Die ersehnten, ruhigen Feststage fallen für Psychiater Jan ins Wasser. Ehefrau Sara hat als "Feststagsüberraschung" nicht nur die Schwiegermutter eingeladen sondern auch noch ihre drei Ex-Ehemänner samt deren neuen Familien. Statt Geselligkeit gibt's also Machismo, Eifersucht und Ärger, bis der Weihnachtsmann kommt. Und dann bricht das Chaos endgültig aus... Vanessa Jopp überträgt mit Meine Schöne Bescherung einen schwedischen Erfolgsfilm als gelungene Situationskomödie ins Deutsche.
Die Deutsche Komödie hat keinen besonders guten Ruf. Das gilt besonders für Werke mit einfachem oder wie man so schön sagt, flachem Humor. Slapstick und Screwball werden oft genug Opfer von Plattheiten, schlechtem Timing und ungenau herausgearbeiteten Rahmenbedingungen. Doch seit einiger Zeit kommt Bewegung in die deutsche Kinolandschaft. Eine neue Generation von Filmemachern und vor allem eine neue Generation von Redakteuren in den Sendeanstalten produzieren immer besseres, kommerzielles Kino und vor allem bessere Komödien.
Nun legt Vanessa Jopp mit Meine Schöne Bescherung eine Situationskomödie vor, deren schrill-skurrile Grundhandlung früher Anlass zur größter Sorge ums seelische Gleichgewicht gegeben hätte. Doch zum Einen ist das Star besetzte Werk ein Remake des schwedischen Hits In Bed with Santa - und wer skandinavische Komödien wie Jalla Jalla, Kops oder Junk Mail kennt, weiß um deren exzellente Qualität. Zum Anderen hat die eigentlich im Drama beheimatete Regisseurin (Vergiss Amerika) dank ihrer "ernsthaften" Expertise offensichtlich die richtige Distanz zum dämlichen Klamauk und damit das Feingefühl, ihre hysterische Chaoskomödie immer nur bis hart an die Schmerzgrenze zu dirigieren, um dann elegant die Kurve zu kriegen.
Deshalb mag der Beginn mit Sex im Schrank vielleicht ein wenig sehr schräg sein, ist aber in der Retrospektive nur konsequent: Mama aus Leidenschaft Sara (Martina Gedeck) und ihr vierter Ehemann Jan (Heino Ferch) beginnen den Weihnachtstag glücklich und harmonisch, bis die familiäre Rasselbande erwacht. Psychologe Jan ist eben auch ein Familienmensch, weshalb die Horde Kinder, Überbleibsel aus beider vorherigen Ehen, nicht wirklich stören. Doch Jans Wunsch nach trauten Weihnachten enden mit der Anwesenheit der mürrischen Schwiegermutter Inge (Petra Kelling) recht früh. Nun, der Psychologe in Jan findet zunächst in der Ruhe die Kraft. Allerdings gerät sein professionelle Einfühlungsvermögen angesichts der erschreckenden Anzahl der Weihnachtsgänse, die die gut gelaunte Sara vorbereitet, schon wieder ins Schwanken.
Als es unverhofft klingelt, darf man von einem Fait accompli sprechen, denn draußen stehen Saras Ex-Ehemänner samt familiärer Anhang. Sie sind gekommen, um hier ein rauschendes Fest als riesige Patchwork-Familie zu feiern: Erich (Rainer Sellien), Thomas (Matthias Matschke) und Andi (Roeland Wiesnekker) sowie deren Ehefrauen (Jasmin Tabatabai, Meret Becker, Ursula Doll). Nicht zu vergessen, weitere liebe Kinder. Außerdem haben es auch Jans Ex-Frau und ihr Mann (Rosa Enskat, Andreas Windhuis) sowie die attraktive aber alleinstehende Isabell (Alexandra Neldel) als Begleitung von Anne und Thomas geschafft. Alles in allem eine wohlorganisierte Überraschung von Sara für den lieben Jan. Der verflucht seinen inneren Psychologen, denn nicht nur mit Saras Ex-Männern verbindet ihn eine herzhafte Hassliebe, die weit über die üblichen Macho-Allüren hinausgeht. Auch mit seiner Ex-Frau sowie all den anderen Ehefrauen mag er lieber nix als alles andere zu tun haben. So bedarf es einiger Überredungskunst von Sara, um den schmollenden Versteher wieder hervorzukitzeln, der als Gastgeber die Männerschaft zünftig in die Sauna einladen soll. Doch unbefangen mag keiner der so verschiedenen Ehemännern ein Gespräch führen und auch die Frauen verkehren untereinander nur mit gezückten (Wort-) Dolchen.
