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Der Baader Meinhof Komplex

(Der Baader Meinhof Komplex, 2008)

Dt.Start: 25. September 2008 Premiere: 18. September 2008 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 150 min Land: Deutschland
Darsteller: Martina Gedeck (Ulrike Meinhof), Moritz Bleibtreu (Andreas Baader), Johanna Wokalek (Gudrun Ensslin), Bruno Ganz (Horst Herold), Simon Licht (Horst Mahler), Jan Josef Liefers (Peter Homann), Alexandra Maria Lara (Petra Schelm), Heino Ferch (Horst Herold Assistant), Nadja Uhl (Brigitte Mohnhaupt), Hannah Herzsprung (Susanne Albrecht), Niels-Bruno Schmidt (Jan Carl Raspe), Stipe Erceg (Holger Meins), Daniel Lommatzsch (Christian Klar), Vinzenz Kiefer (Peter-Jürgen Boock), Volker Bruch (Stefan)
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Stefan Aust, Uli Edel


Inhalt

Mit unbändiger Wut und todbringenden Methoden rebelliert eine Gruppe von jungen Aufständischen in den 70er Jahren in Deutschland gegen "den neuen Faschismus" - wie sie ihn nennen. Angeführt vom kriminellen und jähzornigen Andreas Baader, der schwäbischen Pfarrerstochter Gudrun Ensslin und der untergetauchten Journalistin Ulrike Meinhof sorgt die Rote Armee Fraktion für Angst und Schrecken im Land. Sie verübt Sprengstoffattentate und Anschläge auf Mitglieder der deutschen Führungsschicht. Als die Gründer der RAF gefasst und verurteilt werden, versucht die zweite Generation der Vereinigung, ihre Anführer mit drastischen Aktionen freizupressen.
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Kritik

Der Baader Meinhof Komplex hat eine Wertung von 80%
Die erschütternd authentisch wirkende Verfilmung des nationalen Traumas aus den beginnenden 1970er-Jahren spart an keinem Detail. Zeitzeugen werden an den Ausnahmezustand dieser Zeit erinnert, für alle anderen stellt Uli Edels Verfilmung des Buches von Stefan Aust eine gute Ausgangsbasis zum Befassen mit der Materie dar. Kein Terrorthriller für die leichte Abendunterhaltung, sondern eine beinharte Nachinszenierung der RAF-Zeiten.

Bild aus Der Baader Meinhof Komplex Immer wenn Filmemacher versuchen, Schlachten und andere bewaffnete Konflikte für einen Spielfilm möglichst realitätsnah nachzustellen, scheiden sich die Geister der Zuschauer. Der Grundkonflikt ist die Frage, ob erwachsene Männer "Krieg spielen", und mit der Inszenierung auch noch Geld verdienen dürfen, oder ob die Geschichte selbst nicht genug Zeugnisse liefert. Seit dem Einzug der digitalen Effekte während der vergangenen 15 Jahre deutet das Zünglein an der Waage nun sichtbar auf die Seite der Befürworter solcher Neuinszenierungen. Deren schlagendes Argument: Der Bildungsauftrag.

Tatsächlich: Die Landung der Alliierten an der Normandie auf ein paar kleinformatigen Schwarzweißfotos in einem Geschichtsbuch vermitteln Aussichtslosigkeit und Verzweiflung der Situation bei weitem nicht so gekonnt wie Steven Spielberg es 1998 mit Der Soldat James Ryan für ein bis dato nicht so gut informiertes Millionenpublikum tat. Die einzige Gefahr solcher "dokumentaristischer" Inszenierungen besteht darin, dass der Filmemacher die Geschichte mit Hilfe der heutigen technischen Möglichkeiten nach Belieben neu schreiben kann, abgesegnet durch die Künstlerfreiheit. Daraus folgt, dass die Verantwortung bei der Neuinszenierung historischer Situationen gar nicht überschätzt werden kann.

Uli Edels Verfilmung des gleichnamigen Standardwerks von Stefan Aust konzentriert sich auf Vorgeschichte und Entstehung der RAF ab 1967 und endet mit dem Deutschen Herbst 1977. Hierbei konzentriert sich die Erzählung stark auf die Lebenswege von Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, sowie auf die staatlichen Bemühungen, der Lage mit neuen, computergestützten Ermittlungsmethoden und Gründung der GSG9 Herr zu werden.

