Vor dem Hintergrund eines korrupten Polizeistaates verliebt sich in Kairo ein Staatsanwalt in eine Lehrerin. Doch ein eifersüchtiger Polizist sinnt auf Rache. Youssef Chahine erzählt in Chaos von der Bedrohung der Liebe durch Eifersucht, Unmoral und Korruption, wobei er es trotz aller vorhandener Kritik vermeidet, den letzten Schritt zu gehen. So bleibt die Mischung aus Liebesdrama und Gesellschaftskritik im Endeffekt schwer verdaulich und eher für orientalische Augen gemacht.
Im Gewand eines modernen, märchenhaften Liebesdramas reflektiert der ägyptische Filmemacher Youssef Chahine (Der Andere) über die Todsünden und die Unzulänglichkeiten des ägyptischen Staatsystems. Die Erzählung des Filmroutiniers spielt im Kairoer Viertel Choubra, wo die junge, schöne Lehrerin Nour (Mena Shalaby) mit ihrer Mutter lebt. Ihr Herz schlägt für den adretten, rechtschaffenen Staatsanwalt Cherif (Youssef El Sherif), der allerdings mit einer modernen Lebedame liiert ist. Auf Nours Seite steht ihre Vertraute, die Schuldirektorin und Mutter von Cherif, Wedhad (Hala Sedky). Das Übel personifiziert sich in Nours Nachbarn Hatem (Khaled Saleh), einem überaus korrupten Polizeioffizier, der das ganze Viertel mit seinen Schikanen fest im Griff hat und überall Geld auspresst, wo sich die Möglichkeit anbietet. Hatem wird von seinen beiden Vorgesetzten gedeckt, weil er in der Polizeistation die Drecksarbeit mit Folter und Informanten-Deals übernimmt. Hatem ist unsterblich in Nour verliebt, doch er sieht seine Felle davonschwimmen, als Cherif endlich zur Besinnung kommt, seine Freundin verlässt und Nours schüchterne Avancen erwidert. Der Verschmähte macht aus seiner liebestollen Obsession eine handgreifliche Rache...
Lässt man den Hintergrund beiseite, so erzählt Youssef Chahine nicht mehr als eine der vielen dramatischen Liebesgeschichten aus dem Orient, in der Gutmenschen von Bösen bedroht werden, bis das Schicksal das Happy-End einläutet. Was Chaos bemerkenswert macht, sind die Nebenhandlungen und Hintergründe. Im Ägypten des Präsidenten Mubarak kommt die formale Demokratie noch immer ohne echte Opposition aus. Auch sonst liegt einiges im Argen, wie Chahine nicht müde wird aufzuzeigen. Der Titel Chaos bezieht sich deshalb nur mäßig auf die lauen Gefühlswirrungen der Protagonisten sondern direkt auf den Zustand der Gesamtgesellschaft.
So beginnt der Filmemacher mit einer niedergeknüppelten Studentendemonstration, deren verhaftete Mitglieder erst im Gefängnis versteckt und später reichlich gefoltert werden. Im weiteren Verlauf demonstrieren Hatem und seine Kollegen offen ihre Korruption. Auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau ist von Angst, Machismo und Gewalt geprägt. Nur die Religion grenzt Chahine wohlweislich aus. Zwar sucht Hatem den Rat eines Priesters wie eines Imams. Doch demonstriert sein Verlangen nach einem heidnischen Zaubermittel, um Nour gefügig zu machen, nur seine Gottlosigkeit im Allgemeinen. Diese Schlaglichter auf die ägyptische Gegenwart sind zwar mutig, doch werden sie in der Handlung durch die Typisierung der Figuren wieder wirkungslos. Geschickt laviert sich Chahine an der Zensur vorbei, wenn er die Anklage nur exemplarisch führt. Zweifellos wäre alles andere zu gewagt gewesen. Dennoch bleibt die Mischung aus gesellschaftspolitischer Klage und idealisiertem Liebesdrama schwer verdaulich, weil sich Chaos eben an die orientalischen Sehgewohnheiten wendet.