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10 Sekunden

(10 Sekunden, 2008)

Dt.Start: 02. Oktober 2008 Premiere: 2. Oktober 2008 (Deutschland)
FSK: ab 12 Genre: Drama
Länge: 89 min Land: Deutschland
Darsteller: Marie Bäumer (Franziska), Sebastian Blomberg (Harald), Filip Peeters (Erik), Hannah Herzsprung (Daniela), Anna Loos (Svenja), Wolfram Koch (Markus), Harald Schrott (Clemens)
Regie: Nicolai Rohde
Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner, Sven Poser, Nicolai Rohde


Inhalt

Ein Flugzeugunglück zieht schwere Folgen nach sich. Der Fluglotse macht sich für den Tod von mehr als 80 Menschen verantwortlich. Seine Frau Franziska hält die Enge in ihrer Ehe nicht mehr aus und beginnt eine Affäre. Polizist Harald hat am Ort des Geschehens gearbeitet und wird fortan von Albträumen geplagt. Erik hat Frau und Kind bei dem Unglück verloren und kann seinen Schmerz auch mit der hübschen und lebensfrohen Daniela nicht hinter sich lassen. Alle versuchen sie die Folgen der tragischen 10 Sekunden zu verarbeiten, doch ganz unbemerkt steuern sie auf die nächste Katastrophe zu.
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Durchschnittliche Redaktionswertung

10 Sekunden hat eine durchschnittliche Redaktionswertung von 60%
Keine weitere Wertung

Kritik

von Dimitrios Athanassiou
10 Sekunden hat eine Wertung von 60%
Sicherheit ist manchmal nicht mehr als eine flüchtige Illusion. Ein Augenblick der Unachtsamkeit, und die Tragödie nimmt ihren Lauf: Zwei Flugzeuge kollidieren 2002 über dem Bodensee - dem Fluglotsen wird damals große Schuld zugesprochen. Inspiriert von dieser Geschichte bewegt sich 10 Sekunden auf den Zeitlinien verschiedener Menschen, deren Leben miteinander, und in irgendeiner Form mit solch einem Drama, verwoben sind. Ein Jahr ist seit einer Flugzeugkatastrophe vergangen und wie außer Kontrolle geratene Boliden raßen die Schicksale dreier Personen aufeinander zu, die nächste Katastrophe vorauszeichnend. Verwirrend und intensiv, aber auch bleiern und anstrengend. Wenn deutsche Filmemacher versuchen großes Gefühlskino zu inszenieren, scheitern sie nicht selten an der Großartigkeit ihrer Vision oder zerbröseln vieles durch Motive, die zwanghaft und prosaisch als funktionaler Klebstoff zur Lösung beitragen müssen.

Bild aus 10 Sekunden Es klingelt, Franziskas (Marie Bäumer) Mann Markus (Wolfram Koch) will öffnen. Plötzlich fallen Schüsse: Franziska eilt zur Tür, Markus liegt leblos am Boden, vor der Haustür steht ein großer dunkel gekleideter Mann, der eine Waffe in der Hand hält. Beide blicken sich wie erstarrt an, dann wankt der Unbekannte langsam, wie in Trance davon. Unaufhaltsam lief die Geschichte auf diesen Zwischenhöhepunkt zu. Die Schicksale dieser Menschen kollidieren wie zwei Leuchtpunkte, die sich auf dem Fluglotsenschirm unaufhaltsam, endlose zehn Sekunden aufeinander zu bewegten, bis sie, bevor sie ganz verschwanden, zu einem einzigen Lichtblitz verschmolzen.