Alles beginnt mit Studentenkrawallen zum Besuch des Schahs von Persien in Berlin 1967, bei denen ein Polizist den Studenten Benno Ohnesorg erschießt. Die politisch überwiegend links orientierte Studentenschaft glaubt ein faschistisches Verhalten von Seiten des Staats zu erkennen und beginnt, gegen diesen zu rebellieren. Das Verhalten der USA im Vietnamkrieg vertieft die Kluft zwischen den Studenten und ihren Sympathisanten und dem Staat zusätzlich. Nach ersten Protestaktionen (Brandstiftungen) eskaliert die Situation durch das vermeintlich rechts motivierte, beinahe tödliche Attentat auf Rudi Dutschke, den bekanntesten Wortführer der Studentenbewegung. In Folge entsteht die RAF, lässt sich militärisch ausbilden, begeht Anschläge und finanziert sich durch Banküberfälle.

Das Problem bei einer Filmkritik wie dieser ist, dass sich eigentlich nur bestens mit der Materie Vertraute eine Meinung erlauben können. Die meisten haben ein paar Geschichtsstunden über die RAF im Gymnasium abgesessen und sind anhand der RAF-Berichterstattung durch die Bild-Zeitung im Deutschunterricht auf deren Methoden hingewiesen worden, nur wenige haben sich zusätzlich ein wenig eingelesen. Die Masse der Zuschauer dürfte dem Film also mit einem erheblichen Defizit an Allgemeinwissen entgegentreten. Wie schon oben erwähnt, obliegt es allein dem Filmemacher, sich seiner Verantwortung gegenüber dem Publikum bewusst zu werden. So entschied Uli Edel, seinen Film offenbar möglichst nah an der Aust-Vorlage und mit möglichst wenig Interpretation und Ausschmückung umzusetzen. Dies führt in direkter Folge zu einer kühlen, dramatischen Atmosphäre im Film und nur wenigen lichten Momenten, was in deutschen Film- und TV-Produktionen ja an der Tagesordnung ist.

Den Schauspielern gelingt, die linksradikale, aufmüpfige Einstellung ihrer Figuren zu transportieren, mit Bravour. Leider sind viele Texte scheinbar wörtlich aus der Vorlage oder geschichtlichen Zeugnissen übernommen und wirken daher öfters hölzern und gestelzt. Dies mag aber auch daher rühren, dass die 60er und 70er nun schon eine Weile her sind, und sich unser Sprachgebrauch seither gewaltig geändert hat. Während heute "cool" und "wow" an der Tagesordnung sind, waren sie damals noch exotische Fremdworte. Besagte Hölzernheit mag also durchaus auch ein Fenster in ein lange vergangenes Deutschland darstellen.

Die Figur des Horst Herold, Präsident des Bundeskriminalamtes, stellt den Gegenpol zu den Terroristen dar. Gespielt von Bruno Ganz, bildet er einen bedachten Pol der Ruhe, gegen die hektische, brutale, blutige Realität des "Kampfes" der RAF. Ganz erinnert natürlich an seinen Hitler aus Der Untergang, doch schafft der Schweizer Schauspieler und Träger des Iffland-Ringes, von der fortwährenden Assoziation mit dem Schreckgespenst des Führers abzulenken.

Einige wichtige Figuren werden dahingegen nur kurz angerissen, so ist der Auftritt von Alexandra Maria Lara als Petra Schelm nur etwa eine Minute lang. Die zweifelhaften Umstände ihres Todes, die Tatsache, dass dieser den ersten Verlust auf Seiten der RAF darstellte und zu einer öffentlichen Diskussion über die Qualität der Schießausbildung der deutschen Polizisten führte, werden nicht weiter erwähnt.

Wie auch? Selbst 150 Filmminuten sind zu kurz, um dieses dunkle und vor allem einflussreiche Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte auch nur mit einem Ansatz von Tiefgang zu umreißen. Herausgekommen ist also eine Art düsteres "Best of RAF" Konglomerat, das einem zwar ein paar geschichtliche Zusammenhänge nahebringt, aber dennoch nur die Ausgangsbasis für eine vertiefte Eigenrecherche sein kann. Dies mag als Anregung aufgefasst werden, oder auch als Effekthascherei. Für sich allein funktioniert der Film voll und ganz und hat seine obige Wertung verdient. Als geschichtliches Lehrstück versagt er jedoch leider fast auf ganzer Länge: Bis auf einige grundsätzliche Zusammenhänge wird dem Zuschauer nicht klar, was genau da jetzt wirklich passiert ist. Damit zeigt sich mal wieder: Die Realität ist so viel komplexer als ein Film dies je darstellen könnte. Der Baader Meinhof Komplex kommt zwar atmosphärisch nah an das geschichtliche Erleben einzelner Situationen heran, kann die Gesamtheit der deutschlandweiten Problematik jener Zeit aber keinesfalls zur Gänze erfassen.

von Julian Reischl


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