Von der Kindheit bis zum Preis fürs Lebenswerk - die Karriere des Musikers Dewey Cox ist ebenso bunt und erfolgreich, wie sie unter dem Stern der Gewissensbisse, Drogen und Sex steht. Deweys Bruder starb durch einen schrecklichen Machete-Unfall, eine Schuld, die Dewey Cox in Selbstzweifel, Sexorgien und Drogensucht treibt. John C. Reilly offenbart in Jake Kasdan satirisch-krudem Fake-Biopic Walk Hard: Die Dewey Cox Story gehöriges komödiantisches Talent.
Die Karriere des legendären Sängers Dewey Cox (John C. Reilly) ist ebenso ruhmreich wie voller Skandale. Am Ende seines Weges greift das "Chamäleon des Pop" nach vielen Triumphen, Eskapaden und privaten Katastrophen für die Ehrung seines Lebenswerkes noch einmal zur Gitarre, feiert die Versöhnung mit seinen alten Gefährten und erfährt Annerkennung und Respekt der ganzen Musikbranche. Warum sind ausgerechnet jene Biographien so interessant, die von Triumphen und Abstürzen gleichermaßen gepflastert sind? Aisgerechnet das konservative Amerika feiert nur zu oft jene liebgewonnenen Stars, deren Sündenfälle zum Allgemeinwissen gehören, und ist nur all zu schnell zur Vergebung ihrer "Sünden" bereit, wenn jene nur ordentlich Reue und Demut zeigen. Vielleicht ist auch einfach nur die Zahl jener Stars, die ohne Abstürze lebten und wirklich Vorbild sein könnten, zu klein... Schon früher zelebrierte Hollywood gerne den Glanz der Showbiz-Größen und Helden in filmischen Biographien: z.B. die naiven Huldigungen der Glenn Miller-Story (1953) und natürlich die zahllosen Elvis Presley-Filme. Doch selbst Clint Eastwoods ausgewogenes Charlie Parker-Porträt Bird (1988) entsagte aus Respekt vor dem Genie die ganzen tiefen Abgründe aus dessen Leiden. In den Neunziger Jahren hatte sich das Genre soweit verselbstständigt, dass man fiktive Biographien nach bestimmten Vorbildern erstellte (z.B. Grace of My Heart, 1996). Interessant ist die Entwicklung der letzten Jahre. Werke wie Ray (2004), Walk the Line (2005) oder Dreamgirls (2006) mutierten dank Sex und Drogen zu ernsthaften Dramen und begeisterten mit schillerndem Rock'n'Roll, Blues und Soul, sprich (Pop-) Musik, die kommerziellen Massen. Ein echtes Oscar-Konzept, das dazu führte, dass man mittlerweile enttäuscht wäre, wenn sich kein Musik-Biopic fürs Oscar-Rennen qualifiziert (süchtige Vorbilder gibt es ja genug).
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es höchste Zeit für eine Satire wurde. Normalerweise wäre das ein Fall für das Brat-Pack um Vince Vaughn, die Wilson-Brüder, Ferrell und Stiller, deren Komödien sich zumeist Genre-Satiren verstehen. Mit John C. Reilly spielt auch ein seriöser Schauspieler die Hauptrolle, der neulich erst mit Ferrell in der Motorsportsatire Ricky Bobby - König der Rennfahrer (2006) die legendäre "Baby Jesus"-Szene zum Besten gab und damit allerhand komödiantisches Potenzial offenbarte. Auch Jack Black, mittlerweile ebenfalls im Dunstkreis des Packs beheimatet, legt als Beatle Paul McCartney einen feinen Cameo-Auftritt hin. Außerdem erinnern viele Elemente der Bad Taste-Komödie eben an jenen Ricky Bobby.