Der Jahrestag des Unglücks nähert sich. 83 Menschen sind damals gestorben. Polizist Harald (Sebastian Kirchschläger) war einer der ersten an der Unglückstelle: Überall Chaos, brennende Trümmerteile, hilflos im nächtlichen Wald umherirrende Rettungsmannschaften. Unvermittelt taucht ein Mann auf, stolpert durch die Trümmer, ruft immer wieder einen Namen. Harald versucht ihn halbherzig aufzuhalten. Der Unbekannte nähert sich einem aus dem Wrack katapultierten Sitz. Immer noch angeschnallt, hängt der erschlaffte Körper einer Frau darin. Er ruft immer wieder ihren Namen - sie kann ihn nicht mehr hören. Harald hält den Unbekannten fest, umarmt ihn, versucht ihm Halt zu geben. Sie können nichts tun, sie können nichts tun. Sagt er ihm immer wieder.

Wie die Scherben eines zerschlagenen Spiegels. Mehr noch: Wie die Scherben mehrerer kleiner Spiegel, die einstmals zu einem größeren zusammengesetzt waren. Auf verschiedenen, sich gelegentlich berührenden, Zeitlinien reisen die Charaktere einem kathartischen Finale entgegen: Erik (Filip Peetern), der seine Frau und die gemeinsame Tochter beim Flugzeugabsturz verlor und nun auf einen Mord zusteuert. Harald der Polizist, der diesen nicht verhindern kann und den fortan das Gesicht des Täters überallhin verfolgt. Der Fluglotse Markus, der seit dem Unglück vor einem Jahr nicht mehr gearbeitet hat, emotional nahezu abgestorben ist und Tag für Tag die Entscheidung erwartet, ob ihm die volle Schuld oder "lediglich" eine Teilschuld zugesprochen wird. Seine Ehe mit Franziska ist durch diese Krise längst auf dem Gefrierpunkt angelangt. Zum "Ausgleich" holt sich Franziska ein wenig vergnügliche Leichtigkeit in einer Affäre mit Clemens (Harald Schrott) zurück.

Zu prosaisch, zwar einleuchtend zwangsläufig und vielleicht notwendig, um die Figur der Ehefrau des Lotsen charakterlich schärfer zu zeichnen, aber störend banal im sonst kongenial verschachtelten Plot. Manches ist schon passiert, manches wird noch passieren - und manches schlichtweg unausweichlich. Es kommt nur auf die Zeitlinie und jeweilige Perspektive an. Das strengt an, ist kein Erzählstil der sich durch seine Leichtigkeit auszeichnet, kann sogar bleischwer aufs Gemüt drücken. Dazu Tempiwechsel, hektischer Schnitt. Wie die Innenleben der Akteure, wechseln sich ruhigere Sequenzen mit beinahe manischen ab. Ein wenig wie eine antike griechische Tragödie, in zeitlich sich überlappenden Akten, mit nicht genau absehbarem Finale.

Eines haben die Figuren gemeinsam: Der Bewältigungsprozess liegt bereits hinter ihnen. Gleichwohl ob mehr oder weniger erfolgreich verlaufen. Jetzt gilt es einen Neuanfang zu suchen, der schockierender Weise nur mittels mehr Unglück möglich sein soll. Das entschlüsselt sich nicht ohne weiteres, wirkt aber, dank einigen überzeugenden schauspielerischen Leistungen, in seiner Zwangsläufigkeit glaubwürdig. Hervorzuheben sind vor allem Marie Bäumer und Harald Kirchschläger sowie Hannah Herzsprung als Leipziger Nachtmuse Daniela, die einen kurzen Auftritt als Prinzip Hoffnung hat und in einer zum Verlieben einladenden Performance versucht, den von seinen inneren Dämonen getriebenen Erik zu befreien, in ihrer "Gretchenfunktion" aber am Nachhall der Tragödie scheitern muss. Deutsches Kino mit visionärer Kreativität, das sich an einigen Stellen selbst ein Beinchen stellt. Wenn man schon auszieht, die erzählerischen Konventionen zu sprengen, zeitliche Parameter mit Raffinesse auszuhebeln und den gebannten Zuschauer auf die Gefühlsachterbahn mitzunehmen, dann sollte man konsequenterweise die Finger vom gewohnten Szenenkitt und dramaturgischem Klebstoff lassen. Aber dennoch Chapeau vor dem Einfallsreichtum dieser Produktion - mehr davon.



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