Einzig Sara verströmt eine großfamiliäre Zufriedenheit über die versammelte Gesellschaft. So als ob sie etwas wüsste, was sonst keiner weiß. Und tatsächlich hat sie eine noch viel größere Überraschung für Jan und die anderen vorbereitet. Nur ist Jans Maß längst voll, und jedes weitere Klingeln an der Tür, und seien es nur die neuen Nachbarn (Feo Aladag, Bjarne Mädel) zum Antrittsbesuch oder gar der Weihnachtsmann, sorgen bei ihm für hysterische Ausbrüche und machen Jan zum potenziellen Psychiatrie-Patienten...
Mit fast fiebrigem Dialog- und Erzähltempo jagt Vanessa Jopp ein toll besetztes und stark aufspielendes Ensemble durch eine hanebüchene Weihnachtsgeschichte, die dem Begriff Patchwork-Familie eine ungeahnte Dimension verleiht. Rotzfrech prallen hier Egoismen, Eitelkeiten, Wünsche, Sehnsüchte und natürlich auch Ängste und Vorurteile mit all dem zusammen, was sich im familiären Weihnachtsstress ohnehin so an Emotionen aufbaut.
Frau Jopp macht keinen Hehl daraus, dass Meine Schöne Bescherung eine illustrer Schwank, ja eine Burleske sein will. Sie nutzt all ihre Möglichkeiten, um elegant zwischen sarkastisch-intelligenten Dialogen, slapstickartigen Einlagen und der scharfen Beobachtung zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten zu pendeln. Dabei erstaunt, wie prima die Regisseurin das illustre Ensemble von nicht weniger als zwölf groß angelegten und zwei kleineren Figuren im Griff hat. Locker bereitet sie diese dramaturgisch so auf, dass keiner dem Publikum entgeht. Das ist eine überaus reife Leistung, selbst wenn man annehmen darf, dass die Regisseurin und ihre Autorin Monika Rolfner das Original intensiv studiert haben.
Die ganze Klasse von Regisseurin und Schauspielern zeigt sich in den großen chaotischen Gruppenszenen, in denen Timing und Dialog einfach stimmen müssen. Aber auch in den leisen Momenten demonstrieren alle ihre Fähigkeiten zu differenzierten Emotionen, so dass die Charaktere zwar etwas Prototypisches besitzen, aber niemals in die Charge abgleiten. Einzig am Schnitt könnte man etwas bemängeln, aber die überbordernde Komik entschädigt für den ein oder anderen unnötigen technischen Holperer. Mit 92 Minuten ist Meine Schöne Bescherung trotz der vielen Charaktere und dramaturgischen Wendungen recht kurz geraten, weshalb man schon deshalb von einer flotten Unterhaltung sprechen darf.
Der größte Pluspunkt der Komödie ist allerdings die Abbildung moderner Befindlichkeiten. Männer und Frauen lassen sich kaum mehr auf ein einziges soziales Merkmal reduzieren. Sex, Konservatismus, bürgerliche Existenz, soziales Verhalten und Ansichten liegen kreuz und quer übereinander - und werden vornehmlich von den Hoffnungen und Sehnsüchten aufs eigene Glück zusammengehalten. Leider hat niemand davon eine exakte Vorstellung. Wenn die Meine Schöne Bescherung ein Abbild des sozialen Zusammenlebens ist, so beweist es nur, dass die Menschen allenfalls wissen, dass sie eigentlich nichts wissen. Damit erhält der Untertitel "Eine Komödie über polynukleare Familienstrukturen" eine nicht erwartete Tiefe. Wer das Plakat genauer betrachtet, entdeckt auch folgerichtig viele Versatzstücke bundesdeutscher Familienstereotype zwischen progressiv und konservativ, nur eben nicht mehr nur auf einen Charakter reduziert.