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Vicky Cristina Barcelona

(Vicky Cristina Barcelona, 2008)

Dt.Start: 04. Dezember 2008
DVD: 06. Mai 2009
Premiere: 17. Mai 2008 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: ab 6 Genre: Komödie
Länge: 96 min Land: USA
Darsteller: Scarlett Johansson (Cristina), Penelope Cruz (Maria Elena), Javier Bardem (Juan Antonio), Rebecca Hall (Vicky), Patricia Clarkson (Jud Nash), Kevin Dunn (Mark Nash), Chris Messina (Doug), Zak Orth (Adam), Carrie Preston (Sally), Pablo Schreiber (Ben)
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen


Inhalt

Die beiden Amerikanerinnen Vicky und Cristina verbringen die Sommerzeit gemeinsam in Barcelona. Vicky ist verlobt, Cristina ungebunden und auf der Suche nach Abenteuer. Schon nach kurzer Zeit lernen sie den charismatischen Maler Juan Antonio kennen, der sich kürzlich von seiner psychotischen Frau Maria getrennt hat. Er zeigt Interesse sowohl an Vicky als auch Cristina, doch nur letztere lässt sich voll darauf ein. Sie genießt die Leidenschaft, bis Maria wieder auf der Bildfläche erscheint und sich eine gefährliche Dreiecksbeziehung entwickelt.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

Vicky Cristina Barcelona hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 90%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Julian Reischl
Vicky Cristina Barcelona hat eine Wertung von 90%
Vielfilmer Woody Allen gehört noch lange nicht in den Ruhestand. Von seinem federleichten Liebesdrama mit genug Augenblicken zum Schmunzeln sollten sich wirklich alle aktuellen Filmemacher mehrere Scheiben abschneiden können. Ein Traum von Sommer in einem traumhaften Land, ein absolut empfehlenswerter Kinobesuch für wirklich jedermann.

Bild aus Vicky Cristina Barcelona Vicky und Cristina sind beste Freundinnen, doch zur Zeit hängt der Haussegen ein wenig schief: Die brav-beherrscht-biedere Vicky wird bald heiraten, und das Männer-Schleckermäulchen Cristina hat mal wieder eine Trennung hinter sich. Da kommt eine längere Auszeit im spanischen Barcelona gerade recht für die beiden Amerikanerinnen. Während Vicky einfach nur mit Cristina Urlaub machen, Kultur und Wein genießen will, um im Anschluss zu Hause in den Hafen der Ehe einzulaufen, ist Cristina dem Manne als Mittel gegen allgemeinen Seelenschmerz gegenüber nicht unaufgeschlossen.

Die Freundinnen kommen im Luxus-Anwesen von Judy und Mark unter, Bekannte von Vickys Eltern, doch schon nach wenigen Tagen ändert sich Spanien für die Freundinnen: Beim Besuch einer Ausstellung fällt Cristina einer der anwesenden Männer besonders auf. Beim Abendessen in einem Restaurant sehen die beiden den Mann zufällig wieder. Es ist der Maler Juan Antonio. Er tritt auf die beiden Mädchen zu und lädt sie spontan zu einem Wochenende in der Provinzstadt Oviedo, gutem Wein und Sex zu dritt ein. Der Abflug mit der Propellermaschine eines Freundes soll bereits eine Stunde später stattfinden, eine eher kurze Bedenkzeit für die Mädchen also. Während Vicky fast wegen der Unverschämtheit der Anmache zu explodieren droht, erliegt Cristina, sowieso keine Kostverächterin, soviel unverhohlenem Männercharme und sagt spontan für beide zu.

Der Zuschauer erwartet nun eine Romanze zwischen Juan und Cristina, während eine mürrische Vicky wie das fünfte Rad am Wagen ein Wochenende lang durch irgendein Provinznest geschleppt wird - genau so hätte eine Mainstreamkomödie von der Stange auch ausgesehen. Doch hier kommt alles anders: Cristina wird im ungünstigsten aller Momente krank und muss nun das Bett hüten, Juan zeigt daher Vicky allein die romantische kleine Stadt seiner Herkunft. Vickys offener Hass gegenüber Juan wandelt sich langsam in Anerkennung, als Juan mit ihr auch seinen Vater besucht und ihr offen von seiner katastrophalen Ehe mit Maria Elena erzählt. Die Beziehung mit der begabten, aber seelisch labilen Künstlerin endete damals mit einem Mordanschlag, wer genau wen umzubringen suchte, wird zunächst nicht ganz klar. Das Wochenende mit Juan wird Vicky jedenfalls niemals vergessen: Seither muss sie sich fragen, ob die Ehe mit dem eher langweiligen Doug nicht vielleicht doch keine so gute Idee ist.

