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Happy-Go-Lucky, was so viel bedeutet wie unbekümmert und sorgenlos sein, tänzelt zwischen Verrücktheit und Bodenständigkeit herum, wie seine Hauptdarstellerin Poppy. Dabei gelingt Mike Leigh mit seinem tollen Ensemble ein authentisches Drama, das mit unaufdringlicher Komik den Weg in unsere Herzen findet.
Happy-Go-Lucky dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes um Pauline, genannt Poppy. Dass die quirlige Grundschullehrerin immer in Bewegung ist, macht bereits die dynamisch-montierte Eingangssequenz deutlich, in der Poppy mit dem Fahrrad durch die Straßen Londons flaniert. Dabei hüpft ihre Aufmerksamkeit von einem Detail zum Anderen und wir bekommen so eine Ahnung, dass ihr permanentes Lächeln sie durch den gesamten Film begleiten wird. Und tatsächlich, als die gut gelaunte Poppy kurz darauf von einem mürrischen Buchhändler durch Nichtbeachtung gestraft wird und sie beim Verlassen des Buchladens feststellen muss, dass ihr Fahrrad gestohlen wurde, kann sie dieses Ereignis nur mit einem beiläufigen "Schade, ich konnte mich gar nicht verabschieden." kommentieren. Natürlich stellt sich hier die Frage, ob die knuffige Weltverbesserin nicht einfach zu dröge ist, um das Gewicht eines 116-minütigen Spielfilms quasi alleine zu tragen, aber Happy-Go-Lucky entfaltet sein Potential aus der Erkenntnis, dass Unbekümmertheit mitunter harte Arbeit sein kann. Spätestens durch den Fahrschullehrer Scott wird ihr Selbstkonzept auf die Probe gestellt werden.
Typisch für Mike Leigh ist, dass sich die Geschichten seiner Filme eher im Hintergrund entwickeln.
Im Vordergrund stehen die Menschen, von denen Leigh will, dass wir sie kennenlernen. Dabei arbeitet er gerne mit Überzeichnungen, um die Charaktere greifbar zu machen.
"Meine Zielsetzung ist es, das Gewöhnliche außergewöhnlich zu machen, den Zuschauer mit Figuren zu konfrontieren, die er extrem findet, denn Menschen sind extrem." - Mike Leigh
Aufgewachsen in einem Arbeiterviertel, wurde Leigh aus Langeweile heraus besessen vom Kino, wobei er sich immer wieder die Frage stellte, wie es wäre Geschichten zu sehen von Menschen, die sich benehmen wie die Leute auf der Straße, nicht wie Schauspieler. Als Filmschaffender spezialisierte er sich von Anfang an darauf, Menschen des Proletariats darzustellen, deren Leben sie jeden Tag vor existenzielle Herausforderungen stellt. Seinen Fokus richtete er jedoch immer auf die Interaktion der Menschen, auf ihre Fähigkeit und auch Unfähigkeit miteinander zu kommunizieren.
Dieser Linie bleibt Leigh mit Happy-go-Lucky durchaus treu, wenn er mit Poppy auch eher im Mittelstand angekommen zu sein scheint. Ein weiterer Unterschied zu seinen vorherigen Filmen ist natürlich der poppige Look, der nicht von ungefähr Vergleiche mit Pedro Almodovar aufdrängt. Doch hieraus abzuleiten, Leigh sei milder geworden, wäre nicht gerecht. Die kunterbunte und lebensfrohe Ausstaffierung dient natürlich als authentische Kulisse für die Hauptdarstellerin, die von Leigh wieder schonungslos dargestellt wird, in all ihren Makeln, Komplexen und Spleens.
Dass die Grundschullehrerin Poppy nicht mehr den Nöten des Proletariats ausgesetzt ist, mag daran liegen, dass sich die aktuellen Problemfelder von Leighs Thema der zwischenmenschlichen Beziehungen heute verlagert haben. Waren es früher unmenschliche Arbeitsbedingungen und Armut, die den Luxus der Selbstreflexion und Kommunikation nicht erlaubten, so sind es heute die kapitalistischen Lebensentwürfe, gegen deren Zynismus es zu bestehen gilt um sich die Menschlichkeit zu erhalten.
Auch wenn Poppy nie wirklich zu Ruhe kommt, hat ihre Sensibilität für die kleinen Freuden des Lebens und ihre große Fähigkeit zur Empathie etwas Meditatives. Damit stellt sie den radikal optimistischen Gegenentwurf dar zu dem Fahrschullehrer Scott und ihrer kleinen Schwester. Beide haben den Weg des Zynismus und Kontrollwahns gewählt, um ihrer Hilflosigkeit und ihren Ängsten Herr bzw. Frau zu werden. Von ihrer Seite muss Poppy den selbstmitleidigen Vorwurf einstecken, die Zyniker nähmen das Leid der Welt auf ihre Schultern, wobei die glücklichen Menschen es dadurch kompensierten, dass sie sich nur um sich selbst drehen würden. Wie Poppy dagegen ankämpft und versucht ihrem verbitterten Fahrschullehrer ein Lächeln abzugewinnen, ist großes Kino und wirkt wie die gefühlsbetonte Version des existenzphilosophischen Duells aus I Heart Huckabees.
Poppys Mission die Menschen etwas glücklicher zu machen - zumindest im Kino funktioniert sie tatsächlich. Die größten Stärken von Happy-Go-Lucky sind dabei die großen Mühen die Mike Leigh und seine Darsteller darin investiert haben, die Charaktere echt werden zu lassen sowie die beschwingte Leichtigkeit des Films, der dennoch nie den Bodenkontakt verliert. |