Das Kabinett des Dr. Caligari Poster

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Das Kabinett des Dr. Caligari

(Das Cabinet des Dr. Caligari, 1920)

Dt.Start: 27. Februar 1920 Premiere: 26. Februar 1920 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Thriller
Länge: 71 min Land: Deutschland
Darsteller: Werner Krauss (Dr. Caligari), Conrad Veidt (Cesare), Friedrich Feher (Francis), Lil Dagover (Jane), Hans Heinrich von Twardowski (Alan), Rudolf Lettinger (Dr. Olson)
Regie: Robert Wiene
Drehbuch: Hans Janowitz, Carl Mayer


Inhalt

Der Schausteller Dr. Caligari führt in seiner Jahrmarktbude den Somnambulen Cesare vor, der unter anderem die Fähigkeit besitzt, die Zukunft der staunenden Besucher vorherzusagen. Nachts zieht Cesare unter dem hypnotisierenden Einfluss seines Meisters durch die verwinkelten Straßen der norddeutschen Kleinstadt und ermordet deren Einwohner. Der beste Freund eines der Opfer kommt Dr. Caligari schließlich auf die Schliche und versucht diesem das Handwerk zu legen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Das Kabinett des Dr. Caligari hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 87%
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Kritik

von Lutz Granert
Das Kabinett des Dr. Caligari hat eine Wertung von 87%
Robert Wiene inszenierte mit Das Kabinett des Dr. Caligari den Begründer jenes Avantgardekinos im deutschen Nachkriegskino, welches unter dem Stichwort Expressionismus internationale Reputation erlangte und einen eigenen, einflussreichen Stil herausprägte. Dieser geht auf selbige Stilrichtung aus der bildenden Kunst zurück, verband sie jedoch mit der Mentalität in der noch jungen Weimarer Republik.

Bild aus Das Kabinett des Dr. Caligari Im Zuge der niederschmetternden Ereignisse des 1. Weltkriegs fanden sowohl das deutsche Kaiserreich als auch die bildende Kunst des Expressionismus, die das innere Empfinden, die erregte Seele der Künstler in Formen und Farben nach außen treten ließ und stets euphorisch einen revolutionären Wandel zu einer besseren Gesellschaft heraufbeschwor, ihr Ende. Deutschland war am Boden, zerstört, besiegt. Doch wie Phoenix aus der Asche erhob sich in diesem Zeitalter das Medium Film, welches sich in weiten Teilen der Gesellschaft mit seriösen Lang-Spielfilmen fernab seines Images als Jahrmarktsattraktion immer weiter durchsetzte. Der expressionistische Film sorgte international für Aufsehen, etablierte das Kino der Weimarer Republik als ein einflussreiches Avantgardekino und schuf damit eine Konkurrenzsituation mit dem damals schon international beliebten und populären Hollywoodkino, indem es gegen dessen Prinzipien verstieß.

Die mit einem Happy End versehene heterosexuelle Liebesgeschichte oder das pathetische Historienspektakel waren in diesem Kunstkino der Weimarer Republik undenkbar, auch wenn in der deutschen Filmindustrie abseits vom expressionistischen Film auch Melodramen und eskapistische Abenteuerfilme fürs deutsche Publikum produziert wurden. Doch Filme wie der erste als "expressionistisch" begriffene Film Das Kabinett des Dr. Caligari oder auch Der Golem wie er in die Welt kam (1920) und Nosferatu, eine Symphonie des Grauens (1922) beinhalteten andere Themen, Gestaltungen, Motive: es ging um die Artikulation von Angst, das Auftauchen von obskuren Lebensformen, Autorität und ihr Missbrauch. Dies waren - so kann man den kommerziellen Erfolg der Filme in Deutschland deuten - die Dinge, welche die Menschen im Nachkriegsdeutschland bewegten. Der Kaiser als geschlagene Autorität, der durch die Kriegseuphorie Millionen Menschenleben auf dem Gewissen hatte, musste ins Exil, die Zukunft des Landes war insbesondere durch das ungekannte parlamentarische System und die finanziellen Lasten des Versailler Vertrags ungewiss. In den USA hingegen fanden Filme des Expressionismus trotz diverser Filmaustauschverträge abseits des viel beachteten Caligari nur wenig Publikum.

