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Pflichttermin für Filmfreunde: Das neueste Werk der Coen-Brüder. Was zunächst unendlich langsam beginnt, steigert sich unmerklich in ein kaum zu überblickendes, blutiges Geflecht aus Lug und Betrug, Gier, Lust, Angst und anderen urmenschlichen Eigenheiten, gepaart mit skurrilen Höhepunkten. Ein Meilenstein.
Eine Lawine beginnt immer mit einem einzigen Steinchen, das durch einen winzigen Anlass ins Rollen gekommen ist. Dass Lawinen gewaltige Verwüstungen anrichten, ist kein großes Geheimnis. Auch Burn After Reading beginnt mit so einem Steinchen: In diesem Fall handelt es sich um einen Balkan-Analysten der CIA, Osborne Cox, der zu seinem Vorgesetzten zitiert wird. Da Cox angeblich ein Alkoholproblem hat, soll er unauffällig auf einen langweiligen Gnadenbrot-Posten abgeschoben werden. Cox ist empört und kündigt lieber, als auf den Deal einzugehen.
Zuhause findet seine Frau Katie nicht die Zeit, ihm zuzuhören, denn sie muss eine langweilige Dinnerparty vorbereiten, mit lauter Gästen, die Osborne nicht mag. Was er nicht weiß: Katie hat eine Affäre mit einem der Gäste, nämlich Harry. Dessen Frau, eine erfolgreiche Autorin politischer Kinderbücher, ahnt natürlich von nichts. Als Katie schließlich doch von der Kündigung ihres Mannes erfährt, beschließt sie, die Ehe-Reißleine zu ziehen und geht zum Scheidungsanwalt. Der rät ihr, Osbornes Computer und all seine Unterlagen nach Geldwerten zu durchsuchen, damit Katie in punkto Abfindung möglichst gut dastehen wird. Und so findet eine unscheinbare CD mit Geheimdienstunterlagen von Osborne den Weg in die Damengarderobe eines Fitnessstudios.
Linda, die in ebendiesem Fitnessstudio arbeitet, ist der Meinung, sich nur durch eine Serie von Schönheitsoperationen komplett neu erfinden zu können. Dass ihre Krankenversicherung diese nicht zahlen will, ist für die leichtgläubige Frau ein herber Rückschlag. Und die Männer, die sie übers Internet trifft, sind auch alles Luschen.
Mit ebenso wenig Hirnschmalz gesegnet ist Lindas Kollege Chad, der beschließt, die erwähnte brenzlige CD ihrem Besitzer so richtig agentenmäßig zurückzugeben und dafür 50.000 Dollar "Finderlohn" zu fordern. Natürlich klappt das nicht, weil der gefeuerte Osborne das Geld nicht im Traum aufzubringen gedenkt. Außerdem weiß er nicht, wo die Daten überhaupt herkommen, da seine scheidungswillige Frau diese ja ohne sein Wissen an seinem Computer auf CD gebrannt hat.
Nachdem die Übergabe nicht klappt (welch Überraschung), gehen Linda und Chad zu "Plan B" über: Verkauf der Geheimdienstinformationen an ausländische Agenten. Die sind zunächst nur interessiert an einem Deal, wenn Chad und Linda mehr dieser Daten beschaffen können. Nun lernt Harry, der sich mittlerweile für Osbornes Katie von seiner eigenen Frau scheiden lassen will, zufällig Linda kennen. Harry, der täglich wenigstens fünf Meilen joggt, ist kein Kostverächter und geht daher eine kleine, unbedeutende Affäre mit Linda ein - natürlich ohne zu wissen, dass die gerade Osborne, den Noch-Mann seiner Zukünftigen, erpresst hat.
Hier noch weiterzuerzählen, wäre unverantwortlich. Ab hier, also ungefähr nach einer Stunde, beginnen die Ereignisse sich zu skurrileren Höhepunkten aufzuschaukeln, zu Blüten der menschlichen Missinterpretationskunst sozusagen. Während man der Filmhandlung bis hier noch bequem folgen konnte, sollte man nun aufpassen, da ab hier wirklich jedes bisherige Detail für das Nachvollziehen der restlichen Filmhandlung nötig wird.
