Ein assimilierter armenischer Student muss die Erfüllung seiner Träume aufschieben, weil seine dickköpfige Mutter unter Diabetes leidet. So entdeckt er langsam seine armenischen Wurzeln wieder. Nuran David Calis sucht in der autobiografisch gefärbten Tragikomödie Meine Mutter, mein Bruder und ich! nach Identitäten.
Einen Beitrag zum fast vergessenen Multikulti-Thema liefert der armenisch-stämmige Theaterregisseur Nuran David Calis mit seiner Tragikkomödie Meine Mutter, mein Bruder und ich!. Getragen von einigen autobiographischen Momenten, fahndet sein Alter Ego Areg (Erhan Emre) nach Platz im Leben, was durch sich überraschend verändernde Umstände erschwert wird.
Zunächst erscheint der 23-jährige Jurastudent als assimilierter Schöngeist, der voller Pläne für die Zukunft steckt und nur noch eine Feinjustierung in seinem Berufsleben vornehmen muss. Er möchte nämlich lieber Filme drehen als Gesetzbücher schleppen. Doch das mondäne Schickeria-Leben in München mit der deutschen Freundin Lilly (Mira Bartuschek) überdeckt nicht die Probleme seiner Herkunft. Regelmäßig ruft sein kleiner Bruder Garnik (Kurt Onur Ipekkaya) an, um angestrengt über die Lage zuhause in Regensburg zu berichten. Genauso regelmäßig drängelt die dickköpfige Witwe Maria (Lida Zakaryan) ihren Sohn, endlich eine Armenierin zu heiraten. Und weil alle drei Monate erneut über das Bleiberecht der Flüchtlingsfamilie verhandelt wird, kann sich Areg einfach nicht abnabeln. Schließlich werden alle Lebenspläne von der Zuckerkrankheit der Mutter über den Haufen geworfen. Ohne Deutschkenntnisse, ohne Lernwillen und mit einer permanenten Verweigerung gegenüber jeder Änderung ihres Lebensstils, hat sich ihre Diabetes zur Lebensbedrohung entwickelt. Just als Areg einen Fuß im Filmbusiness hat, muss er also zurück nach Regensburg ziehen, um sie zu pflegen. Außerdem will er dem Bruder die armenischen Flausen eines märchenhaften Schatzes in ihrem alten Heimatdorf austreiben.
Nuran David Calis gewährt seinen Zuschauern nicht nur einen Einblick in die Gefühlswelt eines Migranten, für den die alte Heimat mittlerweile fremd geworden ist und der in der neuen Heimat noch immer als Fremder gesehen wird. Auch wenn er sich nicht einen Seitenhieb auf die Bürokratie verkneifen kann, so konzentriert sich Calis nicht auf Äußerlichkeiten. Seine Figuren sind alle mit ihrer Identität beschäftigt. So lehnt die Mutter mit aller Gewalt alles Neue und Nicht-Armenische ab. Der kleine Bruder hingegen saugt neugierig einfach alles in sich auf und Aregs Freundin schreckt vor zuviel Multikulti zurück. Areg hingegen muss erkennen, dass er seine Zukunft nicht gestalten kann, wenn er seine armenischen Wurzeln fortwährend ignoriert.
Calis driftet bei seiner Inszenierung stetig von realistischer Komödie über ein ernsteres Drama in die Tragödie, aus der er sich umgehend mit einem Salto ins Absurd-Märchenhafte rettet. In diesen Sequenzen spürt man den Theatermann mehr als nötig, weshalb der Umschwung in der zärtlichen Geschichte, wenn aus der Reise ins Innere eine faktische Reise nach Armenien wird, etwas aufgesetzt wirkt. Hier sucht Calis sein Glück in plakativer Bildpoesie, die aber allerhöchstens Fans von Veit Helmer erfreut. Unterstützt von Corinna Harfouch als liebesbedürftige Filmproduzentin und John Friedmann als schräger Cousin, trägt Erhan Emre die, sich immer wieder ins Komische rettende, Handlung mit großer Leichtigkeit. An ihm liegt es nicht, dass Meine Mutter, mein Bruder und ich! am Ende seine Integrität aufgibt. Zu viele Themen und Motive zerren an der Erzählung, die zwar das Ziel nicht aus den Augen verliert, aber auch viele unnötige Umwege geht.