In einer Welt der Reizüberflutung haben die Menschen längst die Fähigkeit zum Miteinander und die Bereitschaft, ihre Mitmenschen wirklich wahr- und nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, verloren. Rasend schnell breitet sich eine neue Form von Blindheit aus. Wie eine Pandemie erfasst sie zunächst ein paar Menschen, anschließend eine ganze Stadt und breitet sich in der Folge über den Globus aus. Verzweifelt versuchen die Behörden das Unheil einzudämmen. In konzentrationslagerähnlichen Quarantänestationen werden die Infizierten eingepfercht. Inmitten dieses Wahnsinns ist die einzige Sehende das Prinzip Hoffnung. Eindringlich und intensiv, kein Allerweltskino. Nach dem Verlassen des Saals wird man noch lange zu Diskussionen angeregt sein und die Welt vielleicht mit anderen Augen sehen (wollen).
Wir sehen unaufhörlich, begehren mit Blicken, ignorieren oder wenden uns mit Grauen ab. In einer Welt des informationellen Dauerbombardements und - trotz aller Kommunikationsmittel - des Verlustes echter zwischenmenschlicher Begegnungsebenen, sind wir zu sehenden Blinden geworden. Wie zur Strafe: eine Krankheit ohne Erreger, gleichsam aus dem Nichts. Kein Virus, kein Bazillus. Die Welt hüllt sich in weißen Nebel. Es ist, als würde man mit offenen Augen in Milch schwimmen. Ein normales Prozedere beginnt: Krankenhaus, Notaufnahme, Augenarzt - nichts. Die Augen sind intakt, die Blindheit muss eine andere Ursache haben. Was einmal begonnen, scheint unaufhaltsam. Der Erstinfizierte (Yusuke Iseya) steckt jeden mit dieser Krankheit an. Die eigene Ehefrau (Yoshino Kimura), den behandelnden Arzt (Mark Ruffalo). Diese infizieren weitere Personen. Eine Kettenreaktion nimmt ihren Lauf und immer mehr Menschen erkranken. Die Behörden müssen schnell reagieren. Wie bei jeder anderen Epidemie werden die Kranken isoliert.
Die ersten, welche im Quarantänelager eintreffen, sind die zuerst Infizierten. Begleitet von der Frau des Augenarztes (Julian Moore), die, obwohl wunderlicher Weise selber nicht erkrankt, sich als Blinde ausgibt, um ihrem Mann in die Quarantäne zu folgen. Im Lager herrschen grauenvolle Zustände: Es gibt keine medizinische Betreuung, der Kontakt zur Außenwelt ist nur über ein einziges Telefon möglich und das Lager vom Militär hermetisch abgeriegelt. Selbst die Nahrungsmittel werden von Sicherheitspersonal in den Hof gestellt, und die infektiösen Insassen dürfen sie anschließend abholen. Der direkte Kontakt zur Außenwelt ist strengstens verboten. Wer versucht aus der Quarantäne auszubrechen, wird erschossen.
Die Epidemie greift rasend schnell um sich, immer mehr Erblindete treffen ein. Und die Zustände im Lager werden durch die Überfüllung täglich schlimmer. Die Internierten sind völlig auf sich selbst gestellt, aber nicht einmal in der Lage ihren grundlegendsten hygienischen Bedürfnissen nachzugehen: sich vernünftig zu waschen, ihre Notdurft an den dafür vorgesehenen Stellen zu verrichten. Blitzschnell verkommt das Lager zu Urinal und Latrine. Dreck und Fäkalien häufen sich allerorts. Und nach und nach treten die ureigensten Instinkte mehr und mehr in den Vordergrund. Immer deutlicher stellt sich die Frage, was das Menschsein wirklich ausmacht und wie viel den Menschen vom Tier unterscheidet? Als ordnende Prinzipien, innerhalb dieses Chaos und der aufkommenden Anarchie, versuchen der Arzt, seine sehende Frau und ein Einäugiger (Danny Glover), als Stimmen der Vernunft den Irrsinn in zivilisierte Bahnen zu lenken. Vergebens versucht sich dieser Subkosmos zu reorganisieren, genauso als durchliefe er die Stufen der Evolution aufs Neue.
Man muss es gesehen haben, um es zu verstehen. Kongenial inszeniert Fernando Meirelles, mit sehr reduzierten Mitteln, intensives, beklemmendes und kritisches Kino. Vorlage ist der gleichnamige Roman des Literatur-Nobelpreisträgers José Saramago. Auf mehreren Ebenen wird sowohl offen, als auch unterschwellig, an unserem Gesellschaftsgeist Kritik geübt und eine der wesentlichen Fragen überhaupt aufgeworfen: Wie viel oder wie wenig es bedarf, um den dünnen Mantel der Zivilisation von uns zu streifen. Recht offensichtlich, aber nicht trivial, dass die Blindheit Resultat der Unfähigkeit ist, wirklich wahrzunehmen. Wir sehen nur noch Oberflächen, Moden, Trends - Scheinwelten. Unaufhörlich wird im multimedialen Schleudergang unser Geist von Werbebotschaften durchgespült. Und Versatzstücke fragwürdiger Vorbilder füllen protesenhaft die zur Bedeutungslosigkeit verdammten Ebenen unseres Verstandes, wo einstmals Charakter, Persönlichkeit und Identität auffindbar waren.
Grell und überbelichtet ist diese Stadt der Blinden, gleichsam in Nebel gehüllt, farbarm, kontur- und kontrastschwach, körnig und schleierhaft, wie ein verblasstes Foto. Das sind die Bilder, die noch lange nachdem man das Kino verlassen hat, im Kopf nachwirken. Alptraumhaft bohren sich in den Geist die sureal-apokalyptischen Szenarien stillgelegter Städte, mit zombiehaft umherirrenden, blind-verlorenen Seelen, reduziert auf grundlegende Triebe und Instinkte. Und inmitten des Wahnsinns erwächst Hoffnung: Die "Weiße Blindheit" scheint die Lektion zu sein, die gelernt werden muss, um wieder "sehen" zu können. Menschen finden und lernen sich lieben, die sich gegenseitig sonst nie wahrgenommen hätten. Hautfarbe, Alter, Aussehen wird irrelevant. Im tiefsten Dunkel, der durch allzu viel Lichtgeflimmer unsehend gewordenen Augen, wird der Mensch, erst nachdem er durch alle Niederungen wandelte, wieder zum (sehenden) Menschen. Da sage noch einer, es gäbe keine guten Geschichten mehr zu erzählen.