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Wolke Neun

(Wolke Neun, 2008)

Dt.Start: 04. September 2008 Premiere: 17. Mai 2008 (Cannes Film Festival, Frankreich)
FSK: nicht bekannt Genre: Drama, Romanze
Länge: 98 min Land: Deutschland
Darsteller: Ursula Werner (Inge), Horst Rehberg (Werner), Horst Westphal (Karl), Steffi Kühnert (Petra)
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Andreas Dresen, Jörg Hauschild


Inhalt

Nach dreißig Jahren Ehe trifft die mittlerweile auch schon bald 70-Jährige Inge auf den noch älteren Karl. Zwischen den beiden entbrennt ein Feuer der Leidenschaft, wie Inge es mit ihrem Ehemann Werner schon lange nicht mehr erlebt hat. Hin und her gerissen von ihren Gefühlen nähert sie sich Karl immer mehr an, bis Werner seine Konsequenzen daraus zieht...
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Kritik

Wolke Neun hat eine Wertung von 70%
Eine Mittsechzigerin lässt sich auf eine intensive Affäre mit einem zehn Jahre älteren Mann ein und lebt ihre Verliebtheit voll aus. Allerdings verletzt sie damit ihren Ehemann und riskiert ihre 30 Jahre lange Ehe. Auch ihre Tochter kann das "unreife" Verhalten ihrer Mutter nicht verstehen. Andreas Dresen erzählt in gewohnt nüchternen und mutigen Aufnahmen von Sehnsüchten, Liebe und Sex im Alter. Konsequenzen inbegriffen.

Bild aus Wolke Neun Deutschland im Sommer: die Mittsechzigerin Inge (Ursula Werner), seit 30 Jahren glücklich mit Werner (Horst Rehberg) verheiratet, hat für den 76-jährigen Karl (Horst Westphal) eine Hose geändert und bringt ihm das Resultat sogar nach Hause. Nicht ohne Hintergedanken, denn kaum stehen die beiden im Wohnzimmer, fallen sie übereinander her und lieben sich hemmungslos.

Was unter jungen Menschen sofort als wilde Leidenschaft erkannt wird, gerät in dem ungewohnten Moment, da es sich um alte Menschen handelt, zur wohl gezielten Provokation. Der deutsche Filmemacher Andreas Dresen ist ein Meister der Irritierungen und pflegt diese mit seinem ökonomischen wie nüchternen Regiestil (großartige Kamera: Michael Hammon). Dennoch erzählt er zunächst nicht mehr als eine leidenschaftliche Affäre, die in Liebe auszubrechen droht. Ungehemmt und gedankenlos wie ein Teenager lebt Schneiderin Inge ihre Lust und ihr Glück vor einem gutbürgerlichen Hintergrund aus 3-Zimmer-Stadtwohnung und Radeltouren im Grünen aus. Die erwachsene Tochter Petra (Steffi Kühnert) ist von den Schmetterlingen in Inges Bauch ebenso geschockt wie Ehemann Werner, dessen routinereicher Alltag plötzlich wie ein ICE bei voller Fahrt entgleist. Bis eben wähnte er sich noch im gemeinsamen, lebenslangen Glück, das erfolgreich Liebe, Freundschaft und Partnerschaft miteinander verbindet. Nun ringt er ungläubig mit den Geschehnissen - nicht einmal sein scharfer Intellekt kann die Veränderung begreifen.

Hier verwandelt sich Wolke Neun in ein düsteres Gewitter und beginnt sich von anderen Liebesdramen zu unterscheiden. Anders als bei den Jungen, Schönen, Reichen und Erfolgreichen zieht das Zerwühlen der Laken hier ungleich größere Konsequenzen nach sich, wenn sich das Zerbrechen einer Beziehung gleich auf eine ganze Lebensgeschichte auswirkt. Die plötzliche Leidenschaft der braven Ehefrau erschüttert die Grundfesten ihrer Beziehung. Sie stellt das Gewesene wie bei jeder anderen Krise in Frage. Doch das sind in diesem Falle eben nicht ein paar Monate oder Jahre sondern gleich Jahrzehnte, ein gemeinsames Leben, das bis dahin scheinbar problemlos verlaufen war. Behutsam baut Dresen sein Beziehungsmodell auf, zeigt Rituale und Dominanzen des Ehelebens, argumentiert für den einen wie den anderen, ohne sich in Schuldzuweisungen zu ergehen. Allerdings bietet Dresen keine Lösung an. Lange jongliert er mit verschiedenen Optionen wie Trennung oder Verzicht. Egal, wie sich Inge entscheidet, sie muss jemandem wehtun und damit auch sich selbst, womit die Regel bestätigt wird, dass Leidenschaft eben Leiden schafft.

Wie schon bei seinen Erfolgen Halbe Treppe oder Sommer vorm Balkon bleibt Dresen ein kühler Beobachter, der das Geschehen quasi dokumentiert, damit die Zuschauer sich ihre eigenen Gedanken machen können. Seine inszenatorische Meisterschaft demonstriert er, wenn er der großartigen Ursula Werner körperlich und emotional alles abverlangt, um mit ungewohnten nackten Tatsachen das Publikum zu irritieren und schließlich zu verführen. Die anfängliche Sex-Provokation habitualisiert er im weiteren Verlauf durch eine dezentere Inszenierung.

Dresens einfühlsame Erörterung wendet sich an kein bestimmtes Alter, sondern letztlich an alle, die in einer Beziehung leben. Damit erteilt sein Wolke Neun allenfalls gesellschaftlichen Klischees von der Ruhe und Gelassenheit des Alters eine Absage und postuliert das Recht auf Leidenschaft unabhängig vom Lebensalter. Allerdings warnt er auch vor der unterschiedlichen Schwere der Konsequenzen. Dafür wurde Wolke Neun in Cannes mit dem "Coup de Coeur" ausgezeichnet.

von Harald Witz


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Dt. Start: 11. März 2004
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