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Heimatklänge

(Heimatklänge, 2007)

Dt.Start: 11. Oktober 2007 Premiere: 13. Februar 2007 (Berlinale, Deutschland)
FSK: nicht bekannt Genre: Dokumentation
Länge: 82 min Land: Schweiz, Deutschland
Darsteller: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder
Regie: Stefan Schwietert
Drehbuch: Stefan Schwietert


Inhalt

Die Dokumentation begleitet drei alpenländische Stimm-Artisten und fängt damit den aktuellen Status des Jodelgesangs ein. Die Musiker experimentieren mit heimischen und fremden Traditionen und versuchen auf diese Weise die traditionelle Musik weiterzuentwickeln bzw. neu zu definieren. Die gebürtige Amerikanerin Erika Stucky vermischt zum Beispiel den Jodelgesang mit englischen Texten und schafft so völlig unkonventionelle Variationen. Noldi Alder hat sich nach großen Erfolgen mit seiner Band "Alder Buebe" ganz der Weiterentwicklung des Gesangs verschrieben. Christian Zehnder konnte als gelernter Logopäde schließlich wichtige Akzente im Jodelgesang setzen.
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Kritik

Heimatklänge hat eine Wertung von 70%
Eine Amerikanerin im Wallis macht aus der Folklore des Jodelns eine theatrale Musikshow. Ein Volksmusiker treibt das Naturjodeln in unbekannte Sphären und ein Stimmpädagoge verbindet die Schweizer Vokaltradition mit der Obertonmusik der mongolischen Steppe. Stefan Schwietert porträtiert drei der bekanntesten Schweizer Künstler einer Musikform, die hierzulande vor allem mit Alphorn, Bergidylle und Lederhosen in Verbindung gebracht werden. Zwischen Heimatgefühl, Selbstwahrnehmung und Experimentierfreude präsentiert der versierte Filmemacher eine eigenwillige Musikform, die mehr bietet als erwartet, und setzt dabei seine Reihe ungewöhnlicher Klangporträts fort.

Bild aus Heimatklänge Schon der große Komiker Loriot konnte sich eine Satire auf die alpine Gesangsextravaganz des Jodelns nicht verkneifen und sorgte mit seinem Sketch "Das Jodeldiplom" für herzhafte Lacher auf bundesdeutschen Sofas. Ein Beweis dafür, wie schwer es ist für Außenstehende, also für Menschen, die nicht in der alpinen Folklore verhaftet sind, sich mit dieser besonderen Form des Gesangs anzufreunden. Dass dahinter weit mehr steckt als nur sinnlose Vokalinjurien und für Touristen erstelltes Berggeheul, erscheint vielen als abwegig.

Ein gefundenes Fressen also für den Dokumentarfilmer Stefan Schwietert, der sich mit ungewöhnlichen Musikporträts bereits einen Namen gemacht hat. Nach zwei Filmen über das Akkordeon (Accordion Tribe und El Acordeon del diablo) sowie zwei Jazz-Filmen (A Tickle in the Heart und Voyage Oriental) wendete sich der Schweizer bereits mit Das Alphorn (2003) mehr den lokalen Klangwelten zu. Wer sein imposantes Werk kennt, wundert sich nicht, wenn der vielfach ausgezeichnete Regisseur auch der Schweizer Folklore-Musik gänzlich neue und faszinierende Seiten abgewinnen kann.

Dass Mundart-Gesang, Jodeln und Popmusik zusammenpassen können, bewies schon der Österreicher Hubert von Goisern mit seinen Alpinkatzen. Doch Schwietert bleibt auf eidgenössischen Seite der Alpen, wo er im Wallis zunächst die ungewöhnliche Stimmkünstlerin Erika Stucky besucht. Die hat zwar amerikanische Wurzeln, zog aber mit acht Jahren ins idyllische Morel und vereint nun amerikanische Elemente mit der ortsansässigen Gesangskultur. Sie verbindet Moritaten, Volkslieder, Jazz, Pop und natürlich gewaltige Stimmbandkollagen allein oder im Duett miteinander und eroberte sich mit schrägen Videos nicht nur das Herz ihrer Tochter sondern auch die einer festen Fangemeinde.

