Ein Blick auf die Jugendkultur der Gegenwart, kondensiert auf die Erlebnisse einer wilden Nacht in New York: Obwohl dem Zuschauer klar ist, dass die Ereignisse gerafft sein müssen, um in so einen engen Rahmen zu passen, überrascht die Dichte der zumeist absolut überflüssigen Erlebnisse dann doch. Den guten Ansätzen und profundem dramaturgischen Kapital des Films wurde leider in keiner Form Rechnung getragen.
Die Liebesnöte der Mauerblümchen beiderlei Geschlechts im heutigen New York sind das Kernthema der Geschichte: Außenseiter Nick wurde gerade von seiner Freundin Tris verlassen und ist entsprechend deprimiert, Norah ist irgendwie mit Tris befreundet, hat Nick aber noch nie zu Gesicht bekommen. Sie ist auch gerade Single, zumindest beinahe, und hatte außerdem noch nie einen Orgasmus. Da trifft es sich schlecht, als sie auf einem Konzert Tris gegenüber die Notlüge aufstellt, sehr wohl gerade eine gesunde Beziehung zu haben: Dort hinten steht er, Moment. Sie greift sich den ahnungslosen Nick, der zufällig in der Nähe herumsteht, beschwört ihn kurz, mitzuspielen und küsst ihn innig. Dass Norah nun angeblich mit ausgerechnet Tris' Exfreund zusammen ist, weckt in der die Eifersucht, und so versucht sie, Nick doch noch zurück zu bekommen.
Die Handlung spielt in einer einzigen Nacht in New York, und alle wollen auf das Konzert von "Where's Fluffy", einer hippen Underground-Band, die den jeweiligen Ort ihres nächsten Konzerts nur mit sporadischen Hinweisen bekannt gibt. Während dieser nächtlichen Schnitzeljagd durch New York kommen sich Nick und Norah tatsächlich näher, obwohl Tris sogar in Anwesenheit ihres neuen Lovers versucht, Nick wieder zurück zu gewinnen.
Nick & Norah hätte eine stimmungsvolle Hommage an längst vergangene Teenagerjahre werden können, an die Stadt New York, an die Musik und an die unbändige Begeisterungsfähigkeit, die in jungen Knochen steckt. Doch leider ist der Film eine offenbar nur allzu realistische Wiedergabe der aktuellen Jugendkultur geworden. Liegt in den Figuren des scheuen Nick und der eigenwilligen Norah noch ein gewisses Kultpotential, das ein ganz klein wenig an Harold und Maude zu erinnern vermag, zerstören die beiden dieses im Lauf des Films selbst, während die Nebenfiguren sowieso zum größten Teil indiskutabel peinlich sind: Sex beim ersten Date? Sollte eigentlich undenkbar sein, auch im 21. Jahrhundert. Erster Orgasmus beim ersten Versuch, und das innerhalb von Sekunden, ohne sich dabei wenigstens die Hose auszuziehen? Nicht wirklich. Und wenn doch, dann garantiert keine besonders romantische Erinnerung.
Die Verführungsversuche von Tris jedoch bringen das Grundproblem des Films viel deutlicher zum Ausdruck: Highschool-Absolventen sind in den USA ungefähr 17 Jahre alt, die Handlung spielt im letzten Schuljahr. Sitzt man im Kino und sieht einem 17-jährigen Mädchen dabei zu, wie sie einen 17-jährigen Jungen mit offenbar schon jahrelang in Fleisch und Blut übergegangenen lasziven Verrenkungen und erotischen Versprechungen zu becircen versucht, aber noch nichtmal einen richtigen Busen hat, fühlt sich jeder über 20 mit halbwegs untadeliger Liebesvergangenheit unwillentlich als Pädophiler. Im Film wird Promiskuität und Sex ab dem frühestmöglichen Zeitpunkt jedoch geradezu propagiert. Die Figuren sind keine jungen Erwachsenen, die ihre Nöte und eben auch ein Liebesleben haben, sondern sie sind Opfer der Glitter- und Glamour-Welle, in der jeder VIP sein will und natürlich seinen Körper benutzt, um im Leben weiterzukommen. Von echter Liebe keine Spur, gezeigt werden hier nur angeblich aktuelle Konventionen und gesellschaftliche Sollwerte, die letztlich jedoch nur den Absatz vom Klingelton bis zur Pille unter dem Schein-Motto "Tu, was Du willst" propagieren.
Auch die anderen Aspekte der anwesenden Figuren werden mit der Holzhammermethode vermittelt: Die schwule Band, deren einziges Hetero-Mitglied Nick ist, sucht einen neuen Namen. Entsprechend pubertär-deftig sind die analfixierten Vorschläge, die immer wieder zur Sprache gebracht werden. Ein jeder hat sich sicherlich schon mal nach irgendeinem Alkoholexzess übergeben müssen, doch hier wird das üble Erlebnis nicht nur im Detail gezeigt, nein, die Trinkerin nimmt auch einen mit ausgekotzten Kaugummi wieder in den Mund. Dieser Kaugummi dreht in Folge die Runde durch die Münder fast aller Figuren im Film. Was bitte soll das? Hier besteht eigentlich kein Unterschied mehr zur Friday-Reihe, wo jemand in einem der Teile den ganzen Film über Hundekot am Rücken kleben hat. Haha, wie lustig.
Nick & Norah hatte von der Idee her das dramatische Potential von Der Eissturm, Vergiss mein nicht! Brick oder Juno, doch reizte Regisseur Peter Sollett die Möglichkeiten bei weitem nicht aus. Stattdessen warf er seine hübsch ausgefeilten Hauptfiguren in den Mixer und schüttete jede Menge Brocken banalster Soap-Bausteine und ähnlicher Gefälligkeiten hinzu, was im Endprodukt nur noch Spuren von Individualität erkennbar lässt. Wirklich schade.