Nach dem Tod der Großmutter macht sich der neunjährige Carlito auf den gefährlichen und illegalen Weg von Mexiko in die USA. Dort arbeitet seine Mutter in Los Angeles illegal als Haushaltshilfe. Leider hat Carlito keine Adresse sondern nur die Beschreibung einer Straßenkreuzung mit einem öffentlichen Telefon, von dem ihn Rosario jeden Sonntag anruft. Trotzdem macht sich der kleine auf den Weg. Patricia Riggen beschreibt in ihrem bewegenden Drama La Misma Luna das Milieu der illegalen Einwanderer.
Kurz nach Crossing Over (seit 25.06. in den Kinos) kommt mit Patricia Riggens berührendem La Misma Luna ein weiteres Drama zum Thema Illegale Immigration in den USA in die Kinos. War es Wayne Kramer in seinem Episodendrama vor allem wichtig, kein Urteil zu fällen, so fokussiert die US-Regisseurin eindringlich auf die Gefahren der illegalen Einwanderung und die Härten des Lebens in Kalifornien. Dafür schildert sie ihre eindringliche Geschichte aus der Sicht des neunjährigen Carlitos (Adrian Alonso).
Der lebt bei seiner Großmutter in Mexiko, während seine Mutter Rosario (Kate del Castillo) in Los Angeles illegal als Hausmädchen arbeitet. Seit vier Jahren vermisst er seine Mutter schon und klammert sich vor allem an ihre sonntäglichen Anrufe von einem öffentlichen Telefon aus. Doch nun ist Großmutter gestorben und die gierigen Verwandten lecken schon die Finger nach dem Geld, das Rosario jeden Monat schickt. Also beschließt der mutige Carlitos zu seiner Mutter nach Los Angeles zu reisen. Unter dem Rücksitz eines Wagens gelangt er illegal über die Grenze, wird von illegalen Wanderarbeitern mitgenommen, beinahe gekidnappt, arbeitet auf einer Tomatenplantage, flüchtet vor der Einwanderungspolizei und schließt sich dem missmutigen Gelegenheitsarbeiter Enrique (Eugenio Derbez) an. Der will ihn unbedingt loswerden, versucht ihn bei Carlitos' nichtsnutzigem Vater abzusetzen. Andererseits erhält er dank des forschen Auftretens des Kleinen einen Job und eine Unterkunft in einem indianischen Diner. Gestärkt bricht das ungleiche Duo wieder gen Los Angeles auf, um rechtzeitig vor Sonntag 10 Uhr an jener Kreuzung mit dem Telefon zu sein, die ihm seine Mutter so oft beschrieben hat. Rosarios Adresse hat Carlitos nämlich nicht...
Die spannende Odyssee durch die Vereinigten Staaten gerät dank des Drehbuchs von Ligiah Villalobos nicht zum pittoresken Roadtrip. Die Macher stellen klar, dass es hier um alles, auch um Carlitos' Leben geht. Schönfärberei ist hier ebenso wenig angebracht wie dozierende Tristesse. Dennoch kann sich die Regisseurin mitunter einen märchenhaften Unterton nicht verkneifen, um das Schicksal des mutigen Kerlchens berührender zu gestalten.
Ihr Ansinnen ist die Darstellung der Unmenschlichkeit des Systems der illegalen Einwanderung. Ob nun Grenz- und Einwanderungspolizei oder nur eine normale Streife - die Sanktionen der Exekutive sind ebenso unerbittlich wie die Geldgier der Schleuser, die Skrupellosigkeit der Menschenhändler und die Gewalttätigkeit der Räuber. In den USA werden die Illegalen schließlich nach allen Regeln der Kunst ausgebeutet - von Fabrikbesitzern bis reichen Hausfrauen. Und von Solidarität zwischen den Immigranten kann auch keine Rede sein. Jeder kämpft für sich und nutzt das Unglück seines Leidensgenossen auch noch aus. Patricia Riggen bemüht sich um einen realistischen Hintergrund, vor dem sich die spannenden, mitunter allegorisch wirkenden Ereignisse zutragen. Die Zerrissenheit der Familien, die Armut, die Unfähigkeit sich auf die Bedürfnisse anderer einzulassen und vor allem die Gier nach Geld stehen hier am Pranger.
Doch zwischen all dem Hauen und Stechen ums Überleben entdeckt die Filmemacherin auch wenige gute Menschen, die ohne Gegenleistung weiterhelfen. Sanft beschreibt sie die Hoffnung und die Sehnsucht nach Glück, lässt südländischen Überschwang über angelsächsische Ordnung triumphieren. Dass realistischer Hintergrund und vordergründige Handlung zusammenpassen, dafür sorgt der kleine Adrian Alonso in der Hauptrolle. Seine großen Augen und sein starker Auftritt sorgen dafür, dass beide Teile zu einem Ganzen verschmelzen.
Auf der anderen Seite bleiben manche Charaktere blass und eindimensional. Sie bilden nur Stationen auf dem Weg zur Mutter, die selbst ein wenig zu sehr Gutmensch ist. Hier siegt gegen alle Widerstände der kleine Carlitos, denn letztlich betrachten die armen Mexikaner und die reichen Amerikaner denselben Mond am Himmel. Trotz des schwierigen Themas und der bitteren Anklage entlässt La Misma Luna die Zuschauer mit guter Laune aus dem Kino.