Ein gläubiger Muslim lernt nach 30 Jahren des Dienens die andere Seite kennen. Sein stolzer Glaubensorden hat den kleinen Lagerverwalter zum Buchhalter ihrer monatlichen Mieteinkünfte bestimmt. So trifft er unvermittelt auf die Moderne mit all ihren Verführungen. Özer Kiziltan erzählt mit dem zarten Religionsdrama Takva - Gottesfurcht vom Zusammenprall zweier gegensätzlicher Weltbilder. Fatih Akin produzierte die sehenswerte Metapher.
In Istanbul treffen Orient und Okzident auf viele verschiedene Weisen aufeinander. Meist ist es ein schleichender Übergang, aber manchmal ist der Unterschied auch extrem. In Süleymaniye, einem der ältesten, traditionellsten und konservativsten Viertel der Stadt, lebt der Spätvierziger Muharrem (Erkan Can) ein karges und gottesfürchtiges Leben, das fast schon asketisch zu nennen ist. Er arbeitet als kleiner Lagerverwalter bei einem Sackhändler und wirkt mit seiner schüchternen und geradezu unterwürfigen Art eher wie ein Diener. Seine demütige Liebe gilt aber dem einflussreichen Orden einer islamischen Sekte, wo er sich fast jeden Abend zum Gebet und Gespräch einfindet.
Wegen seiner Frömmigkeit und Bescheidenheit erregt er die Aufmerksamkeit des Ordenoberhauptes und Scheichs, der einen neuen Verwalter für die zahlreichen Besitztümer des Klosters braucht. Unter der Leitung der rechten Hand des Scheichs, Rauf (Güven Kirac), sammelt Muharrem die Mieten für die vielen Häuser und Wohnungen ein, um sie dann zur Bank zu bringen. Dabei muss er nicht nur das angestammte Viertel verlassen und trifft auf die von Verführungen durchwirkte Außenwelt der Metropole. Plötzlich muss er auch repräsentieren mit Anzug, Hemd, Handy und Dienstwagen samt Chauffeur. Sein tief verwurzelter Glauben beginnt zu wanken, zumal all jene sündigen Verführungen seine intimen Träumen noch zu verstärken scheinen. Bald schwirrt ihm der Kopf und dreht sich die Welt zu schnell. Und eines Tages steht auch noch die Frau aus seinen Träumen buchstäblich vor ihm...
Özer Kiziltan inszeniert mit Takva - Gottesfurcht eine hintersinnige wie sensible Fabel über Religion und Modernismus. Die deutsch-türkische Produktion, an der auch Fatih Akin beteiligt ist, zeichnet dabei ein hochinteressantes Bild von der seit den Anschlägen vom 11.September auf Terrorismus reduzierte Religion. Schon nennen einige Rezensenten die Figuren und Protagonisten die streng gläubigen Moslems fanatisch, auch wenn sie nichts weiter tun, als viel zu beten und versuchen, nicht zu sündigen. Tatsächlich ist aber Religion hier austauschbar und könnte ebenso im Dunstkreis eines Klosters spielen.
Kiziltan und sein Autor Önder Cakar porträtieren viel mehr einen Menschen, der sich in der Religion verkrochen hat und weltfremd den Gang des Lebens lange ignoriert hat. Nun erleidet sein sorgfältig aufgebautes winziges Universum aus Arbeit, Haus und Kloster einen mächtigen Kulturschock, der die Mischung aus ungebildetem Selbstbetrug, konservativer Geisteshaltung und naiver Frömmigkeit zur schmerzhaften Auflösung bringt. Da ist zum Beispiel Muharrems unterdrückte Sexualität, die sich in Träumen und nächtlichen Samenergüssen zu Wort meldet. Die ist ihm natürlich schrecklich peinlich. So hat er in der Konfrontation mit der auf Sex basierten öffentlichen Landschaft der Istanbuler Metropole außerhalb seines Viertels keine Chance.
War ihm der Glaube und der Rat des Scheichs vorher eine Stütze und eine Richtschnur durch den Tag, so soll er nun als angesehener Geschäftsmann anderen ein Vorbild sein. Doch auch damit ist Muharrem bald nicht nur überfordert, nein, er steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Verstörung des armen Gläubigen ist vergleichbar mit den beliebten Zeitreisegeschichten, wenn ein Mann aus der Vergangenheit plötzlich in der Zukunft aufwacht und die Welt nicht mehr versteht. Getragen von einem überragenden Erkan Can gelingt Kiziltan ein gewitztes, mitunter melancholisches Psychogramm, das anschaulich demonstriert, dass bewußts Leben viel mit Kompetenz und Wissen zu tun hat.
Gleichzeitig ist es aber auch feines Porträt über das Leben in einem islamischen Ordens. Die an Derwische erinnernden Rituale sind exotisch-interessant. Gleichzeitig erscheint vieles oftmals als gar nicht so enternt vom okzidentalen Kulturkreis. Auch wenn Muharrems Welt am Ende in Trümmern liegt und aus seiner frommen Bescheidenheit längst sündiger Wahn geworden ist, so erhebt sich die Botschaft von der Toleranz und vom fortwährenden Lernen über den Zustand der Welt weit über Grenzen der 96 Minuten hinaus.
Auf der Berlinale 2007 erhielt Takva - Gottesfurcht den Preis der Internationalen Filmkritik und auch auf den Festivals in Toronto und Antalya konnte das Werk Preise einheimsen. Bedeutender ist allerdings der Erfolg an der türkischen Kinokasse, als man Casino Royale und Borat auf die Plätze verweisen konnte. Es zeigt sich, dass Religion auch auf den Leinwändern in islamischen Ländern durchaus ambivalent gezeigt werden darf.