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Die handwerklich solide, hervorragend gespielte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Thomas Mann begeistert auch 107 Jahre nach dessen Erscheinen die kulturbewussten Zuschauer. Natürlich kann dem Roman im Film nicht Rechnung getragen werden, doch als eigenständiges Werk beeindruckt der über drei Generationen einer Patrizierfamilie reichende Handlungsbogen auch ohne Kenntnis des Romans.
Über drei Generationen zieht sich die mehr als berühmte Geschichte der Kaufmannsfamilie Buddenbrook aus Lübeck. Vater Jean führt den Getreidehandel mit eiserner Hand, Mutter Bethsy zieht die Kinder Thomas, Christian und Tony auf. Der Film beginnt mit einem harmlosen Leiterwagenrennen der Kinder gegen die Kinder einer anderen Patrizierfamilie, nach einem Zeitsprung setzt sich die Handlung aus der Sicht der nun erwachsenen Kinder fort.
Vater Jean übergibt das Geschäft, den Getreidehandel, an seinen Sohn Thomas, während Lebemann Christian pro forma eine Filiale in einer anderen Stadt betreibt und immer wieder aufs neue mit Vorschüssen und Zuschüssen unterstützt werden muss. Tochter Tony hat das schlimmste Los gezogen: Als Frau muss sie den vertrockneten Direktiven ihrer stockkonservativen Eltern folgen, sie soll gewinnbringend verheiratet werden. Doch in einer Zeit, in der erste Anzeichen der Emanzipation bereits zu spüren sind, lässt sich die junge Frau nicht mehr verschachern wie ein Stück Vieh. Es kommt zum Bruch in der Familie durch die Generationen, da nur Thomas den alten Maximen der Eltern folgt und der Rest der Familie sich mehr nach dem am fernen Horizont dämmernden 20. Jahrhundert orientiert.
"Buddenbrooks - Verfall einer Familie" war das Romandebüt des Schriftstellers Thomas Mann und erschien 1901, Mann erhielt dafür 1929 den Literaturnobelpreis. Im Dritten Reich wurden die Werke Manns geächtet, nachdem dieser sich gegen das Regime ausgesprochen hatte.
Die vorliegende vierte Verfilmung des Romans zeichnet sich vornehmlich durch die opulenten Bilder aus: Das Buddenbrook-Haus in Lübeck, in dem einst die Großeltern Manns lebten, ist zentraler Dreh- und Angelpunkt des Romans, des Films, aber auch des Lebens von Thomas Mann. Es wurde, wie weite Teile des zum Glück noch halbwegs unverbauten Lübeck, für den Dreh verwendet, lediglich die Innenaufnahmen wurden in einem Kölner Studio gedreht.
Armin Mueller-Stahl als Konsul Jean Buddenbrook liefert eine gewohnt hervorragende Leistung ab, seinem Spiel wohnen die stocksteife Biederkeit und der aufgeblähte Stolz der vergangenen Jahrhunderte inne. Jessica Schwarz, die seine Tochter Tony spielt, übrigens die heimliche Hauptfigur sowohl des Romans als auch des Films, ist sich der Wichtigkeit ihrer Rolle bewusst. Während ihr Bruder Thomas sich nicht aus der Konservativität befreien will und kann und Christian keine Grenzen zu kennen scheint, ist die Figur der Tony zwischen diesen Welten hin- und hergerissen. Jessica Schwarz vermittelt diese innere Unruhe und Zerrissenheit ganz hervorragend.
August Diehl spielt den hauptsächlich auf Zerstreuung orientierten Christian Buddenbrook, der sich auch mal mit Leuten unterhalb des Standes der Familie einlässt, und nicht nur dadurch das Sorgenkind der Familie ist. Dabei lebt seine Figur, ganz wie Oscar Wilde, einfach anderthalb Jahrhunderte zu früh. Diehl hat das große Glück ein von Haus aus leicht verschmitztes Aussehen zu besitzen und ist daher für diese Rolle wie maßgeschneidert. Allerdings kommt seine Figur im Film eher wenig zum Zug, da es ihn bald in die weite Welt zieht, er nutzt die Auftritte jedoch, um die Figur ganz auszufüllen.
Mark Waschke muss den jungen, aber dennoch stocksteifen Thomas Buddenbrook spielen, was sicherlich eine anspruchsvolle Aufgabe war. Auf den Schultern seiner Figur ruht die Rahmenhandlung, und an ihm orientieren sich ab einem gewissen Zeitpunkt sämtliche Handlungsabläufe. Die einzige Szene, in der Thomas Buddenbrook wirklich emotional wird, spielt eine kurze Weile nach seinem Besuch beim Zahnarzt.
Stille Größe der Familie ist Konsulin Bethsy Buddenbrook, gespielt von Iris Berben. Die Frau und Mutter des Hauses fügt sich ganz in ihre passive Rolle und kümmert sich ausschließlich um Soziales, die Kinder und das Haus. Den Zusammenhalt, den die Familie durch diese Figur erfahren hat, bemerkt man erst nach deren Tod.
Regisseur Heinrich Breloer, dessen Lebensgeschichte rudimentäre Ähnlichkeiten zur Handlung aufweist und der als Mann-Kenner gilt, gibt sich alle Mühe, der Romanvorlage gerecht zu werden. Der gesamte Film zeugt in jedem Detail von dieser Mühe und ist ein Beweis dafür, dass mit genug Hingabe hierzulande wirklich international konkurrenzfähiges Kino entstehen kann.
Den Film mit dem Buch zu vergleichen, kann nur in einer schlechten Bewertung enden, weil Lese-Erlebnisse nicht über eine Leinwand vermittelt werden können. Die Buddenbrooks in der vorliegenden Verfilmung ist ein solides, aufwändiges Dynastien-Epos, angesiedelt in einer längst vergangenen Epoche. Unter den Familiengeschichten und den Historienfilmen hat er seine absolute Berechtigung. Doch ist Die Buddenbrooks keinesfalls ein derartiger Jahrhundertfilm wie es der Roman damals als Buch war.
Zu empfehlen ist der Film für alle, die einen Überblick gewinnen wollen, worum es in dem Buch überhaupt geht, bevor sie es zu lesen versuchen, und für Fans der Schauspieler natürlich. Für Anhänger des deutschen Kinos ist er eine Pflichtveranstaltung, aber für Mann-Fans ist er mit Vorsicht zu genießen. Denn diese Gruppe wird sicherlich haufenweise Unterschiede zum unantastbaren Buch entdecken und nicht mögen. |