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Es sind harte Zeiten und Söldner Toorop versucht in einer nahen, postapokalyptischen Zukunft zu überleben. Irgendwo im Nirgendwo, in den Resten der dem Chaos preisgegebenen Ex-Staaten des längst zerfallenen Ostblockgebildes regieren Militärfürsten und das organisierte Verbrechen. In Amerika, dem Land in dem die Möglichkeiten unbegrenzter den je sind, ist alles anders. Für Toorop ist dieses gelobte Land nicht erreichbar. Als Terrorist ist er dort geächtet, nur mit einer neuen Identität bekäme er eine zweite Chance. Mafia-Boss Gorsky offeriert ihm eine. Er muss lediglich eine kostbare Fracht unversehrt abliefern. Spannende Geschichte mit einem visionären Touch, einer Mischung aus Road-Movie und stylischem Endzeit-Thriller mit einem gewohnt knallhart-ultracoolen Vin Diesel.
Manchmal entpuppt sich bereits der pure Nahrungserwerb und eine Portion Kaninchengulasch als mörderische "Angelegenheit". Nichts Neues für den Kriegsveteran Toorop (Vin Diesel), der sich in beinahe jeder militärischen Auseinandersetzung seine Sporen verdiente, welche die Menschheit in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts ins Chaos stürzt. Als ihn ein Kommando jäh bei seiner Hoppelhasenmahlzeit stört, begegnet Toorop der explosiven Situation mit einer Lässigkeit, die nur aus totaler Furchtlosigkeit, Wahnsinn oder absoluter Todesverachtung geboren werden kann. Und damit ist die einsilbig-kompromisslose Ein-Mann-Armee Toorop recht genau charakterisiert.
Nachdem er mit seiner, ganz eigenen, "kreativen" Deeskalationsstrategie die Fronten klärt, beschließt er der netten Einladung aus freien Stücken zu folgen. Im gepanzerten Transporter, dessen Interieur an eine futuristische Luxusyacht erinnert, wartet Pateverschnitt Gorsky (Gerard Dépardieu) mit einem Angebot, das Toorop schwerlich ausschlagen kann: Er braucht lediglich eine kostbare Fracht heil in den Staaten abzuliefern und erhält eine saubere Identität. Bei dieser Fracht handelt es sich allerdings um eine junge Frau: Aurora (Mélanie Thierry). Die Präsidentin einer immens einflussreichen religiösen Organisation erwartet sie schon sehnlich. Toorop nimmt an, ohne genau zu wissen worauf er sich da einlässt. Aurora ist viel mehr als er ahnen kann. Auf der Reise, die zu einer Odyssee wird, welche visuell und szenisch sehr kontrastreich zwischen Naturpanorama-Optik und Endzeitszenarien im Stile von Mad Max pendelt - im letzten Abschnitt sogar visionäre Qualitäten entwickelt, die an Blade Runner erinnern - begleitet ihn der persönliche Bodygard Auroras: die wehrhafte Nonne Rebecca (Michelle Yeoh). Und Schutz kann die zerbrechlich wirkende Aurora gebrauchen. Aber nur wenn sich Toorop entschließt, in den beiden mehr als "Fracht" zu sehen und in dem Auftrag mehr als den Job, haben sie eine Chance zu überleben.
Kern dieses Nichtallerwelt-Actionthrillers ist ein transzendentes Motiv: Babylon ist die Große Hure der biblischen Mythologie, ein Ort des Lasters, der Sünde und Dekadenz. Und wie die Bibel letzen Endes in einem Messias-, Erlösungs-, und Wiedergeburtszenario gipfelt, dreht sich in Babylon A.D. auch alles darum. Vorlage ist der visionäre Zukunftsroman Babylon Babies des französischen Autors Maurice G. Dantec, der lange als unverfilmbar galt. Es ist eine Reise mit harter und bewusst provokanter Gesellschaftskritik in eine nahe, fast greifbare, aber alles andere als wünschenswerte Zukunft. Besonders der Entwurf eines Zukunftsbilds, das beinahe die Präsenz einer geschichtlichen Zwangsläufigkeit erreicht, erzeugt eine beklemmende Intensität: Clanfürstendespotismus inmitten Europas, wie man es sonst nur aus Regionen kennt, für die Demokratie immer noch ein inhaltsloser Begriff ist. Im krassen Gegensatz dazu die Panoramaoptik und im letzten Drittel der Story der kontrastreiche düster-neongrelle Schein der "Neuen Welt". Dieser szenische Bruch im Plot, erzeugt große Erwartungen, wird diesen aber nicht vollends gerecht. Mehr davon wäre wünschenswert gewesen.
Wie nicht anders zu erwarten ist Babylon A.D. trotz, vieler für einen Actionfilm untypischer Motive, kein designter Kunstfilm. Es ist zwar kein typisches US-Kino, aber wenn Vin Diesel auf dem Etikett steht, kracht es ordentlich. Auf die schauspielerischen Akzente wurde dennoch viel Wert gelegt. Diesels Figur macht eine der Story förderliche und notwendige Entwicklung durch. Als gleichgültiger, nur um sich selbst scherender Söldner, wäre sein Einsatz um das Schicksal seiner Schutzbefohlenen nicht glaubhaft. Eine kleine Reminiszenz an Leon - Der Profi kommt auf, erreicht aber nicht diese Qualität. Ob das der Geschichte an sich zu schulden ist oder am schauspielerischen Potenzial Vin Diesels liegt, sei dahingestellt.
Michelle Yeoh, der weibliche Superstar des Martial-Arts-Kinos, die neben Jet Li in Die Mumie: Das Grabmal des Drachenkaisers zu sehen war, gibt nicht nur die persönliche Beschützerin Auroras - ist gleichermaßen moralisches Gewissen und emotionale Mitte der Figuren. Besonders sehenswert: der kurze aber spektakuläre Auftritt Gerard Depardieus als Mafia-Don, wie er nicht unappetitlicher sein könnte: zum abgewöhnen abscheulich und schießen komisch. Die Glaubwürdigkeit der Story ist aber vor allem Mélanie Thierry geschuldet, ebenso zerbrechlich wie stark und verstörend intensiv das Spiel des französischen Jungstars. Trotz vieler positiver Ansätze erreicht Babylon A.D. keinen Kultflair. Gegen Ende schwächelt der Plot zusehend und die mythischen Motive sind nicht eingängig genug. Es bleiben mehr Fragen offen, als Antworten möglich und wünschenswert wären. Dennoch keine Zeitverschwendung. |