Das Kabinett des Dr. Caligari entstand dabei unter sehr turbulenten Bedingungen. Das Drehbuch von Hans Janowitz und Carl Meyer, welches durch einen gemeinsamen Besuch bei einer Jahrmarktsattraktion um einen scheinbar unter Hypnose stehenden Athleten geprägt wurde, der prophetische Äußerungen von sich gab, wurde entscheidend und ohne Rücksprache verändert. Hinzugefügt wurde die Rahmenhandlung, in welcher der Protagonist - Insasse einer Irrenanstalt - die Geschehnisse um Dr. Caligari aus seiner Perspektive erzählt und somit letztlich die Zuverlässigkeit der Erzählung des Films infrage gestellt wird. Decla, die Produktionsfirma, stand während der Dreharbeiten immer wieder kurz vorm Konkurs, weswegen Das Kabinett des Dr. Caligari preisgünstig produziert werden musste. Dabei griff man auf gemalte Kulissen, verwinkelte Bauten und eine ausgefeilte Chiaroscuro-Beleuchtung beim Dreh im Atelier (in welchem man sämtliche Produktionsbedingungen kontrollieren konnte) zurück, um das Gefühl der Beklemmung und Verunsicherung nach außen zu tragen. Diese vermeintliche Not entpuppte sich als Tugend und wirkte stilprägend, was sich insbesondere auf die Lichtsetzung im späteren Film Noir auswirkte - die Emigration zahlreicher Filmschaffender in die USA wie Regisseur Fritz Lang, welche ihr Handwerk im Kino der Weimarer Republik lernten, trugen auch dazu bei.

In der Handlung des Films geht es um den Schausteller Dr. Caligari (Werner Krauss), welcher auf dem Jahrmarkt in der fiktiven Stadt Holstenwall eine Show mit einem Somnambulisten namens Cesare präsentiert, der alle Fragen beantworten kann. Nachdem Alan (Hans Heinrich von Twardowski) vortritt und ihm prophezeit wird, er werde noch in derselben Nacht sterben, wird Holstenwall von einer Mordserie erschüttert. Bei seinen Nachforschungen findet Alans Freund Francis (Friedrich Feher) heraus, dass der Somnambulist als willenloser Sklave Dr. Caligaris die Morde begangen hat. Auf Dr. Caligaris Flucht folgt er ihm in eine Irrenanstalt, wo sich Dr. Caligari als dessen Direktor entpuppt. Auffällig dabei ist, dass die Abgeschlossenheit des Films durch die fehlende Auflösung verweigert wird. Ob der Zuschauer die ganze Zeit nur Zeuge der wirren Erinnerungen eines Geisteskranken war oder die Geschehnisse wirklich so stattgefunden haben, bleibt offen. Hin und wieder scheint sich die Handlung dabei - der einzige Kritikpunkt - etwas in seinen Nebenhandlungen um den Vater der Geliebten oder Rückblenden zu verheddern, weswegen bisweilen ein wirrer Eindruck zurückbleibt.

Die Bilder des Films mit seinen schiefen Bauten und eckigen Formen im Atelier, seinen bedrohlichen Schatten und der Statik der Kamera - eine Inszenierung, die dem Theater mehr ähnelt, scheint kaum möglich - brennen sich jedoch tief ins Gedächtnis ein und wirken auch im Zeitalter der CGI-Effekte und Handkameras noch nicht antiquiert. Sie demonstrieren gar eine stilistische Brillanz und Kunstfertigkeit, die mit dem Farbfilm abhanden gekommen ist. Wenn Cesare während der Vorstellung unter Dr. Caligaris Beschwörung langsam die Augen aufschlägt, bis er erschrocken starrt oder er sich langsam schreitend der schlafenden Jane (Lil Dagover) nähert, um sie zu töten, hat dies bis heute nichts von seiner beklemmenden Wirkung verloren. Mit seiner Auf- und Abblendungstechnik in Form einer Gedankenblase, als die Inhalte von Dr. Caligaris Tagebüchern visualisiert werden (während links im Bildkader die Leser "kleiner" und abgeblendet werden, wird rechts die Visualisierung aufgeblendet und "größer") und das Füllen des Bildraums mit verschriftlichten Gedanken ("Du musst Caligari werden!") lässt sich in Willy Hameisters um Originalität bemühte Kameraarbeit die Betonung einer Flächigkeit erkennen, die ganz in Filmarchitekt Hermann Warms Credo "Das Filmbild muß Grafik werden" steht. Kunst und Künstlichkeit waren in der Filmgeschichte selten so deckungsgleich wie in Das Kabinett des Dr. Caligari.



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