Und, wie oft? Eine harmlose Frage, auf den ersten Blick. 1945 im sowjetisch besetzten Teil Berlins nicht! Nachdem die letzte Schlacht um die Hauptstadt geschlagen wurde und das Dritte Reich am Boden liegt, tritt das nackte Überleben in der zerbombten Metropole in den Vordergrund. Dazu gehört für die berliner Frauen auch, Misshandlungen und Vergewaltigungen durch die Sowjetsoldaten zu entgehen. Ein dunkles Kapitel in der Nachkriegshistorie und Angesichts der Gräueltaten, welche die Wehrmacht in den Weiten Russlands beging, tabuisiert und bestenfalls zur geschichtlichen Randnotiz degradiert. Anonyma - Eine Frau in Berlin, nach dem gleichnamigen Roman, bricht mit dem Schweigen und holt dieses dunkle Kapitel zurück. Eine späte aber notwendige Aufarbeitung, die ruhig noch schonungsloser hätte ausfallen können.
Hier muss ein Wolf her, der mir die Wölfe vom Leibe hält. Offizier, so hoch es geht, Kommandant, General, was ich kriegen kann. Nach etlichen Vergewaltigungen beschließt Anonyma (Nina Hoss) sich als Beschützer einen sowjetischen Offizier zu suchen. Es ist allemal besser, sich ein und demselben Russen immer wieder hinzugeben, als fortwährend von jedem beliebigen Soldaten genommen zu werden. Die Frauen haben dieses Schicksal nicht selber verschuldet, aber unschuldig ist niemand. Ihre Männer waren es, die während des Russlandfeldzugs keine Missetat ausließen: Mord, Vergewaltigung, Brandschatzung. Diese Saat fällt nun auf sie zurück. Und die noblen deutschen Männer bieten nicht selten die Frauen freiwillig den Siegern an, um sich selber ein gnädigeres Schicksal erkaufen zu können. Ganz Berlin ist ein Bordell! Posaunen es die Sowjets bei jeder Gelegenheit hinaus.
Des Russischen mächtig, gelingt es Anonyma sich mit Major Andrej (Evgeny Sidikhin) zu "arrangieren". Solange er sie regelmäßig besucht, bleibt sie vor anderen Gästen verschont. Allerdings fordert noch ein junger Oberleutnant, mit dem sie vorher kurz fraternisiert hat, sein Recht. Zumindest wechseln sich nur noch die beiden ab. Im Haus der Witwe (Irm Hermann) geht es wie in einem Freudenhaus zu. Russische Offiziere kommen und gehen, feiern mit den Frauen rauschende Orgien und manch eine gibt sich nicht gänzlich ohne Vergnügen hin. Jung oder Alt, jede Dame bekommt Besuch und die Frauen witzeln darüber, machen in ihrer Not aus dem Wahnsinn eine Tugend. Die Gäste im Haus der Witwe bringen zu ihren Vergnüglichkeiten reichlich Geschenke mit: Kaffee, Zucker, Schnaps - Essen. Das Schicksal hat die Frauen zu Huren gemacht und als Huren, die sich den richtigen feilbieten, lebt es sich allemal besser. Doch sogar in solch einem Aberwitz können Gefühle entstehen: Anonymas Beziehung zu Andrej intensiviert sich. Ihr Mann ist aus dem Krieg nicht zurückgekehrt. Andrej hat seine Familie ebenfalls verloren. Und obwohl sie Welten trennen, ist Andrej bereit seine Offizierslaufbahn zu riskieren, um sie zu schützen.
Anonyma hat keinen Namen, darf keinen haben. Sie steht symbolisch für alle Frauen, denen dieses Schicksal zuteil wurde. Die Schätzungen gehen von etlichen Zehntausenden bis über eine Million Vergewaltigungen aus. Die Frauen schwiegen, wollten nicht, dass ihre Männer, wenn sie aus der Gefangenschaft zurückkehrten, erführen, was man mit ihnen gemacht hatte, und was sie mitunter freiwillig taten. Sie wussten, was sie ertragen hatten, würden ihre Männer nicht ertragen und ihnen nicht vergeben wollen. Die Doppelmoral einer männerdominierten Gesellschaft, die durch ihr Handeln im Krieg ihnen dieses Schicksal als Vermächtnis hinterließ, würde als Anklage und Stigma ewig an ihnen haften.
Das bis heute anonym gebliebene Tagebuch einer deutschen Journalistin, dessen Neuauflage 2003 die Bestsellerlisten besetzte, bricht das Schweigen und erzählt die Geschichte aus der Sicht einer starken Frau, die sich mit der Opferrolle nicht begnügen will. Anonyma - Eine Frau in Berlin, als filmische Adaption, beschreitet eine schwierige Gratwanderung: zwischen dem Anspruch journalistischer Korrektheit durch einen Erzählstil, der in seiner Nüchternheit der Selbstschutz-Distanziertheit der Tagebuchautorin Rechnung trägt und der Verpflichtung Tabus zu brechen und schonungslos offen Aufarbeitungsarbeit zu leisten.
In einigen Punkten brilliert der Film: Mit kühler Sachlichkeit werden die Ereignisse geschildert, die Handlung nimmt ihren Lauf, und die Beteiligten werden im Sog mitgerissen. Sich zu wehren, hieße gegen den übermächtigen Strom ankämpfen. Diese Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit und die Wendung in ein teilweise selbst bestimmtes Leben, sei es auch in der Existenz als Hure, wird glaubhaft aufgefangen und widergespiegelt. Es werden weder moralische Wertungen getroffen, noch wird das Täter-Opfer-Verhältnis verdreht. Aus den Handlungen der sowjetischen Soldaten wird nicht das Bild des "bösen Russen" synthetisiert. Es gab Ursachen für dieses Verhalten, aus dem erneuten Unrecht aber kann keine Gerechtigkeit entstehen. Diese Botschaft wird klar herausgearbeitet.
Obschon die Darsteller sich redlich Mühe geben, ist die Story dennoch nicht wirklich mitreißend, schwächelt gelegentlich sogar, da die Realität wesentlich brutaler gewesen ist, als hier eingefangen wird und deshalb berühren die Schicksale nicht genug. Vielleicht war es Absicht, da sonst die Gefahr bestünde einseitig wertend zu werden und aus den russischen Soldaten Monster zu machen, der Dramaturgie hat man damit keinen Gefallen getan. Ebenso wäre es sinnig gewesen, das Verhalten der deutschen Männer stärker zu beleuchten. Die Motive der Frauen bekämen somit deutlich mehr Gewicht. Anonyma - Eine Frau in Berlin ist ein guter Versuch, mit wertvollen Ansätzen. Zu einer konsequenten filmischen Aufarbeitung gehört etwas mehr.