Die hofft bei jedem neuen Auftritt auf neue Brüche und Wiedervereinigungen bekannter Traditionen und musikalischer Konventionen, die sich auch mal mit Babyweinen oder Vogelgeschreien duellieren. Die Stimmakrobatin bietet eine wahnwitzige Bühnenshow, der man die Verschmelzung der kulturellen Wurzeln (Schweiz und USA) sofort anmerkt.

Dem Bild von Alphörnern, Sennenkäppi und Hudigäägeler hätte Noldi Alder früher schon eher entsprochen. Der Appenzeller entspringt einer bekannten Volksmusikfamilie und hat zusammen mit seinen Brüdern in der Formation "Alder Buebe" bereits große Erfolge gefeiert. Deshalb traut man ihm eine Ausbildung in Klassischer Musik und Violine erst gar nicht zu. Doch die Begrenztheit der Volksmusik verleitete ihn, sich dem Naturjodeln zu widmen, dem er seit 15 Jahren nun fortwährend neue Seiten abgewinnen kann.

Alder zelebriert das Experiment der Rückführung zu den Wurzeln und reflektiert die kulturelle Tradition, das Verwurzeltsein in Landschaft, Bauerntum, Beschaulichkeit bis hin zu einer spirituellen Meditation. Gleichzeitig tritt er erweitert er den Bezugsrahmen seiner Kunst, was ihm im Kreise der Familie nicht nur Wohlwollen einbringt.

Und da ist noch Christian Zehnder, der gemeinsam mit dem Bläser Balthasar Streiff das Duo "Stimmhorn" bildet. Zehnder, ein gelernter Stimmpädagoge, experimentiert nicht nur mit Jodeln, er hat sich im ganzen Musikkosmos umgesehen und den Obertongesang der mongolischen Steppen für sich entdeckt. Schwietert begleitet ihn auf eine Reise, wo er an einem Treffen bekannter mongolischer und sibirischer Obertonmusiker teilnimmt und das Publikum mit seinem Können in Erstaunen versetzt. Da werden Erinnerungen an Rocco Belics faszinierendes Porträt Genghis Blues (1999) wach. Gerade Christian Zehnders mutiger Umgang mit scheinbar zusammenhangslosen Nischenformen der Vokalmusik sorgt für ein tieferes Verständnis für das Streben nach Neuerung und eine große Faszination für diese besondere Form der Musik.

Schwieterts Porträt der drei bekanntesten Schweizer Jodelkünstler widerspricht dem gängigen Umgang mit einer Kunstform, die selbst in der Schweiz vielerorts belächelt wird. Vielmehr beobachtet der Filmemacher die Künstler hautnah bei der Schaffung einer ganz eigenen musikalischen Sprache, die progressiver nicht sein kann. Im Dreiecksverhältnis von Landschaft Musik und Mensch sucht Schwietert nach den Motiven und Motivationen der Protagonisten. Er berauscht mit monumentalen Bergbildern, um sich gleich darauf in die Enge einer Gaststube zurückzuziehen, und verbindet Andacht mit Naturverbundenheit.

Mit seinem typischen Hang zu leiser Komik nähert er sich verschiedenen Erklärungen für die Entstehung des Jodelns, vom Urschrei bis zur helvetischen Naturreligion. Plötzlich wird aus dem Musikerporträt ein Essay über Heimat, Selbstfindung, Identität, Inspiration, Leben und Tod, das sich bald wieder anderen Themen widmet wie Globalisierung, Kommunikation, und Generationenkonflikte. Damit demonstriert Schwietert die Lebendigkeit dieser Musik und gießt sie in kräftige Bilder (Kamera: Pio Corradi), die durch Archivmaterial ergänzt werden.

Einmal mehr demonstriert Schwietert sein Können, faszinierende Einblicke in ungewöhnliche Musikwelten zu geben. Sein beeindruckendes Klangerlebnis pendelt zwischen sperriger Dissonanz und melodiösem Gleichklang, skurrilen Menschen und emotionalen Begegnungen in bewegenden Bildern. Sein Verdienst ist die Schaffung von Verständnis und Spannung, die dafür schon auf der diesjährigen Berlinale als auch auf dem Münchener Dokumentarfilmfest für überraschte und beschwingte Gesichter nach den Vorführungen sorgte.

Die Preise, die er für Heimatklänge bereits erhielt, beweisen, was der Filmemacher in seiner Dokumentation feststellt: Jodeln rocks!

von Harald Witz


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