XXY ist die erste Spielfilm-Regiearbeit der Argentinierin Lucia Poenzos. Sie hat Literatur studiert und ist in ihrem Heimatland unter anderem als Romanautorin bekannt. Die Identitätssuche der Pubertät liegt bei der 32-jährigen noch nicht so weit zurück. Die unbändigen Forderungen nach Toleranz, Freiheit und uneingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten sind ihr damit sicher noch vertraut. In ihrem Fach erweist sich die junge Frau aber als faszinierend stilsicher und in der Wahl der Mittel überraschend unaufdringlich.
Alex (Ines Efron) ist 15 - und wie der zweideutige Name ist sie Beides: Junge und Mädchen. Sie sieht dabei aus wie ein Mädchen, hat aber all die körperlichen Ausprägungen beider Geschlechter. Sie ist weder xy (eindeutig männlich) noch xx (eindeutig weiblich). Üblicherweise werden Kinder mit einer solchen Anomalie sofort nach der Geburt operiert. Alex' Vater hat sich für eine natürliche Entwicklung entschieden. Um Alex vor dem Geschwätz der Leute zu beschützen, ist die Familie von Buenos Aires an den kargen Strand Uruguays umgezogen. Doch auch hier sind Gerüchte und Konflikte unvermeidbar. Auf Wunsch von Alex' Mutter kommt die Familie eines bekannten Chirurgen über Ostern zu Besuch. Und während die Erwachsenen sich Gedanken über eine mögliche Operation machen, geht Alex zusammen mit Alvaro (Martin Pyroyanski), dem Sohn des Chirurgen, auf sexuelle Entdeckungsreise.
Im Jahr 2004 begeisterte bereits ein Film aus Uruguay die Jury in Cannes sowie die Programmkinokritiker: Whiskey von Pablo Stoll und Juan Pablo Rebella. Darin konnte man den mürrischen alten Jacobo, dessen Lebensmittelpunkt eine düstere Sockenfabrik war, dabei beobachten, wie er sich seiner treuen Angestellten näherte, Millimeter um Millimeter. Dieser Film war von einer so langsamen, lakonischen Erzählweise, dass man schon sehr aufmerksam sein musste, um die feinen Nuancen des Spiels der beiden Darsteller zu entdecken. Gerade diese subtile Öffnung zweier verschlossener Charaktere war es aber, die zu Tränen rührte.
XXY ist weniger subtil, sondern in der Wahl der Mittel sehr direkt, wenn auch unaufdringlich. Schonungslos wird zum Beispiel der Sex zweier Heranwachsender gezeigt. Doch Lucia Puenzo gelingt es, auch solche Szenen weder skandalös-irritierend noch besonders sexy zu inszenieren. Vielmehr ist der ganze Film durch eine dokumentarische Authentizität geprägt. Gefühle und Stimmungen scheinen hier nirgendwo konstruiert zu sein. Vielmehr spielt die Kameraarbeit synchron mit der Charakterdarstellung ein wechselseitiges Spiel aus Nähe und Distanz. Sehr häufig sieht man die Personen in der Großaufnahme. Müde und traurige Augen werden hier leinwandfüllend, aber auch Blicke der Neugier und Sehnsucht. Die Landschaft spiegelt dies wieder, wenn in Halbtotalen zerklüftete Felsstrände und das endlose dunkelblaue Meer das Panorama bilden. Die Bilder von XXY sind dabei immer in blass-graue und unnatürlich blaue Töne getaucht. Die kühlen Bilder, die Sprachlosigkeit der Darsteller und der sehnsüchtige Blick auf die endlose Weite der Landschaft erinnern in ihrer subtilen Kraft immer wieder an Whiskey.
Der Zugang zu den sechs wortkargen Charakteren ist zunächst etwas sperrig. Ihre Motive, Ängste und Gedanken scheinen sich dem Zuschauer zu entziehen. Erst langsam beginnen wir die Menschen zu verstehen: Die Hilflosigkeit der Erwachsenen auf der Suche nach Problemlösungen und die zaghaften Kämpfe der Heranwachsenden, die überhaupt keine Lösung wollen, sondern die Möglichkeit einer natürlichen Entwicklung in einer irritierenden Zeit. Durch Alvaro wird zudem deutlich, dass die Suche nach sexueller Identität nicht einmal eine biologische Anomalie zur Ursache haben muss, sondern Teil einer normalen Entwicklung ist. Und wo die Erwachsenen noch darüber diskutieren, ob die jungen Menschen die Verantwortung weitreichender Entscheidungen tragen können, wollen diese gar nicht entscheiden, sondern den Dingen ihren Lauf lassen. Die Einsicht in das Seelenleeben der Erwachsenen bleibt jedoch weitgehend verschlossen, was zwar etwas Schade - aber der Zielsetzung geschuldet ist, sich ganz auf die beiden Jugendlichen zu konzentrieren.
Ergänzt wird der Film durch viele schöne kleine Details und Symbole, die ihn weder formgebend prägen, noch sich zu sehr als konstruiert in den Vordergrund heben. Alex Vater ist Biologe, der sich seit dem Umzug nach Uruguay speziell mit dem Schutz von Meeresschildkröten beschäftigt. Diese sind bekanntlich zweigeschlechtlich und bieten ihm möglicherweise die Kompensation seiner Hilflosigkeit. Als Alvaro zum ersten Mal die Wohnung von Alex betritt, sieht er eine Reihe Fotos, die sie chronologisch von Kind auf zeigen. Als kleines Mädchen sehen wir sie lächeln und spielen, während sie mit zunehmendem Alter den Kopf senkt oder die Hand hebt um ihr Gesicht zu verdecken. Sehr früh wird hier die problematische Entwicklung von Alex' Sexualität angedeutet. Zu guter Letzt ist das Zerschneiden einer Karotte in Großaufnahme, eingebettet in Gespräche über Kastration, sicher auch unzweideutig als Symbol zu verstehen.
XXY ist kein Film der bemüht an großen Gefühlen rüttelt, aber eben darum lange nach Verlassen des Kinos in Erinnerung bleiben wird. Gerade weil Lucia Puenzo aber nicht versucht mit klassischen Mitteln zu Tränen zu rühren, wird eine Identifikation mit den Problemen der Pubertierenden zur Voraussetzung. Wer diese Zeit also allzu leicht überstanden hat wird bei XXY vermutlich auch keine Träne vergießen. Allen anderen sei dieses intensive Erlebnis wärmstens ans Herz gelegt.