Ein Mann steigt aus einem Bus und betritt eine scheinbar perfekte Welt mit Luxuswohnung, Freundin und Job. Doch das Leben fühlt sich nicht echt an. Alkohol macht nicht betrunken, Essen ist geschmacklos und die Menschen sind gefühllos. Als Andreas versucht auszubrechen, stellt er fest, dass es aus Anderland kein Entrinnen gibt. Jens Lien setzt der Trostlosigkeit der Moderne in Anderland ein schwarzhumoriges Denkmal.
Am Anfang steht ein Kuss. Ein Pärchen knutscht auf dem Bahnsteig der U-Bahn und wird von einem Mann beobachtet. Je länger der Kuss dauert, desto seltsamer wirkt die Szenerie. Mechanisch schlabbern die beiden mit stierem Blick ihre Zungen ab. Da hat Andreas genug und springt vor den einfahrenden Zug. Allerdings beginnt Jens Liens phantastisch-groteske Geschichte Anderland nicht hier sondern mit der Ankunft von Andreas (Trond Fausa Aurvag) per Bus an einer Tankstelle inmitten einer Einöde. Dort wird er von einem Kurier empfangen, der sogar ein Willkommensplakat aufgehängt hat, und ihn nun in die nächste Stadt bringt. Dort bezieht Andreas ein luxuriöses Apartment und erhält einen Job als Buchhalter in einem großen Unternehmen. Und bevor er etwas vermisst, ist da auch schon eine attraktive Freundin namens Anne-Britt (Petronella Barker).
Doch Andreas merkt, dass an dem perfekten und durchgestylten Großstadtleben etwas nicht stimmt. Auf einer Feier in einer Hotelbar kommt er der Sache auf den Grund, als er auf der Toilette den verzweifelten Hugo (Per Schaanning) kennen lernt. Ja, der Alkohol hat keine Wirkung, das Essen keinen Geschmack und die Menschen keine Gefühle. Zunächst ist das beunruhigend, aber da ist immer noch der ihn umgebende Luxus, der solange ablenkt, bis er eine Affäre mit Kollegin Ingeborg (Birgitte Larsen) anfängt. Nach anfänglicher Begeisterung erweist sie sich als ebenso gefühlsarm wie Anne-Britt. Andreas beschließt die Flucht, doch dafür braucht er Hilfe. Also sucht er Hugo auf, der ein süßes, musikalisches Geheimnis zu verbergen hat...
Anderland treibt mit dem Genre der Dystopien einen lustvollen, bisweilen aber auch melancholischen Schabernack. Das zugrunde liegende Szenario ähnelt Genreexponaten wie Cube oder Dark City, ohne sich allerdings auf deren vordergründigen Horror und Effektlastigkeit einzulassen. Lien und Autor Per Schreiner ziehen ihre spekulative Geschichte ins Absurde mit einer sarkastisch-ironischen Grundhaltung, die an das legendäre Junk Mail - Budbringeren (1997) erinnert, ebenfalls eine norwegische Komödie. Das bedeutet aber nicht, dass Lien ein Kind von Traurigkeit ist, wenn es um Splattereffekte geht. Da hängt schon mal ein Businessmann aufgespießt auf einem Gartenzaun, die Gedärme auf dem Straßenpflaster. Wenn Andreas vor die U-Bahn springt, knacken die splitternden Knochen in bester Gore-Manier. Was aber ins Lächerliche abgleitet, wenn sein lebender Körper von den Zügen immer weiter durch die Tunnels geschleift wird. Das dient der Demonstration des totalen Horrors, denn aus Anderland gibt es kein Entrinnen. Nicht einmal der Tod bietet einen Ausweg aus der urbanen Trostlosigkeit.
Doch selbst hier, in der totalen Tragik, kann sich Lien seinen schwarzen Humor nicht verkneifen. Der ist das größte Plus dieser ätzenden Komödie und besonders wirksam, wenn er in Bean'scher Manier fast ohne Sprache auskommt. Gleichzeitig behält John Christian Rosenlunds Kamera durchweg eine selige Ruhe, die allenfalls noch von Aurvags stoischer Ungläubigkeit übertrumpft wird. Anderland hält der urbanen Gesellschaft einen Spiegel vor, die den luxuriösen Konformismus zur unausweichlichen Triebfeder allen Handelns gekrönt und zwischenmenschliche Gefühllosigkeit des Business zur Lebensart befördert hat. Nicht umsonst erweist sich die einzig mögliche Ausflucht als ländliche Idylle in Rousseau'scher Natürlichkeit. Die großartige Dramödie macht dem phantastischen Genre auch ohne große Action und Effekte alle Ehre.