Wieder zurück in Barcelona, kann auch Cristina nur noch an Juan und die verlorene Liebesnacht denken. Auch dieser kann Cristina nicht vergessen, und bald darauf zieht sie bei ihm ein. Während Vickys Verlobter Doug einen Kurzbesuch bei Vicky in Barcelona ankündigt, steht bei Juan und Cristina plötzlich Maria Elena in der Tür. Als wäre das nicht turbulent genug, beginnt Judy, Vickys Gastgeberin, plötzlich auch noch, in deren ohnehin schon wackelige Hochzeitspläne dreinzureden.

Mit Vicky Cristina Barcelona legt Woody Allen seinen seit langem besten Film zum ewigen Thema Liebe vor. Feinfühlig wie selten lotet er die Grenzen zwischen Freundschaft und Beziehung, Liebe und Affäre, Männern und Frauen aus. Es ist nicht möglich, den Figuren Charaktereigenschaften zuzuordnen, die sie über den Film behalten, da sie sich alle verändern. Manche gewaltig, manche subtil und vielleicht nur im Hinterkopf. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich in vielen Fällen jedoch weniger um eine charakterliche Änderung, sondern eher um ein näheres Kennenlernen der jeweiligen Person und ihrer Lebenssituation. Der Film wirkt wie aus einem ereignisreichen Leben geschnitten, ist von leichter, routinierter Hand inszeniert und ganz hervorragend gespielt.

Scarlett Johansson, die mit Abstand sinnlichste Frau der aktuellen Filmlandschaft, weigerte sich, zur Weltpremiere in Cannes zu erscheinen. Angeblich, weil das Studio ihre ausgefallenen Wünsche (wie einen persönlichen Makeup-Künstler für 8000 Dollar am Tag) nicht zu erfüllen gedachte, offiziell wegen Terminschwierigkeiten. Es ging aber auch das Gerücht um, sie schäme sich einer Szene im Film, die sie mit Penélope Cruz zusammen drehte. Dabei ist ihre Leistung im Film absolut professionell, routiniert und packend.

Penélope Cruz, die die emotionale Maria Elena spielt, scheint durch die Verwendung ihrer spanischen Muttersprache absolut in ihrem heißblütigen Element zu sein. Als lustvoll rauchende Künstlerin mit wilden Farborgien und Maltechniken und kaum zu bändigender Haarpracht reißt sie die Handlung voran wie keine andere Figur.

Die hierzulande eher unbekannte Britin Rebecca Hall, Tochter des berühmten Theaterregisseurs Sir Peter Hall, die die bedachte Vicky spielt, kommt gerade durch die Berühmtheit ihrer beiden Leinwandpartnerinnen voll zur Geltung. Wäre sie von einer bekannteren Schauspielerin gespielt worden, wäre die Glaubwürdigkeit der Figur wohl ins Gegenteil gekippt, da diese es umso schwerer gehabt hätte, die am wenigsten divenhafte aller Hauptrollen (auch der männlichen!) entsprechend umzusetzen. Hall macht eine absolut gute Figur und repräsentiert dabei wohl den größten Teil der Zuschauerinnen: Wessen Stern kommt denn neben Cruz und Johansson noch selbst zum Leuchten?

Javier Bardem, jüngst in No Country for Old Men als eiskalter Serienkiller Anton Chigurh zu genießen, zeigt hier eine völlig andere Seite seines vielschichtigen Könnens. Während sein Antlitz in den ersten Minuten etwas verstörend an den obengenannten Film der Coen-Brüder erinnert, erobert er bald die Herzen der Zuschauerinnen im Sturm, während die Männer ihm Respekt für sein geradliniges, erfolgsorientiertes und vor allem schonungslos offenherziges Auftreten gegenüber Frauen zollen müssen - das obendrein noch mit Erfolg gekrönt ist.

Regisseur Woody Allen, 73 Jahre jung, zeigt in seiner 43. Regiearbeit, dass seine Fähigkeiten noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Die absolut mustergültige Dramaturgie seines Drehbuchs sollte jedem Drehbuchaspiranten zum Pflichtprogramm erklärt werden. Dass er einen Teil der Filmhandlung ausgerechnet im spanischen Oviedo angelegt hat, hat möglicherweise damit zu tun, dass er dort 2002 den Prinz-von-Asturien-Preis für künstlerisches Schaffen erhalten hat, wo seither auch noch eine lebensgroße Statue von ihm steht.

Allens Film ist perfekt getaktet und inszeniert sowie nahezu perfekt gespielt. Wer einst liebte, derzeit liebt oder noch zu lieben hofft, sollte sich in diesem Film über die vielfältigen feineren Spielarten der Zu- und Abneigung zwischen Menschen klarwerden. Tränen werden nicht nötig sein, Anlässe zum Lachen und Schmunzeln gibt es genug, und das allzu menschliche in jedem einzelnen von uns wird sicher wenigstens einmal berührt. Ein Film zum Zusammenkommen, aber auch zum wieder Vertragen, für Singles und Paare, für Jung, Alt und ganz Alt, und ganz unbedingt für den ersten bis fünften Frühling.



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