abarbeiten muss.
Auch die Krankenschwester Guo Shen-hong (Zhao Tao) ist von Shanxi nach Fengjie gereist. Sie sucht ihren Ehemann Guo Bin, der hierher gekommen war, um als Verkaufleiter einer Fabrik zu arbeiten. Doch auch die Fabrik liegt mittlerweile in Trümmern und es bedarf der Hilfe eines alten Armeekameraden ihres Mannes (Wang Hong-wei), um auf seine Spur zu kommen. Mittlerweile arbeitet er in der Abrissbehörde und ist mächtig beschäftigt - mit der Organisation und mit seiner attraktiven Chefin! Doch das stört Guo Shen-hong nicht mehr. Sie wollte ohnehin von ihrem Mann nur die Zustimmung zur Scheidung, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hat. Derweil sucht Han Sanming den alten Schiffer auf, um seine Frau freizukaufen...
Der chinesische Regisseur Jia Zhang-ke erzählte bereits in seinem Werk Platform von den dramatischen Umbrüchen in China. Für westliche Augen und Ohren ist sein neuer Film Still Life ein noch radikalerer Einblick in die gesellschaftlichen Umwälzungen im bevölkerungsreichsten Land der Welt. Visuell exquisit und mit ruhiger Hand erzählt der Filmemacher erneut von Entwurzelung, Zerstörung des Alten und der radikalen Zukehr zur Moderne. Einzelschicksale, so zeigt das international kritisierte Prestigeprojekt des Drei-Schluchten-Staudamm einmal mehr, fallen bei der Realisierung der gesellschaftlichen Umbaumaßnahmen nicht ins Gewicht, auch wenn es Massen sind.
Dem westlichen Individualismus ist das ein Greuel. Doch Jia prangert nicht nur die Entwurzelung der Menschen und die Zerrissenheit ihres Lebens als Konsequenz eines Regierungsplans an. Die Ambivalenz des Werkes zielt auf ein gesamtgesellschaftliches, nicht minder drängendes Problem ab: die Zerstörung und Loslösung von der eigenen Vergangenheit. Der geradezu naive Fortschrittsglaube, der alles ablehnt, was in Verbindung mit Tradition steht, und nur begrüßt, was westlich, kapitalistisch und modern ist, erscheint hier als das größere Übel. Natürlich ist allein der gewaltige Abriss einer Millionenstadt wie Fengjie visuell derart prominent, dass vieles in seinem Schatten steht. Jia sieht die Entwurzelung wie viele Chinesen vor allem als geistige Entwurzelung. Dennoch heißt er nicht alles gut, was althergebracht ist. Eindeutig positioniert er das Elend der beraubten Menschen und besonders das Elend von Ehefrau Missy Ma als Leibeigene.
Sein Protagonist Han, für den die Welt nach 16 Minenjahren scheinbar gänzlich neu ist, rührt mit seinem idealistischen Vertrauen in die Gemeinschaft. Die hat sich längst egoistisch der Geldmaschine verschrieben. Han steht in dieser Abbruchlandschaft für bedingungslose Solidarität, selbstlose Hilfe und Tatkraft - keine Eigenschaften des Neoliberalismus sondern althergebrachte chinesiche Tugenden, die von den Kommunisten als eigene Errungenschaft ausgegeben wurden.
Frau Guo hingegen bleibt in ihrer Businesskleidung immer nüchtern und realistisch. Sie wirkt konformistisch modern, was sich auch in ihrer Einstellung zur ihrem untreuen Mann widerspiegelt. Deshalb wirkt der melancholische Abschiedstanz besonders sentimental, denn er ruft die Erinnerungen an eine abgelegte, vergessene Gefühlswelt hervor. Jia Zhang-ke beschreibt, was vor allem viele Intellektuelle und Filmemacher seit Jahren mit Argwohn beobachten, und trifft damit auch den Nerv der chinesischen Kinogänger. Doch während Kollegen wie Zhang Yang in Das Badehaus das Thema mit Wehmut belegen, oder wie Wang Quan An (Lunar Eclipse) in urbanen Punk verwandeln, so dreht sich in dem meisterhaften Still Life alles um die Trostlosigkeit eines Lebens ohne Wurzeln. Hoffnung gibt nur Hans unerschütterliches Vertrauen auf die eigene Tatkraft - und die ist trügerisch.