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Neandertal

(Neandertal, 2008)

Dt.Start: 24. April 2008
DVD: 05. Februar 2009
Premiere: 24. April 2008 (Deutschland)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 107 min Land: Deutschland
Darsteller: Jacob Matschenz (Guido), Andreas Schmidt (Rudi), Johanna Gastdorf (Mutter), Falk Rockstroh (Vater), Tim Egloff (Martin), Luana Bellinghausen (Katrin), Philippe Modeß (Jan), Hanna Jürgens (Maria), Jens Münchow (Goran), Marc Zwinz (Bertram), Fabian Hinrichs (Richard), Ronnie Mkwanazi (Spencer), Eva Mannschott (Christa, Jans Mutter), Gunnar Helm (Jans Vater), Piet Fuchs, Luise Helm (Mitschülerin), Vera Teltz (Dadaistin)
Regie: Jan-Christoph Glaser, Ingo Haeb
Drehbuch: Ingo Haeb


Inhalt

Durch seine schwere Neurodermitis lebt Guido seit seiner Kindheit mit Einschränkungen. Nach einem Krankheitsschub und einem Aufenthalt im Krankenhaus, beginnt er die Welt, sein scheinbar perfektes Elternhaus und vor allem sein Leben mit anderen Augen zu sehen und flüchtet schließlich in die WG seines Bruders. Dort lernt er den draufgängerischen Rudi kennen, von dem er die nötige Portion Egoismus lernt. Durch die gewonnene Freiheit wird selbst seine Hautkrankheit besser. Doch als seine Mutter einen Unfall hat, muss er sich mit den Problemen zuhause endlich stellen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Neandertal hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 70%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Harald Witz
Neandertal hat eine Wertung von 70%
Als wäre Kleinstadtmief und zerstörtes Familienleben nicht schon schlimm genug, sorgt eine exzessive Schuppenflechte dafür, dass Guidos Jugend die Hölle ist. Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser erzählen in ihrem eindringlichen Drama vom Erwachsenwerden im Sommer 1990. Jacob Matschenz und einmal mehr Andreas Schmidt brillieren in einem sensiblen Porträt über die Unwägbarkeiten des Lebens.

Bild aus Neandertal Für Guido (Jacob Matschenz) ist das Leben wirklich zum Aus-der-Haut-fahren. Der 17-jährige leidet unter einer besonders schweren Form der Neurodermitis. Bislang hat er die Krankheit vor allem damit ertragen, dass er sich mit seinen Kumpels exzessiven Besäufnissen hingibt. Doch nach einem besonders schweren Anfall muss er in eine Klinik, in der ihm nach einer ganzheitlichen Methode geholfen werden soll.

Da man psychosomatische Gründe für die Krankheit vermutet, soll er sein Umfeld untersuchen. Dabei stellt Guido schockiert fest, dass sein scheinbar so idyllisches Elternhaus ein Hort der Lüge und des psychischen Guerillakrieges ist. Sein Vater (Falk Rockstroh) hat ein Verhältnis mit der Nachbarin und seine Mutter (Johanna Gastdorf) entpuppt sich als Alkoholikerin.

Bestürzt flüchtet Guido in die WG seines älteren Bruders. Dort lernt er den flippigen Rudi (Andreas Schmidt) kennen, dessen Rücksichtslosigkeit und Lebensmut ihn zunehmend faszinieren. Bald belasten ihn die Probleme zuhause nicht mehr und seine Neurodermitis verschwindet. Kaum nimmt er sein neues Lebensgefühl an, erreicht ihn die Nachricht, dass seine Mutter nach einen Unfall im Krankenhaus liegt. Guido eilt nach Hause, um ihr beizustehen und sich den Problemen dort zu stellen.

Eine Hautkrankheit als Metapher für die Häutungen des Erwachsenwerdens - Ingo Haeb und Jan-Christoph Glaser sind nicht gerade zimperlich in der Wahl ihrer Erzählmittel. Weil aber der Zweck die Mittel heiligt, und dieser mehr als nur erfüllt wird, darf man ihr gewagtes Coming-of-Age Drama ungeniert loben. Die Produktion, die vom "Kleinen Fernsehspiel" des ZDF und ARTE mitgetragen wurde, überrascht mit einer starken Geschichte, mitreißenden Darstellern und einer präzisen Inszenierung.

Ingo Haeb, der schon mit Am Tag, als Bobby Ewing starb auf sich aufmerksam machte, und Jan-Christoph Glaser (Der 1.Mai - Das Ende vom Lied) observieren die bundesdeutsche Realtität und konstatieren, dass Probleme statt thematisiert all zu gerne kaschiert und zugedeckt werden. Diesen schönen Schein wahren sie mit klaren Bildern. Allerdings bleiben sie nicht für immer verborgen. Irgendwann "explodiert" eben auch dickste Haut, um mit dem Hautkrankheitsmotiv zu sprechen.

Neben Hauptdarsteller Matschenz muss einmal mehr Andreas Schmidt herausgestellt werden. Er versteht es, in der Figur des unberechenbaren Rudi, Anarchie und Fürsorge, Egoismus und Sozialismus zu vereinigen. Nach seinem Auftritt als Bandleader in Fleisch ist mein Gemüse muss man sich erneut fragen, warum man diesen Darsteller der Extraklasse nicht öfters auf der Leinwand sieht.

Das soll die Leistung von Jacob Matschenz nicht im Geringsten schmälern. Der schickt sich nicht minder an, nach Die Welle, Das Lächeln der Tiefseefische und Wholetrain, einen Platz in der vorderen Reihe der deutschen Leinwandstars einzufordern.

Einmal mehr darf man Neandertal (der Name steht für den idyllischen Spielort der Handlung) als Ausdruck der sich verändernden deutschen Filmlandschaft begreifen. Haeb und Glaser gelingt es, Anspruch und Unterhaltung auszubalancieren. Gleichzeitig beschreiben sie feinsinnig einen Selbstfindungsprozess, der den langen Weg des Erwachsenwerdens leichter macht.



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