Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel ist das Regiedebüt von Ben Affleck, mit dem er beweist, dass in ihm ein wesentlich besserer Regisseur als Schauspieler steckt. Mit aufrichtigen Bildern, lebensnahen Dialogen und ohne aufgesetzte Distanz zeigt er das Bild einer gegenwärtigen Gesellschaft, die mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen hat.
Als die vierjährige Amanda in Boston entführt wird, werden nicht nur die Medien mobilisiert. Amandas Tante Beatrice McCready (Amy Madigan) engagiert auch ein junges Paar, bestehend aus Patrick Kenzie (Casey Affleck) und Angela Gennaro (Michelle Monaghan), die als Privatdetektive arbeiten. Während die Polizei in dem trostlosen Arbeiterviertel Dorchester streng nach Vorschrift vorgeht, sollen sie mit all jenen reden, die nicht mit der Polizei kooperieren wollen. Die drogensüchtige Mutter (Amy Ryan) des Mädchens ist ihnen dabei keine große Hilfe. Bei der Zusammenarbeit mit den Polizisten Broussard (Ed Harris), Nick Poole (John Ashton) und Einsatzleiter Jack Doyle (Morgan Freeman) kommen die Detektive immer mehr Ungereimtheiten auf die Schliche. Dank Kenzies Kontakten zur Unterwelt, entdecken sie eine Verbindung zu dem Drogenboss Cheese (Edi Gathegi), doch das ist erst die Spitze des Eisbergs. Keiner von ihnen ahnt, dass die Suche nach dem kleinen Mädchen sie in einen moralischen Konflikt bringen wird, in dem die Grenzen zwischen richtig und falsch nicht genau zu definieren sind.
Da der Inhalt des Streifens frappierende Parallelen zu der in Portugal verschwundenen, kleinen Madeleine McCann aufweist, wird Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel vorerst nicht in den britischen Kinos gezeigt werden.
Für den Film adaptierten Ben Affleck und Aaron Stockard den Roman "Kein Kinderspiel", der wiederum aus der Feder von Dennis Lehane (Mystic River) stammt. Mit dieser Leistung und seiner Regiearbeit scheint Affleck an seinen Erfolg von 1998 anknüpfen zu wollen. Damals gewann er zusammen mit seinem Kumpel Matt Damon den Oscar für das Drehbuch zu Good Will Hunting. Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel scheint dem in keinster Weise nach zu stehen. Neben einem exzellenten Darstellerensemble, allen voran Afflecks Bruder Casey (Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford), der selbst in den emotionalen Szenen glänzt und seine Rolle sehr überzeugend spielt, Oscarpreisträger Morgan Freeman (The Contract), Michelle Monaghan (Mission: Impossible III), Ed Harris (Klang der Stille - Copying Beethoven) und dessen Frau Amy Madigan, punktet der Film vor allem durch seine lebensnahen Bilder, die aktuelle Geschichte und durch die authentischen Dialoge.
In Gone Baby Gone - Kein Kinderspiel geht es aber nicht darum, richtige oder falsche Entscheidungen der Figuren aufzuzeigen. Das Urteil darüber überlässt Affleck dem Publikum und das ist auch gut so. Ihm scheint es wichtiger zu sein, soziale Missstände und seelische Abgründe offen zu legen. Es geht um den Entscheidungsprozeß selbst, um die Entscheidungsfindung und den Umgang mit den sich daraus entwickelnden Konsequenzen. Durch dramaturgisch fein ausgeklügelte Wendungen eröffnet Affleck immer wieder eine neue Ebene, die die Figuren und den Zuschauer in Atem halten. Besonders die rücksichtslose Auslotung der dunklen Seite der menschlichen Seele, die aufrichtige Inszenierung und die Tiefe der Figuren, sind eine Wohltat bei dem, was man sonst im Kino oder Fernsehen zu sehen bekommt. Eindrucksvoll zeigt Affleck, dass er sein Handwerk versteht und dass es einen gewaltigen Unterschied zwischen richtigen und guten Gründen gibt. Da kann man nur hoffen, dass er in Zukunft öfter auf dem Regiestuhl anzutreffen ist und die Schauspielerei seinem Bruder überlässt.