Mit rund 18 Millionen Euro Produktionskosten ist Der rote Baron des in Stuttgart geborenen Wahl-Kaliforniers Nikolai Müllerschön einer der teuersten deutschen Filme aller Zeiten. Den hohen Erwartungen wird das Endprodukt jedoch nicht gerecht. Zwar bietet das Leben des von Matthias Schweighöfer dargestellten Freiherrn Manfred von Richthofen reichlich Stoff für eine spannende Geschichte. Müllerschön jedoch integriert eine Liebesbeziehung in die Handlung, die nicht nur unhistorisch ist, sondern auch gehörig deplaziert wirkt.
Tollkühn, gutaussehend, jung - und obendrein höchst erfolgreich. Das ist der Freiherr Manfred von Richthofen, genannt Der rote Baron. Das 24-jährige Fliegerass aus adeligem Haus scheint perfekt geeignet für die Zwecke der deutschen Obersten Heeresleitung um Generaloberst von Hoeppner (Axel Prahl) und Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg (Josef Vinklá?, einer von zahlreichen Tschechen in der Besetzung). Sie wollen die heikle Kriegslage dadurch verschleiern, dass sie ihrem Volk einen Helden und den vielen aufopferungsvoll kämpfenden jungen Soldaten ein Vorbild präsentieren. Der krampfhafte Ehrgeizling Manfred von Richthofen lässt sich bereitwillig einspannen. Er genießt stolz seinen kometenhaften Aufstieg und sonnt sich mit den Fliegerkameraden (u.a. Til Schweiger) im Lichte des Erfolgs. Für das grauenhafte Schicksal der Bodentruppen hat Manfred von Richthofen zunächst keine Augen. Das ändert sich erst, als er der Krankenschwester Käte (Lena Headey) begegnet. Nach beharrlichen Versuchen gelingt es dem Piloten schließlich, bei der hübschen Kriegsgegnerin zu landen. Als sie dem verblendeten Jüngling die Lazarette zeigt, in denen sie arbeitet, beginnt der zum Kommandeur aufgestiegene Manfred seine Vorstellungen zu hinterfragen. Was macht die deutschen Werte zu den besseren im Vergleich zu denen der Franzosen oder der Briten? Doch obwohl immer mehr seiner Freunde fallen, kann von Richthofen das Fliegen nicht aufgeben.
Die Symbolik spielt in Müllerschöns Kinoversion des roten Barons eine große Rolle. Das fängt mit den goldenen Lettern an, die zu Beginn die Darsteller ankündigen, gefolgt von den ersten Bildern dreier blonder deutscher Kinder auf der Jagd. Unter ihnen befindet sich der junge Manfred von Richthofen, der - als er ein Flugzeug über sich registriert - die Flinte wegwirft, sich im Sonnenlicht auf ein Pferd schwingt und mit großen Augen sowie ausgestreckten Armen die Verfolgung aufnimmt. Pathos und Kitsch also gleich zum Start in das zwei Stunden lange Werk. Der letzte Blick des Zuschauers fällt wieder auf herbstlich schimmernde Blätter im Wind. Doch da ist Manfred von Richthofen bereits tot, eine gefallene deutsche Kriegslegende.
"Lasst sie spielen, solange sie können", sagt Major Albrecht von Richthofen an einer Stelle im Film. Die Familie gibt ein großes Fest anlässlich eines Fronturlaubs des gefeierten Sohnes, der sich prompt mit dem kleinen Bruder Lothar balgt. "Wie kleine Kinder", meint eine junge Frau amüsiert dazu. Tatsächlich wirken Manfred von Richthofen und seine Kumpanen in ihren Flugzeugen stets wie kleine Jungs. Der Erste Weltkrieg ist für sie eine Weltmeisterschaft im Fliegen und Duellieren, Patriotismus dagegen eine "Tugend der Boshaften". Ehre und Stolz stehen im Vordergrund, nicht Kaiser und Vaterland. Als von Richthofen nach einer Bruchlandung im Nirgendwo auf seinen großen kanadischen Rivalen Captain Roy Brown trifft (dargestellt von Joseph Fiennes), kommt es nicht zum ultimativen Kampf um Leben und Tod, sondern zu einem Plausch unter Gentlemen. Die gefühlsschwangere Begleitmusik untermauert diese seltsam anmutenden Kriegsgeschehnisse. Und die warmen Bilder der Luftkämpfe verschwinden nur dann, wenn die Kamera einen Blick auf die Schlachtfelder oder auf die Verwundeten in den Krankenhäusern wirft. Plötzlich kann sich der Zuschauer eines Gefühls der Kälte nicht entwehren, die Grautöne erschrecken.
Es ist die bereits beschriebene Welt der Krankenschwester Käte, in die sich Manfred von Richthofen verliebt. Die von der Britin Lena Headey (300) dargestellte Käte Ottersdorf hat tatsächlich existiert. Auf einer Fotografie steht sie neben Manfred von Richthofen, der nach einem Absturz einen weißen Verband um den Kopf trägt, ganz so wie es auch im Film zu sehen ist. Von einer Liebesbeziehung zwischen dem Piloten und der Krankenschwester ist jedoch nichts bekannt. Dass die von den realitätsfernen Attitüden des Kriegshelden angewiderte Käte dennoch in dessen starken Armen landet, wirkt nicht nur recht widersprüchlich, sondern auch störend und überflüssig für den Rest der Geschichte. Dahinter steckte wohl das Kalkül, mit dem Film ein größeres Publikum anzusprechen - oder ihm durch einen weiteren internationalen Star mehr Glanz zu verschaffen.
Die ökonomische Notwendigkeit schmälert das Gesamtbild. Es wird suggeriert, dass erst die Liebe zu Käte von Richthofen die Augen geöffnet habe. "Sein größter Sieg war ihre Liebe" - mit diesen schmalzigen Worten wird der Film folgerichtig beworben. Die inneren Konflikte des unter Historikern nicht völlig unumstrittenen und im Film hemmungslos idealisierten Manfred von Richthofen hätten auch auf anderem Wege vermittelt werden können, beispielsweise durch eine noch intensivere Auseinandersetzung mit Bruder Lothar (Volker Bruch), der mit seinem patriotischen Eifer das genaue Gegenteil des roten Barons verkörpert. So aber bleibt letztlich zwar ein zuweilen dennoch packender Film, aber auch ein fader Nachgeschmack.