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Ein Frau kehrt mit ihrer Familie in das Waisenhaus ihrer Kindheit zurück, um es wieder zu eröffnen. Doch die Vergangenheit ist nicht tot. Erst lernt ihr todkranker Sohn unsichtbare Freunde kennen und schliesslich verschwindet er. Juan Antonio Bayona gibt mit dem exquisiten Schauermärchen Das Waisenhaus sein Regiedebüt und trägt so sein Scherflein zum faszinierenden Aufschwung des hispanischen Kinos bei.
In den Achtziger Jahren kannte das breite deutsche Kinopublikum gerade mal Carlos Saura (Carmen) und die besonders Mutigen auch noch diesen jungen talentierten Pedro Almodovar mit seinen "verrückt-hysterischen Frauen". Von Mexiko nahm man erst in den Neunziger Jahren mit dem No Budget-Erfolg El Mariachi eines gewissen Roberto Rodriguez Notiz. Nur eingefleischte Festivalfreunde verfolgten interessiert die Werke der spanischen und lateinamerikanischen Altmeister und bemerkten, wie sich in den Neunziger Jahren eine junge Generation aufmachte, mit einer gelungenen Mischung aus Kunst und Kommerz internationales Renommee zu verschaffen.
Den großen Durchbruch schaffte schliesslich die folgende Generation im neuen Jahrtausend. Sie profitiert von den in den Neunziger Jahren geschaffenen Strukturen und setzt dank bester Ausbildung zum international bestaunten Höhenflug an. Ob im phantastischen Bereich mit La Communidad, Vanilla Sky oder The Others, Klamauk wie Clever und Smart, Kinderfilme wie der gerade angelaufene Herr Figo und das Geheimnis der Perlenfabrik oder meisterliche Dramen Princesas - der spanische und damit auch der lateinamerikanische Film sonnt sich im Erfolg. Nach Meister Almodovar wurden zuletzt Alejandro Amenabar (Das Meer in mir), die Mexikaner Alejandro Gonzalez Inarritu (Babel) und Guillermo del Toro (Pan's Labyrinth) durch Oscars und andere Filmpreise in den cineastischen Adelstand erhoben.
Wenn nun der junge Spanier Juan Antonio Bayona unter der Ägide des Mexikaners del Toros (Produktion) sein Regiedebüt gibt, zeigt dies nicht nur das Funktionieren der spanisch-lateinamerikanischen Connection. Sein klassisch anmutendes Schauermärchen demonstriert eindrucksvoll, dass dem Filmboom die Talente noch nicht ausgehen ausgegangen sind. Sein Das Waisenhaus knüpft an die Mystery-Tradition von The Others an und geht nach diversen Filmfestpreisen sogar für Spanien ins Rennen um den Auslandsoscar.
Allein technisch und dramaturgisch ist die Geschichte von der lebendigen Vergangenheit eines Waisenhauses eine Augenweide. Autor Sergio G. Sanchez und Regisseur Bayona nutzen die Stilmittel des Gruselfilms, um ihre tragisch-düsteren Handlungsmix aus Vergangenheitsbewältigung und Geisterparanoia zu erzählen. Der Blick in die Vergangenheit streift die Kindheit von Laura (Belen Rueda aus Das Meer in mir), die zu Zeiten des wenig zimperlichen Franco-Regimes im titelgebenden Waisenhaus aufwuchs, bis sie von einer Familie adoptiert wurde. Nun kehrt sie zurück an den jenen Ort, um mit Ehemann Carlos (Fernando Cayo) sowie ihrem Sohn Simon (Roger Princep) das Anwesen wieder seiner alten Bestimmung zuzuführen. Liebevoll kümmert sie sich um ihren HIV-positiven Jungen, der nicht ahnt, dass er selbst adoptiert ist. Trotzdem Laura und Carlos von der Renovierung des Anwesens beansprucht werden, sind sie besorgt über die Isolation des Jungen in dieser neuen Umgebung. Aber bald erzählt er von ein paar Kindern, die mit ihm spielen.
Statt Beruhigung sorgt diese Nachricht bei Laura für Entsetzen. Nach einigen Nachfragen ist sie sich nämlich sicher, dass diese unsichtbaren Kinder ihre alten Waisenhausfreunde aus der Kindheit sind. Und diese starben kurz nach ihrem Weggang. Als wäre dies nicht genug, taucht bei der Eröffnungsparty des Hauses ein Junge in einer kruden Stoffmaske auf und attackiert Laura. Und dann ist Simon plötzlich verschwunden...
Sechs Wochen lang stand Das Waisenhaus in Spanien an der Spitze der Kinocharts und spielte umgerechnet 23 Mio. Euro ein. Der Erfolg gibt Sanchez und Bayona mit ihrer ambivalenten Konstruktion aus Arthouse und Blockbuster-Kino Recht. Opulente Kulissen, vor allem natürlich das knarzige Geisterhaus selbst, und Kostüme bilden den Hintergrund für gezielte Schockmomente samt wissenschaftlicher Geisterjägerei (und einem Gastauftritt von Geraldine Chaplin). Bayona erzählt virtuos von der Drift der tatkräftigen Mutter, die erst so fest im Leben steht und voller Liebe ist, nur um später nah am Wahnsinn für das Leben ihres Kindes zu kämpfen.
Wie schon in Pan's Labyrinth sind es die Geister der diktatorischen Vergangenheit, die mit 30 Jahren Abstand das Bewußtsein der Menschen bestimmen. Das Waisenhaus darf durchaus als Beitrag zur lange versäumten spanischen Vergangenheitsbewältigung zählen. Aber natürlich bleiben beide Werk weniger konkret als etwa zuletzt Manuel Huergas Salvador - Kampf um die Freiheit (mit Daniel Brühl). Allerdings dürfen sie im Gegenzug für sich in Anspruch nehmen, Angst und Terror der Diktatur universell verständlich zu machen.
Gleichzeitig bedient der gruselige Trip ins Reich der Toten auch die Unterhaltungsansprüche des Mainstreams und jagt seinen Zuschauern eiskalte Schauer die Rücken hinunter. Trotz Rückgriff auf viele bekannte Genremechanismen verfallen die Macher keiner simplen und stereotypen Lösung, sondern stellen sich in Opposition sowohl zu den konventionellen amerikanischen Genrebeiträgen als auch den nihilistischen japanischen Horrorfilmen.
Juan Antonio Bayona lässt sein Publikum über seine Strategie im Unklaren. Psychologie, Parapsychologie, Metapher, Terror und Tragödie verbindet er zu einer kräftigen wie hochspannenden Erzähleinheit, die auch hierzulande ein breites Publikum finden wird. Eine solche Expertise macht Lust auf mehr. Den Namen Juan Antonio Bayona dürften sich vielen geistig sofort notieren. Und noch mehr Zuschauer werden künftig nach weiteren Werke der spanisch-lateinamerikanischen Connection Ausschau halten, denn es lohnt sich. |