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Das Gipfeltreffen der Comic-Genies findet auf der Leinwand statt: Frank Miller (300, Sin City) verfilmt Will Eisners Superheld "The Spirit" und liefert damit ein extravagantes visuelles Meisterwerk, das weit mehr ist, als bloß oberflächliche Superheldenverfilmung. Weil der ambitionierte Cop Denny Colt (Gabriel Macht) quasi unverletzlich und von den Toten auferstanden ist, kann er in Maske, Anzug und rotem Schlips in Central City auf Verbrecherjagd gehen. Während sein Erzfeind Octopus mit Assistentin Silken Floss (Scarlett Johansson) die Weltherrschaft anstrebt, kreuzt der "Spirit" die Wege seiner großen Jugendliebe (Eva Mendes), die mit dubiosen Geschäften ihr Auskommen sucht.
Es ist das Gipfeltreffen zweier Comic-Genies: In den Dreißiger Jahren prägte Will Eisner den Übergang von Zeitungsstrip zum eigenständigen Comicbook (Heft) entscheidend mit, entwickelte als Herausgeber zahlreiche Serien. Absolutes Kultprodukt war "The Spirit", den er von1940 an in wöchentlichen Abenteuern 12 Jahre lang betreute.
Frank Miller hingegen gilt als der Wundermann der Superhelden-Krise der 80er Jahre. Damals restrukturierte er diverse abgehalfterte Serien bei den großen Verlagen DC und Marvel, führte innovative Relaunchs durch oder steuerte absolute Höhepunkte für die Serien bei. Seine maßgeblichen Werke wie "Die Rückkehr des Dunklen Ritters", "Elektra", "Born Again" und viele andere mehr sind bis heute wegweisend. Sie bildeten die Grundlage für die Welle der Comicverfilmungen seit Ende der 90er Jahre. So stehen seine Visionen Pate sowohl für Tim Burtons Batman (Millers "Der Dunkle Ritter") sowie für Christopher Nolans Relaunch des Franchise Batman Begins (Millers "Batman: Year One"). Mit Sin City und 300 wurden bereits zwei seiner innovativen Kreationen jenseits der Superhelden für die Leinwand adaptiert. Diese entstanden unter enger Zusammenarbeit mit Miller.
Für The Spirit ließ es sich der Comic-Meister nicht nehmen, selbst auf dem Regiestuhl Platz zu nehmen. Herausgekommen ist, wie soll es bei einem visionären Experten auch anders sein, eine wahnwitzige Collage aus Realverfilmungen und CGI-Animationen, ein extravagantes visuelles Meisterwerk, das mehr als jedes andere Werk die Grenzen zwischen den beiden Genres niederreißt.
Seine hochelegante Verbeugung vor seinem großen persönlichen Vorbild Eisner ist ein echter Miller. Er lässt es sich nicht nehmen, seine eigene Version des "The Spirit" zu drehen, die einige fundamentale Änderungen zum Original beinhaltet, die den Zeitgeist und Zeitgeschmack widerspiegeln. So ist "The Spirit" im Comic eigentlich nicht gestorben, nutzt aber den Glauben der Leute an seinen Tod für seine Zwecke aus. Entsprechend ist der Comic-"Spirit" verwundbarer als der Film-"Spirit", womit die Liebesgeschichte zur Tochter von Commissioner Dolan (Dan Lauria), Dr. Ellen Dolan (Sarah Paulson) im Comic doch etwas besser motiviert erscheint.
Darüber hinaus schrieben Miller und seine Autoren den Gehilfen von Dr. Octopus (Samuel L. Jackson), den nicht minder irren Dr. Cobra heraus, um so den Dualismus von Gut und Böse sowie die absurde, gegenseitige Abhängigkeit der beiden Kontrahenten zu verdeutlichen (ein Thema, das Miller schon bei Batman und Joker ausführte). Außerdem nutzt der Film-"Spirit" diverse technische Geräte der Moderne, die es in den Vierziger Jahren noch nicht gab. Dennoch repräsentiert das Ambiente jene Zeit (siehe Octopus' Nazi-Auftritt oder diverse Fahrzeug-Designs). Auch der Ton der Erzählung orientiert sich an den Krimis der Schwarzen Serie: Die visuelle und atmosphärisch atemberaubende Odyssee thematisiert Tod, Untod, Leben sowie Liebe, Leiden und Sex, repräsentiert von verschiedenen Frauen. Dazwischen stehen der Spirit und sein Antipode Octopus.