Joel und Ethan Coen, deren bisherige Filme größtenteils Kultstatus erreicht haben (unter anderem Arizona Junior, Fargo - Blutiger Schnee, The Big Lebowski und No Country for Old Men), spielen einmal mehr gekonnt auf den Saiten der nur allzu menschlichen Befindlichkeiten. Die Ansiedlung des Films im Geheimdienstmilieu und rein örtlich in Washington D.C. ermöglicht besonders intensive Figuren: Fast jeder in diesem Film ist entweder paranoid, korrupt und machtbesessen oder obsolet jeglicher unnötigen Hirnregung. Auf jeden Fall zeigt der Film - und das in aller Pracht - die Macken der zwischenmenschlichen Kommunikation (oder eher die Folgen der Absenz selbiger), das typische, überstürzte Verrennen in Vorurteile und die emotionalen Reaktionen unserer Spezies, die so oft nichts mit Logik oder der Wahrheit zu tun haben.
Brad Pitt und Frances McDormand (übrigens die Ehefrau von Regisseur Joel Coen) brillieren als nicht besonders weit vorausdenkende Fitnesstrainer. Gerade bei Brad Pitts hirnloser Leichtigkeit fühlt man sich an dessen frühe Rollen erinnert: Diese ließen ihn oft als nicht weiter begabten Hollywood-Beau wirken (insbesondere auf neidische Männer). John Malkovich liefert eine traumhafte Performance als alkoholgezeichneter, abgehalfterter Ex-Agent mit einer sakrischen Wut im Bauch ab, und George Clooney zeigt Mut zur Hässlichkeit. Seine Figur des Harry Pfarrer trägt einen Bart mit deutlichen grauen Flecken und hat Essgewohnheiten sowie andere Ticks, die ihn zum negativen Mittelpunkt jeder Party machen. Seine schleimige Aufreißtour für alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, jagt einem das kalte Grausen den Rücken hinunter, von seinen Sexspielzeugen ganz zu schweigen. Tilda Swintons Darstellung der berechnenden Katie ist so kalt wie ihre Eisprinzessin aus Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia oder Michael Clayton, in dem sie übrigens auch an der Seite von George Clooney spielte. Ein ganz besonderes Highlight ist natürlich CIA-Abteilungsleiter J.K. Simmons (Spider-Man), der in keiner Szene seinen Stuhl verlässt und doch eine fantastisch komödiantische Performance abliefert. Seine ständig neue Verblüffung über die immer skurrileren Ereignisse, über die er auf dem Laufenden gehalten wird, ist nicht zu überbieten.
Die Kameraarbeit (Emmanuel Lubezki, Reality Bites - Voll das Leben, Rendezvous mit Joe Black und Sleepy Hollow) ist gerade für einen Coen-Film überraschend unauffällig, die Musik dahingegen erstaunlich ernst. Der Schnitt erfolgte chronologisch und nach dramaturgischen Kapiteln, also sehr klassisch, hier gibt es eigentlich keine Besonderheiten zu berichten. Rein technisch ist der Film natürlich mustergültig und ohne die kleinste Panne umgesetzt worden. Bemerkenswert ist die Eingangssequenz, eine Fahrt von einer Supertotalen des gesamten Planeten bis hinunter auf das Dach der CIA-Zentrale in Langley, Virginia. Der erste Mainstreamfilm der Coen-Brüder (wenn man vom unsäglichen Ladykillers mal absieht) kann also durchaus als gelungen bezeichnet werden.
Ein Wort zur Vorsicht: Es handelt sich noch immer um einen Film der Coen-Brüder. Wer einen normalen Washington-Politthriller oder eine schwarze Politkomödie erwartet, wird bitter enttäuscht werden, dafür entwickelt sich der Film zu langsam, an zu vielen Fronten gleichzeitig. Zur Vorbereitung des Kinobesuchs für Nichtkenner ist das Herantasten mit wenigstens einem der obengenannten Coen-Filme dringend zu empfehlen. |