Tatsächlich stammt Walk Hard: Die Dewey Cox Story aus der Kreativschmiede um Judd Apatow, die seit zwei Jahren für Rührigkeit im Komödiensektor sorgt. Zuletzt feierte man mit Superbad und Beim Ersten Mal starke Erfolge. Nun brechen Jake Kasdan (Regie, Drehbuch) und Judd Apatow (Drehbuch, Produktion) offen ins Brat-Pack-Revier ein und demonstrieren ihre ganze Expertise, wenn Magnolia-Star Reilly, vom Nebenrollen-Dasein entfesselt, sein ganzes kolossales Komik-Potenzial abruft. In Retrospektive erzählen Kasdan und Apatow ein ätzendes Crossover aus der Ray- und der Walk the Line-Story So beleuchten sie Dewey Cox' tragische Kindheit, als er beim Spielen seinen jüngeren Bruder mit einer Machete entzweit und fortan den bitteren Vorwürfen des Vaters ausgesetzt ist (Der falsche Bruder ist gestorben). Durch das Erlernen der Blues-Gitarre (!) kompensiert Dewey seine Schuld, kann sein Talent bei einem Clubauftritt zeigen und mit dem Country-Song (!) "Walk Hard" einen Hit landen. Der Heirat mit der Jugendliebe (Kristen Wiig) folgen die Kinder, der permanenten Abwesenheit die Entfremdung und den Streitereien die Hotelorgien, die Drogen und die Liebe zu Sängerin Darlene (Jenna Fischer)...
So detailreich die Biographie ist, noch mehr erstaunt die gute Musik, mit der das Fake-Biopic untermalt ist. Mit völliger Ernsthaftigkeit beteuern die Macher fortwährend die dramatische "Authentizität", welch herrliches Lügengebäude, und konterkarieren ihre Anstrengungen durch beinharte Dialoge. Kein Satz in Walk Hard: Die Dewey Cox Story trägt keine zotige Doppeldeutigkeit. Wortwitz und Dämlichkeitsorgien reihen sich brüderlich an einander. Dazu kommen die szenischen Verballhornungen der Genrestandards, die kein Pardon in punkto Peinlichkeit kennen. Nicht zu vergessen sind auch die visuellen Provokationen, frisch aus der Teenkomödie, die in den USA eine Jugendfreigabe erfolgreich verhinderten: Da schwört Dewey seiner Frau am Telefon die Treue, während eine Barbusige in seinem Schoß liegt und der Bandkollege sein gesamtes "Gehänge" ins Bild schiebt (unerhört für amerikanische Augen). Mit deftigen Bildern und Einlagen werden jene Eskapaden persifliert, die in einem ordentlichen Biopic wie Walk the Line keine visuelle Entsprechung finden konnten. Die moralische Entrüstung über solche Szenen entlarvt die Heuchelei der Kritik an Walk Hard: Die Dewey Cox Story. Dewey Cox tut schliesslich nichts anders als die veräppelen Vorbilder in den ernsthaften Biopics. Denen wurde schließlich auch vergeben und filmische Denkmäler gesetzt. Warum nicht auch diesem glorreichen, niemals existenten Star, der Buddy Holly, Elvis Presley und alle anderen gleichermaßen inspirierte (und deren Stoff wegkonsumierte)?
Das ätzende Werk schwankt zwischen krudem Klamauk und Satire, darf sich aber rühmen, mit völliger Ungeniertheit, die Scheinheiligkeit der erfolgreichen Filmbiographien bloßgestellt zu haben, in dem es deren Standards maßlos übertreibt. Aufmerksame Kinogänger lachen sich über die zahllosen Versatzstücke und Zitate kaputt. Andere hängen an den Lippen der Darsteller, die treuherzig völlig beknackte Dialoge von sich geben, die jeder Situation die Ernsthaftigkeit rauben. Ihre konsequente Absurdität stellt sich in die Tradition der Verbalinjurien aus Ricky Bobby - König der Rennfahrer.
Einmal mehr demonstriert die Apatow-Schmiede ihre Vielseitigkeit. Ihre Version einer Genre-Satire steht den gepflegt-aggressiven Subversivitäten des Brat-Packs in nichts nach. Schade, dass sich außer Jack Black als Paul McCartney keiner der üblichen Verdächtigen zu einem Cameo hinreißen liess. Dafür entdeckt man an Blacks Seite Apatow-Intimus Paul Rudd sowie Jason Schwartzmann und Justin Long. Andererseits trägt John C. Reilly mit naivem Blick und treudoofer Miene die schräge Komödie dank seiner Klasse auch alleine und hat sich die volle Aufmerksamkeit der Kinofans redlich verdient.