Es gibt wohl Ex-Knackis, aber keine Ex-Mörder. Dieses Verbrechen lastet dem Täter ein Leben lang an. Selbst wenn es gelingt, der Stigmatisierung durch die Öffentlichkeit zu entgehen, bleibt immer noch das eigene Gewissen. Jack hat gebüßt, 14 Jahre lang. Als
10-jähriger beging er gemeinsam mit einem anderen Jungen einen Mord an einem Mädchen. Sein damaliger Freund überlebte die Haft nicht, er schon und muss sich jetzt in der unvertrauten Freiheit zurechtfinden. Eindringliches, aber schwierig inszeniertes Drama, um das Leben mit einer schweren Schuld und Illusion der zweiten Chance.
Jack heißt nun Eric (Andrew Garfield), hat eine neue Identität und einen Bewährungshelfer. Terry (Peter Mullan) glaubt an die zweite Chance im Leben und vertraut darauf, dass Eric sich geändert hat und wieder einen Platz in der menschlichen Gesellschaft verdient. Er sieht sich selbst mehr in der Rolle des väterlichen Freundes, als des Aufpassers und entwickelt zu Eric schnell ein intensiveres Verhältnis als zu seinem eigenen Sohn. Terry organisiert eine Wohnung für Eric und hilft ihm sogar einen Job als Lagerarbeiter in einem Logistikunternehmen zu bekommen.
In den 14 Jahren der Haft ist bei Eric einiges auf der Strecke geblieben: Ein Stückweit ist er immer noch der ängstliche, verschüchterte und von Zweifeln geplagte 10-jährige Junge. Mit einer Mischung aus fragilem Lebensmut und naivem Vorantasten findet Eric Schritt für Schritt in eine Normalität zurück: Er freundet sich mit seinem Arbeitskollegen Chris (Shaun Evans) an, hängt zum ersten Mal in einem Club ab und sammelt seine ersten Erfahrungen mit Frauen. Besonders die in derselben Firma wie er beschäftigte Michelle (Katie Lyons) hat es ihm angetan. Auch sie findet ihn anziehend. Erics Zukunft steht und fällt mit der Wahrung seines Geheimnisses, das hat ihm Terry immer wieder eingebläut. Die intime Nähe zu Michelle stellt sein Schweigen aber auf eine harte Probe. Sollte irgendwie herauskommen, wer er ist und was er einstmals getan hat, droht ihm eine mediale Hatz und die völlige soziale Ausgrenzung.
Boy A ist die filmische Adaption von Jonathan Trigells gleichnamigen Roman, der wiederum auf einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1993 basiert. Diese Geschichte, die sich weniger mit der Tat oder der Schuld an sich befasst, sondern mit dem Danach und der Chance auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft, nötigt dem Zuschauer einiges an Geduld ab: So schüchtern wie der brillant aufspielende Hauptdarsteller tastet sich die Handlung voran. Und trotz langsamen Erzählstils, vielen Closeups und eher unaufgeregter szenischer Umsetzung kommt der Film gut um Längen herum.
Es ist die Frage nach der zweiten Chance. Wer verdient sie, wer nicht und wer hat das Recht dieses zu bestimmen? Unsere Gesellschaft hat ganz eindeutig den Mord an einem Menschen als das schwerste Verbrechen, welches möglich ist, geächtet. Ein Mörder kann gar nicht genug dafür büssen. Nichts was er tun kann, wird seine Tat wiedergutmachen. Und trotzdem glaubt unsere Gesellschaft an die Rehabilitierung und die zweite Chance. Dass diese Geschichte nun zufälligerweise in England angesiedelt ist, ändert nichts daran, da dort ein vergleichbares, uns verwandtes, rechtstaatliches System herrscht.
Die Perspektive der Erzählung ist die des Täters. Als Kind verurteilt, verbüßte Eric seine Strafe und kehrt als Erwachsener in eine Freiheit und ein Leben zurück, das er gar nicht kennen kann. Dass er sich unbeholfen wie ein Kind in der großen weiten Welt verhält, verwundert nicht. Schon mit der Bestellung einer Pizza ist er völlig überfordert. Allein das Gefühl, die Wahl aus einem Dutzend oder mehr Varianten zu haben, lässt ihn entscheidungsunfähig werden. Ihm zur Seite der väterliche Bewehrungshelfer. Dessen Motiv für die starke Annäherung an seinen Schützling erklärt sich durch die verkorkste Beziehung zum eigenen Sohn; was einen interessanten Nebenplot einbaut, aber auch etwas schematisch wirkt.
Für mehr Irritation sorgt die Rückblendenstruktur, mit der gearbeitet wird. Sie erschwert den Zugang zum Täter und dessen Tat; wird hier gewissermaßen über die "chronologische Bande" gespielt. Lose und fragmentarisch setzt sich so die Charakterisierung des Täters als Kind zusammen und ebenso flüchtig bildet sich die Vergangenheit ab. Das macht ein Verstehen nicht einfacher. Gleiches gilt für einige Motive, die zur Verdeutlichung bestimmter Aspekte später eingebaut werden. Vor allem scheint die Intention mit Macht darauf hinzuarbeiten, aufzeigen zu wollen, dass keine Tat, weder seine Strafe abzubüssen oder gar ein Leben zu retten, dem Mörder in der öffentlichen Wahrnehmung Verzeihung bringt.
Arbeitet der Film sonst sehr subtil, wirkt diese Wendung etwas gekünstelt. Hingegen uneingeschränkt glaubhaft ist die Hauptfigur: immer noch kindlich naiv umherirrend, suchend, hoffend, gefangen in der Tat und in der Vergangenheit, stolpert sie einem nicht unbedingt vorgezeichneten, aber mitunter unausweichlichen Finale entgegen. Das mag nicht völlig unabsehbar sein, überrascht aber abermals in der Konsequenz. Boy A präsentiert sich unterm Strich als subtil und eindringlich inszeniertes Drama, das zwar nicht rundherum uneingeschränkt überzeugt, aber über weite Strecken sehr intelligent und einfühlsam agiert. Und das ohne Zuhilfenahme des ausgesteckten Zeigefingers erreicht, dass trotz der schwere und Unentschuldbarkeit der Tat, sich auch das kollektive Verhalten von Medien und Gesellschaft einige unangenehme Fragen gefallen lassen muss. Guter Film, der zum Denken anstößt.