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Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra

(Gomorra, 2008)

Dt.Start: 11. September 2008 Premiere: 16. Mai 2008 (Italien)
FSK: ab 16 Genre: Drama
Länge: 136 min Land: Italien
Darsteller: Salvatore Abruzzese (Toto), Simone Sacchettino (Simone), Salvatore Ruocco (Boxer), Vincenzo Fabricino (Pitbull), Gaetano Altamura (Gaetano), Italo Renda (Italo), Gianfelice Imparato (Don Ciro), Maria Nazionale (Maria), Toni Servillo (Franco), Carmine Paternoster (Roberto), Salvatore Cantalupo (Pasquale), Marco Macor (Marco), Ciro Petrone (Ciro)
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Maurizio Braucci, Matteo Garrone, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano, Gianni Di Gregorio


Inhalt

In und um Neapel herrscht die Camorra. Von Drogenhandel, über Geschäfte mit Giftmüll bis hin zu Kämpfen zwischen den einzelnen Familien, steht alles auf der Tagesordnung der Beteiligten. In fünf Episoden werden die Geschichten einzelner Personen erzählt, die auf unterschiedliche Weise mit der Camorra in Verbindung stehen.
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Kritik

Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra hat eine Wertung von 80%
Nach dem Sachbuch-Bestseller von Roberto Saviano inszeniert Matteo Garrone ein kühles und unerbittliches Porträt der süditalienischen Verbrecher-Organisation. Jenseits der cineastischen Mafia-Klischees dringt Garrone tief in den Alltag der sozialen Niederungen ein und demonstriert in fünf ineinander verschlungenen Geschichten die Durchdringung der Gesellschaft: ein 13-Jähriger Laufbursche, ein Geldbote, zwei Möchtegern-Mafiosi, ein untreuer Schneider und ein Immobilienhai, der mit Giftmüll-Deponien Geld scheffelt. Ein erschütterndes Drama, dem zur Abrundung der italienischen Verhältnisse nur noch das Polit-Porträt Andreotti fehlt.

Bild aus Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra Nein, einen Vito Corleone alias Marlon Brando sucht man in Matteo Garrones nüchternem Porträt des organisierten Verbrechens in Neapel vergeblich. In der heruntergekommenen, architektonischen Bausünde des neapolitanischen Vorortes Scampia ist kein Platz für Glamour und Eleganz reicher Unterwelt-Bosse. Hier leben die kleinen Leute, die Arbeiter, die sozial Benachteiligten und Außenseiter. Hier findet die süditalienische Variante der sizilianischen Mafia, die Camorra, besten Untergrund für ihre Aktivitäten. Hier sichert sie sich eine unbedingte Gefolgschaft, denn die Verbrecherorganisation bietet mit ihren finanziellen Unterstützungen den Leuten oftmals die einzige Chance auf Überleben. Der Staat ist fern, selbst die Polizei traut sich nur am Tage ins verwinkelte Wohnlabyrinth, das wie eine Trutzburg gegen das bürgerliche Establishment wirkt.

Nach dem Sachbuch-Bestseller von Roberto Saviano inszeniert Garrone hier seine elegant verwickelte Geschichte, die verschiedene Figuren aus dem kriminellen Umfeld in ihren Mittelpunkt stellt. Schon der mörderische Prolog in einem Sonnenstudio findet seine Vorbilder nicht in amerikanischen Filmen sondern im Hongkong-Kino eines frühen Johnnie To, wo kleine Bosse ganz unten in der Hierarchie des Clans ihren Unterhalt mit brutaler Einfachheit verdienen. Hier in Scampia droht einmal mehr ein Bandenkrieg ohne Fronten und Gnade. Wer nicht für den Clan ist, ist gegen ihn, Neutralität gibt es nicht.

Deshalb muss sich auch der 13-Jährige Toto (Salvatore Abruzzese) entscheiden, ob er das Aufnahmeritual machen soll oder nicht. Er tätigt die Einkäufe für Leute, die nicht aus der Wohnung können oder wollen, für Alte oder jene Frau, die glaubt, auf einer Todesliste zu stehen. Nach seiner Mutprobe in einer Höhle, wo ihm der Boss eine Kugel in die schusssichere Weste jagt, dürfte seine Karriere ähnlich verlaufen wie die der halbstarken Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone). Die fühlen sich für höhere Aufgaben berufen und glauben, den alten Säcken maßlos überlegen zu sein. Allerdings halten sie sich nicht an die ungeschriebenen Regeln, als sie ihr Können bei wilden Überfällen demonstrieren. So stören sie die Ordnung und verärgern die schweren Jungs. Da gilt es, ein Exempel zu statuieren.

In diesem hitzigen Klima der Angst muss ein Geldbote den Familien von inhaftierten oder ermordeten Camorra-Mitgliedern jeden Monat mit kleinen Geldsummen versorgen. Er weiß, dass er in einem offenen Bandenkrieg ein wichtiges Ziel wäre. Gleichzeitig eröffnet sich einem Schneider in einer nahe gelegenen Fabrik, die sich auf Haute Couture-Plagiate spezialisiert hat, die Möglichkeit, sich durch Unterricht von allen Geldsorgen zu befreien. Er soll nach Feierabend die Angestellten in einer anderen illegalen Schneiderei anlernen. Allerdings ist dies eine Fabrik der konkurrierenden Chinesen. Und zu guter Letzt ist da noch ein Geschäftsmann, der einen harmlosen Akademiker zum Assistenten ausbilden will. Gemeinsam fahren sie durch die Provinz, um Land zu kaufen und Deals mit Mülldeponien auszuhandeln, wo er illegal Giftmüll einlagern will.

5 ineinander verschlungene Episoden führen ein in die komplexe Existenz der Camorra, die wie eine Krake alle Bereiche des Lebens und der Menschen in ihrem Raum beherrscht. Garrone und Saviano stellen klar, dass gerade in den untersten Chargen zwischen Opfer und Tätern kein Unterschied besteht und das Verbrechen Ausdruck ihres Überlebenskampfes ist. Macht und Ohnmacht liegen hier ebenso nahe zusammen wie Freundschaft und Feindschaft. Die Grenzen verlaufen quer durch Familien. Über allem thront die Camorra, die erbarmungslos jede Schwäche tilgt und keine Gnade kennt.

Die schmerzhafte Nüchternheit von Garrones Erzählung treibt das spannungsgeladene Thrillerdrama in die Nähe einer ausweglosen Tragödie. Doch er vermag nicht den Stab über die Figuren zu brechen. Er sieht sie vielmehr als Geschöpfe ohne Optionen, die sich an die Gegebenheiten anpassen müssen, um zu überleben. Ein kraftvolles Gemälde, das keinen kalt lässt.

von Harald Witz


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