|
Jesus Christus Erlöser ist eine eindrucksvolle wie sensible Dokumentation über den großen wie radikalen Schauspieler Klaus Kinski und seine unerhörten Ambitionen geworden. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass sich ein breites Publikum in Zeiten der totalen wie banalen Konsumorientierung finden lässt, ist der Film ein sehenswertes Ereignis, das man sich nicht entgehen lassen sollte.
Wer in den 80er Jahren in München Theaterwissenschaften studierte, stolperte meist früher als später über eine umständliche Theorie des damaligen Institutsleiters Prof. Klaus Lazariowicz, die er, ganz der Wissenschaftler, mit dem Sprachbrocken "Triadische Kollusion" betitelte. Darin beschreibt er den Diskurs jenes Ereignisses, das Autor, Schauspieler und Publikum zusammenbringt und interagieren lässt, um "Theater" zu erarbeiten. Seine Ausführungen hinterließen zwiespältige Eindrücke bei Studenten und Kollegen, weniger wegen ihres Wahrheitsgehaltes als wegen ihrer ungewöhnlichen Formulierung. Deshalb blieb sie eine Marginale im Kanon der Theatertheorien des 20. Jahrhunderts. Beinahe wäre sie sogar in Vergessenheit geraten, hätten die neuen Medien nicht die Entwicklung des "aktiven Zuschauers" ermöglicht und so Lazarowicz' Theorie zumindest im weitesten Sinne bestätigt.
Nun legt Peter Beyer, eher zufällig Herr über eine wertvolle Hinterlassenschaft, einen Dokumentarfilm vor, der als exakte Beweisführung der "Triadischen Kollusion" bezeichnet werden kann. Der größte Gag daran ist freilich die Tatsache, dass ihm nichts ferner lag, als jene obskure Theorie nachzuweisen. Vielmehr treibt er die späte Aussöhnung mit einem der brilliantesten und schwierigsten deutschen Schauspieler voran: Klaus Kinski. Die meisten kinophilen Köpfe hatten sich ja schon seit langem damit abgefunden, dass einzig Werner Herzog in der Lage sei, das geniale Monstrum des Klaus Kinski für die Nachwelt zu konservieren. Doch Geyer fängt durch seine Bearbeitung der Aufnahmen vierer Kameraleute, die diese im Auftrag von Kinski selbst anfertigten, unvermittelt viel von der Persönlichkeit eines Mannes ein, der ausgerechnet durch schmerzhaftes Scheitern seine größten Triumphe feierte.
Rückblende: 1971 hatte die Republik die "Spinner" der Studentenbewegung gerade wieder in großen Teilen eingefangen, als der längst jenseits der deutschen Grenzen arbeitende Klaus Kinski mit dem 30-seitigen Pamphlet Jesus Christus Erlöser auf Tour geht und dabei Deutschlandweit die größten Hallen füllt. Darin bezieht er Stellung zu aktueller Politik (Vietnam und Krieg im Allgemeinen) und Gesellschaft. Er schlüpft in die Rolle der Titelfigur und macht sie zum radikalen und vor allem polizeilich gesuchten Außenseiter. Die pragmatische Verbindung zur Studentenbewegung und zum gerade sich entfaltenden Terrorismus ist natürlich als Provokation gedacht. Statt zu einer Verbrüderung mit den jungen Zuhörern und einem ohnmächtigen Aufstand der Alten, kam es aber vor allem in Berlin zu tumultartigen Zuständen. Studentische, politisch oder religiös motivierte Zuschauer störten den Vortrag permanent und Kinski lies sich provozieren.
Jesus Christus Erlöser zeigt den Autor Kinski, der sich an das Publikum wendet, um es durch einen provokanten Text zum Nachdenken zu bringen, eine Überraschung, dass ausgerechnet das "gesittete" Wohlstandspublikum geradezu andächtig lauscht, während jene, die er auf seiner Seite vermutete, sich gegen ihn wenden und ihn durch Zwischenrufe zwingen wollen, den Ablauf der Veranstaltung zu ändern, um eine wie immer geartete Diskussion zu ermöglichen. Entsprechend geschockt und gereizt reagiert der Schauspieler Kinski, der seine Kunst verunglimpft sieht, weil manche in ihm nur den Bösewicht der bürgerlichen Edgar Wallace-Verfilmungen und einen eingebildeten reichen Star sehen. Geyer zeigt dezidiert die Arbeit des Schauspielers an seiner Rolle und die Kunst der kinskischen Performance auf, die jeden Artaud, Brecht und vor allem Stanislawski frohlocken ließen. Immer tritt aus dem Schauspieler Kinski der Mensch Klaus heraus, der offensichtlich enttäuscht und angewidert ist vom Verhalten derer, die er mit seinen Gedanken in fast idealistischer Absicht zum Nachdenken bewegen wollte. Mitunter tritt auch jenes Monster auf, das in seiner Wut anderen (wie Herzog) schon mal an den Hals ging, und sich hier zu zahllosen "Schnauze"-Zurechtweisungen und einem deftigen Schubser hinreißen läßt. Das Genie des Klaus Kinski besaß eine kurze Geduldslunte, die sich vor allem durch die Limitiertheit anderer leicht entzündete.
Es zeigt aber auch den Theaterprofi, der um des Textes und der Botschaft willen, den abbrechenden Menschen und Autor überstimmt und nachts um zwei vor eine Hundertschaft ausharrender Menschen im Parkett tritt, um, abgekämpft und müde, doch noch das Programm zu Ende zu bringen. Das Erstaunlichste Element von Jesus Christus Erlöser ist allerdings das Publikum, das den Deutschen anno 2008 so fremd ist wie eine japanische Teezeremonie. Beyer selbst ist erstaunt über die Tatsache, dass Menschen Geld (10 D-Mark) für einen Auftritt hinlegen, den sie gar nicht sehen wollen. Die Störer aus dem rechten/religiösen sowie dem linken/studentischen Lager agieren ja nicht nur durch Zwischenrufe und beleidigende Ausfälle. Manche dreiste Akteure versuchen gar die Veranstaltung zu übernehmen und zum Dikussionsabend umzufunktionieren. Das bringt sie natürlich gegen den Schauspieler und Autoren auf, der mehrfach unterbricht und zweimal ganz abbricht, nur um sich nochmals auf das Podium zu wagen. Diskussionen mit Polizei und Hausherren demonstrieren die Gedankenwelt und den Anspruch beider Seiten, sich Gehör zu verschaffen. Peter Geyer hantiert bei seiner Inszenierung mit einem kleinen Kniff, der tief in Kinskis Seelenleben und schauspielerisches Selbstverständnis blicken lässt. Er schiebt immer wieder Zitate aus Kinskis Autobiographie ein, die seiner nachträglichen Bewertung der Ereignisse Ausdruck geben. So entfaltet sich sanft Kinskis grandioses Scheitern, dem er trotz kraftvoller Energieausbrüche einmal mehr ebenso nicht entkommen kann wie der Fehleinschätzung des Publikums für seine Kunst. |