Ein Maler stellt im Haus seiner Eltern einen Gärtner an, der die vernachlässigten Gemüsebeete auf Vordermann bringen soll. Zu beider Überraschung waren sie vor 40 Jahren auf der Volksschule unzertrennliche Kumpels und finden nun Gelegenheit, ihre Freundschaft aufzufrischen. In Jean Beckers gewitzter Komödie Dialog mit meinem Gärtner brillieren Daniel Auteuil und Jean-Pierre Darroussin.
Es hat mal eine Weile gedauert, bis sich die graue Eminenz des französischen Kinos wieder zu Wort gemeldet hat. Acht Jahre nach Ein Sommer auf dem Lande sinniert Jean Becker erneut über die wichtigen Dinge des Lebens und stimmt dafür das Hohelied auf die Natur und das Landleben an. Nach seinem Abstecher in den Fin de Siecle bleibt er dieses Mal in der Gegenwart und tauscht das Gespann Serrault/Dussollier gegen die französischen "Allzweckwaffen" Daniel Auteuil und Jean-Pierre Darroussin aus.
Auteuil spielt einen erfolgreichen Maler, dessen Frau sich nach etlichen Eskapaden von ihm getrennt hat. Also sucht er einen Neuanfang und kehrt zu seinen Wurzeln zurück - weg aus Paris und ins leere, vernachlässigte Elternhaus in der Provinz. Für seine persönliche Rückkehr zur Natur will er den alten Gemüsegarten der Mutter instandsetzen und gibt ein Inserat für einen Gärtner auf. Gleich der erste Kandidat entpuppt sich als sein Schulfreund, den er seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Die Überraschung ist groß und die Sympathie zwischen beiden noch viel größer. Natürlich haben sich der Gärtner (Darroussin) und der mondäne Maler viel zu erzählen, aber das kann man auch mit Gartenarbeit verbinden. Fortan tuckert der pensionierte Bahner mit seinem Mofa jeden Morgen den Hügel hinauf, um beim Maler den Gemüsegarten anzulegen und die Zeit mit einem Schwätzchen zu verbringen.
Dabei stellen sich schnell die gravierenden Unterschiede ihrer Lebenskonstruktionen heraus. Der Maler ist ganz der urbane Intellektuelle, der ein Image als Lebemann pflegt und deshalb zwischendurch Besuch von seiner blutjungen Muse Alexia Barlier) erhält. Geld spielt bei ihm keine Rolle und er lebt ganz für seine Kunst. Der Gärtner hingegen pflegt mit seiner aus dem Immigrantenmilieu stammenden Frau (Hiam Abbass) ein kleinbürgerliches Leben ohne Ansprüche und mit immerkehrenden Riten. Als Kleinbeamter hat er zwar Anspruch auf Pension, aber die wurde mal wieder gekürzt und hat sich zu einem Experten für die Angebote der Wohlfahrt entwickelt. Das Aufeinandertreffen von eloquenter Intelligentsia und bescheidener Arbeiterschaft führt allerdings zu keinen Reibereien. Tolerant und nachsichtig lauschen sie einander beim Gedankenaustausch - der eine abstrakt, komplex und ausschweifend, der andere gegenständlich, geradlinig und alltäglich. Jeder ist über das Gehörte und die Neuigkeiten des anderen erstaunt und verblüfft. Die eigentlichen Unterschiede zwischen beiden Freunden werden erst eines Tages deutlich, als der Gärtner nach Magenproblemen im Garten ohnmächtig wird...
Schon in dem erfolgreichen Zusammen ist man weniger allein pries Kollege Claude Berri die Vorzüge des ländlichen Lebens an. Und auch Eric Emmanuel Schmitt verhehlt den Segen der Provinz in seinem Märchen Odette Toulemonde nicht. Jean Becker präzisiert die Diskrepanzen zwischen Stadt und Land, wenn er sich über die Pariser Intellektuellen anlässlich einer Ausstellungseröffnung lustig macht: verlogene Rituale der Höflichkeit versus offener und direkter Rede. Er fordert Respekt für die Arbeiter und stellt ein Denken in Frage, das sich ziellos um Konsum und sich selber windet. Der Gärtner, das Sprachrohr der Nachdenklichkeit, repräsentiert auch die Ungerechtigkeit, die das Wirtschaftsystem den Unterpriviligierten auferlegt. Harte Arbeit, keine Aufstiegschancen (nicht mal für die Kinder), schlechte Versorgung und keine Hoffnung auf Besserung. Allerdings führt Becker keine Anklage. Vielmehr stellt er mit Eleganz und unterhaltsamer Einfachheit nur Positionen vor, die Schlußfolgerungen überläßt er den Zuschauern.
Beckers Adaption eines Buches von Henri Cueco sucht keine Konflikte, sondern ahmt leicht und beschwingt das Leben nach - ohne Schnickschnack, einfach und glücklich. Dabei helfen ihm nicht nur die kunstvoll feinen Charakterbeschreibungen und intelligenten Dialoge, die er zusammen mit Jean Cosmos und Jacques Monnet entwickelt hat. Pralles Leben erhalten sie erst durch die beiden großartigen Schauspieler, die unprätentiös glaubhaften Alltag mit einem Schuß Märchenidylle darstellen. Auteuil und Darroussin liefern unter der festen Regiehand Beckers feinstes Kino ab und runden die großartige Inszenierung zu einem zärtlichen Meisterwerk ab. Dialog mit meinem Gärtner ist feines und unterhaltsames Dialogkino aus Frankreich, das zweifellos zu den Besten des Jahres gehört.