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Friedliche Zeiten

(Friedliche Zeiten, 2008)

Dt.Start: 18. September 2008 Premiere: 11. September 2008 (Deutschland)
FSK: ab 6 Genre: Komödie, Drama
Länge: 98 min Land: Deutschland
Darsteller: Katharina Schubert (Irene Striesow), Oliver Stokowski (Dieter Striesow), Nina Monka (Ute Striesow), Leonie Brill (Wasa Striesow), Tamino Wecker (Flori Striesow), Axel Prahl (Karl), Anna Böttcher (Frau Heinkel), Georgia Stahl (Frau Blume), Meret Becker (Musiklehrerin)
Regie: Neele Leana Vollmar
Drehbuch: Ruth Toma


Inhalt

Nach der Flucht aus der DDR in den Westen des Landes, brechen für Familie Striesow nicht die erhofften friedlichen Zeiten an. Während Vater Dieter die neu gewonnene Freiheit genießt, sehnt sich Mutter Irene zurück in die alte Heimat und schottet sich von ihrer Umwelt ab. Sie hat Angst vor dem Ausbruch des dritten Weltkrieges sowie vor Zweitfrauen ihres Mannes und lässt jeden wissen, dass sie ja eigentlich jung sterben möchte. So bricht der Krieg nun im Wohnzimmer aus und die drei Kinder Ute, Wasa und Flori versuchen all dies zu verhindern und den Eltern wieder zum Glück zu verhelfen.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Friedliche Zeiten hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 65%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
Friedliche Zeiten hat eine Wertung von 65%
Ewig lockt der Osten. Irene ist unglücklich, ihr Mann Dieter hatte vor Jahren "rübergemacht" und die Familie erst später nachgeholt, als er sich im Westen bereits eine Existenz aufgebaut hatte. Jetzt sind alle vereint und dennoch scheinen sie Welten zu trennen. Er ist im Hier und Jetzt der BRD angekommen, sie hängt dem "Guten" der DDR nach. Mauern entstehen auch zwischen Menschen und wachsen beständig. Irenes Ängste vor diesem neuen Leben bringen die Familie und Ehe in ernste Schwierigkeiten. Bodenständige und humorige Satire mit Seitenhieben auf die Ostalgie-Welle. Vor allem sehenswert durch das sehr reife Agieren der Jungdarstellerinnen.

Bild aus Friedliche Zeiten Es ist 1968, im Westen ist das Leben schön, Vollbeschäftigung keine Utopie. Dieter Striesow (Oliver Stokowski) und seine Frau Irene (Katharina Schubert), sowie die beiden Töchter Ute und Wasa (Nina Monka und Leonie Brill) und der bereits im Westen zur Welt gekommene Sohn Flori (Tamino Wecker) führen ein "friedliches" Familienleben. Dieter, der schon einige Jahre "Westleben" Vorsprung hat, fühlt sich in der Bundesrepublik pudelwohl, im Gegensatz zu seiner Frau. Irene binden noch viele Erinnerungen an ihr altes Leben und unverarbeitete Kriegstraumata quälen sie die ganze Zeit. Die Furcht, die Russen könnten eines Tages zurückkehren, lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Unter diesen Affekten und Neurosen hat nicht nur ihr Mann zu leiden. Die Töchter verbringen manch eine Nacht an der Seite der Mutter, um deren emotionale Lage zu stabilisieren und sie mitunter vor Schlimmerem zu bewahren, während der Vater in der Kneipe mit Freunden ein paar Bier kippt.

Dieter sieht vieles nicht so eng. Er mag die neue Lebensart und genießt die Freiheit im Westen. Als er eines Nachts nach Hause kommt und ihm seine Töchter erzählen, sie konnten Mutti gerade noch davon abhalten, sich samt ihnen und dem Auto in den Fluss zu befördern, nachdem in den Nachrichten vom Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei berichtet wurde, geht ein Riss durch die Ehe. Dieter wendet sich anderen Frauen zu, die "weniger kompliziert sind". Irene denkt ebenfalls an Trennung. Ute und Wasa wollen eigentlich nicht, dass sich ihre Eltern trennen, wenn dann aber beide weniger unglücklich sind, sollte man das Vorhaben vielleicht "unterstützen".

1968 waren es keine "friedlichen Zeiten". Der Krieg war nicht lange her und aus den Köpfen, hüben wie drüben, noch nicht raus. Die Welt war in zwei große Blöcke geteilt und dieser Riss verlief als offene Wunde mitten durch Deutschland. Einige hatten "in den Westen gemacht", bevor die Grenze unpassierbar wurde und viel zurückgelassen. Die Neuankömmlinge sahen sich vielen Vorurteilen ausgesetzt und nicht jeder fühlte sich gleich zugehörig. Manch einer genoss Coca-Cola und Rock'n Roll, andere sehnten sich nach vertrauten Strukturen und Soljanka. Friedliche Zeiten arbeitet diese Motive wunderbar aus. Mit leichtem Persiflagesubton ohne Kitsch und Klischeebemühung, durchlebt man aus wechselnden Perspektiven die Bemühungen der Familienmitglieder heimisch zu werden. Dreh und Angelpunkt der Krisen ist stets die Mutter, deren zwanghaftes und neurotisches Verhalten, nebst Mann und Töchter, schnell beim unbeteiligten Zuschauer im Kinosessel durchaus nervös-gestresstes Verhalten hervorrufen kann. Katharina Schubert gibt verstörend gut die unfunktionale Ehefrau, die einfach nicht ankommen möchte oder kann.

Oliver Stokowski, der schon bei der deutschen Erfolgsproduktion Das Experiment mitspielte, mimt den sympathischen und lebenslustigen Ehegatten, dessen größte Schwäche wahrscheinlich eben diese Lebensbejahung ist. Diese extreme Verschiedenheit des Paars verleiht dem gespaltenen Deutschland eine persönliche Komponente. Dass dabei mitunter etwas überzeichnet wird, sei, angesichts des liebevollen Parodietouches, verziehen. Eine Schwäche des Films ist vielleicht dennoch, dass diese Zeit, obwohl nicht allzu lange her, für viele, insbesondere der Generation die Deutschland nur als einig Vaterland kennt und für die der Warschauer Pakt nicht mehr als Geschichtsbuchmythologie ist, fremd sein könnte und die Probleme der Figuren nicht ohne weiteres nachvollziehbar sind.

Als Kompass durch diesen Irrgarten geleiten die beiden Jungschauspielerinnen Nina Monka und Leonie Brill, die fabelhaft und mit großer Sicherheit vor der Kamera agieren. Aus dieser, teils kindlichen, Perspektive erhält das Geschehen eine substanzielle und im positiven Sinne simpelnaive Sichtweise, die nachvollziehbar hinterfragen lässt, warum sich Erwachsene das Leben manchmal (gegenseitig) derart schwer machen. Besonders Leonie Brill besticht durch ihr reifes, mit pointierter Körpersprache akzentuiertes Spiel, dass sie den Großen beinahe die Show stielt. Gut inszeniertes Stück deutscher Geschichte, mit stark menschelnden Perspektiven und vielen humorigen Untertönen.



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