Der typische Beginn des Abenteuers ist natürlich ein nächtliches Verbrechen im Nebel umwaberten Hafengebiet von Central City, der Stadt des Spirits. Schon treffen Octopus und Spirit aufeinander und verkloppen sich mit einer Hingabe, die sofort klarmacht: Das passiert regelmäßig. Es geht um zwei Kisten, an deren mystische Inhalte (eine Amphore mit dem Blut von Herkules, dem Sohn von Zeus, sowie das Goldene Vlies) sowohl der fiese, größenwahnsinnige Octopus als auch die undurchsichtige Verbrecherin Sand Saref (Eva Mendes) interessiert sind. Während die Männer ihrer gegenseitigen Zerstörung nachgehen, können Saref und Octopus' Partnerin Silken Floss (Scarlett Johansson) jeweils eine der Kisten bergen. Doch leider ist es jeweils die falsche.
Angesichts der Aussichten hat Commissioner Dolan schon jetzt Kopfschmerzen, denn der Spirit, den er eigentlich beschützen will, droht mal wieder mit einem unkontrollierbaren Alleingang. Seine Tochter hingegen ahnt, dass der Spirit vor allem ihre ärztliche Expertise benötigt. Sie muss mit ansehen, wie ihr Liebster von der attraktiven Sand Saref fasziniert ist, weil er in ihr seine große Jugendliebe wieder erkennt. Doch gleich darauf schwebt der Spirit einmal mehr in der Zone zwischen Leben und Tod, wo ihn der Todesengel Lorelei (Jaime King) mit Sehnsucht erwartet...
Frank Miller macht schon zu Beginn deutlich, dass er mit The Spirit mehr vor hat als nur die übliche Comic-Verfilmung. Es ist ein Denkmal für sein Vorbild, eine Hommage an die Schwarze Serie und eine Ode an die Neunte Kunst. Es schert ihn reichlich wenig, dass sich so manche Wendung und so manches Bild auf der Leinwand nicht sofort den Zuschauern erschließt. Mit mythischen Elementen und absurden Persiflage irritiert er lieber, als dass er die weitschweifige ironische Erzählkultur eines Will Eisners einengt. Tatsächlich ist in den Comics des Meisters ebenso buchstäblich alles möglich wie hier im Film.
Von Action, Thriller über Drama, Tragödie bis zur Komödie spannt sich der Erzählbogen. Durchsetzt ist alles mit satten Onelinern, zärtlichen Persiflagen und vor allem mit absurdem Humor. Der steigert sich bis in eine abstruse und doch unterhaltsame Sequenz, in der Octopus als Nazi-Offizier auftritt - ein schauspielerischer Geniestreich von Jackson, der damit auf seinen Killer in "Pulp Fiction" referiert. Nun, immerhin bedienen sich ja Jackson und Miller offen bei den Mechanismen der klassischen Pulp-Literatur.
Miller lädt ein, seine Querverweise auf die 40er Jahre und ihre medialen Ikonen zu enträtseln. Dass das Werk dadurch mitunter holpert und unrhythmisch wirkt, übersieht er ebenso, wie so manch kleine technische Fehler, die verraten, dass hier ein Debütant am Werk ist.
Das wichtigste Element des "Spirit"-Kanon sind natürlich die Frauen, denn in ihnen materialisieren sich die meisten Themen. Die laszive Sand, das blonde Next-Door-Liebchen Ellen, die eiskalte Silken, die mörderische Plaster of Paris (Paz Vega), die Todessirene Lorelei und die ambitionierte wie scharfe Polizistin Morgenstern (Stana Katic) bilden einen femininen Reigen um den Helden herum. Ihre Beziehungen zum Spirit stehen alle unter einer mehr oder weniger starken erotischen Spannung. Doch im Zweifelsfall wirken alle Damen irgendwie stärker und smarter als der maskuline Held, der sich in seinem unreflektierten Machismo so richtig wohl fühlt. Für Octopus gilt dies sogar verstärkt, allerdings besetzt bei ihm der Größenwahn längst die Stelle des Sexus.
Für Freunde oberflächlicher Superhelden-Verfilmungen ist The Spirit ebenso schwierig wie für diejenigen, die glauben, dass sowohl 300 als auch Sin City nur wegen ihrer Gewaltexzesse sehenswert sind. Miller legt hier einen geradezu elitären und avantgardistischen Film vor, der in seiner Konzeption zwar nicht alle Möglichkeiten ausschöpft, aber sich wie Eisners Comic offen an ein erwachsenes und experimentierfreudiges Publikum wendet. |